Der Mann im dunkelblauen Anzug japst auf und ballt die Faust, als nur wenige Meter vor ihm ein 138-Kilo-Koloss auf die Bretter fliegt. Ein Rumms hallt durch die Arena, die Zuschauer grölen. Das Ergebnis stimmt: Rusev, der böse Russe und Putin-Propagandist, hat soeben gegen John Cena verloren, den nice guy aus der U. S. Army und klaren Liebling der Zuschauer. "Wahnsinn, was die da abliefern", sagt Stefan Kastenmüller über die Gestalten im Ring und schüttelt ungläubig den Kopf. Schwer zu sagen, ob er noch staunender Neuling ist oder schon kalkulierender Strippenzieher. Er hat sich wohl selbst noch nicht entschieden.

Seit Ende März ist der 51-jährige Deutsche neuer Europachef des börsennotierten US-Konzerns World Wrestling Entertainment (WWE). In dessen Auftrag soll er die bizarren Prügelorgien nun auch auf dem Alten Kontinent in einträgliche Geschäfte verwandeln. In den Vereinigten Staaten ist die brachiale Form der Unterhaltung seit Jahrzehnten etabliert. Manche Darsteller sind ähnlich berühmt wie Sport- oder Hollywoodstars. Die WWE beschreibt sich als "die Soap Opera im Ring", denn Woche für Woche tragen die Wrestler ihre Fehden in Form von Showkämpfen aus, die durch melodramatische Plots aufgepeppt werden. Gründe zum Draufschlagen gibt es immer: Mal ist es der Streit zwischen Geschwistern, mal eine eskalierende Eifersuchtsszene, mal die Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln.

Die Fans fiebern mit, als ginge es wirklich um Leben und Tod

In diese Kategorie fällt die Streitsache Rusev gegen Cena, die gerade zugunsten des Amerikaners entschieden wurde. Die Show war ganz nach Kastenmüllers Geschmack, vor allem wegen der äußeren Umstände: Das Schlachtfeld liegt in Hamburg. Etwa 8.000 Zuschauer in der O₂-Arena haben im Schnitt 60 Euro pro Ticket bezahlt. Viel Geld für eine Hau-drauf-Orgie, die nicht einmal echt ist. Welcher der Muskelprotze im Ring den Kampf gewinnt, ist stets abgesprochen. Die scheinbar mörderischen Schläge sind Stunts. Jeder weiß das. Aber die Fans fiebern mit, als ginge es wirklich um Leben und Tod.

Drei Reihen vom krachenden Ring entfernt nimmt sich Kastenmüller zurück, bleibt entspannt wie ein Genießer auf einem Klappstuhl sitzen, während um ihn herum alle stehen und grölend Banner schwenken. Einige bejubeln den siegreichen John Cena, andere beschimpfen den am Boden liegenden Rusev. "Als ich das hier zum ersten Mal sah, konnte ich es nicht glauben", sagt Kastenmüller, "eine so involvierte Crowd kannte ich nicht mal vom Fußball." Mit derart großer Anteilnahme könne man arbeiten, dachte er, heuerte vor zwei Jahren bei der WWE an und stieg schnell auf. Er sei glücklich in seinem Job. Aber ja: Er habe viel zu erklären.

Da wäre etwa die Frage, warum die Europäer ausgerechnet jetzt massenhaft begeistern soll, was sie seit Jahrzehnten kaltlässt. Wrestling kennt keinen echten Wettkampf, es ist also kein Sport im eigentlichen Sinn. Als Bühnenspiel indes unterscheidet es sich dramatisch vom Theater: Zu simpel sind die Plots, als dass sie den Zuschauer auf gedankliche Höhen bringen könnten. Wrestling ist alles andere als ambivalent oder subtil. Die Shows sind voll dröhnender Musik, schriller Farben und versprechen die härtesten Kämpfe der Menschheitsgeschichte in Serie. Es gibt den Guten und den Bösen, Amerika und Russland, aber nichts dazwischen. Ist das noch Spaß?

"Manchmal ist es schon anstrengend, gegen vorgefertigte Meinungen anzureden", sagt Kastenmüller. Mittlerweile hat er seinen Platz verlassen und geht zum Backstagebereich. Währenddessen marschiert schon der nächste Kämpfer zum Ring, begleitet von Lasershow und Rockmusik. Wer Wrestling verstehen wolle, müsse es erleben, sagt Kastenmüller. Zu seinem Jobstart habe er 80 skeptische Kollegen aus der Unterhaltungsbranche zu einem Kampf eingeladen. Unisono hätten hinterher alle geschwärmt, sagt Kastenmüller. Verwundert habe ihn das allerdings nicht. War bei ihm ja auch so, sagt er.

Ursprünglich hatte der gebürtige Münchner nur "wenig Bezug" zu Wrestling, wie er sagt. Sein Herz gehörte schon als kleiner Junge eher dem FC Bayern. Aber auch zu alternativen Arten des Entertainments hegte Stefan Kastenmüller früh eine zaghafte Liebe, die Unterscheidung von Kultur in E und U, in Ernsthaftes und Unterhaltendes, ist ihm fremd. Black Music und ein DJ-Austauschprogramm führten ihn für einige Zeit in die Vereinigten Staaten. Dort hörte er gegen Ende des Kalten Kriegs erstmals von Hulk Hogan, einem mittlerweile gealterten, blondbärtigen Muskelmann, der dem Wrestlinggeschäft bis heute ein Gesicht gibt. Die Branche wirkte aber schon damals halbseiden.

Um mitzumachen, fehlte Kastenmüller zunächst der Stallgeruch. Der Kontrast hätte kaum größer sein können: In München kennt man die Kastenmüllers als Unternehmerfamilie, die seit 150 Jahren Mühlen baut. Als ältester von drei Brüdern hätte Stefan den Betrieb eigentlich vom Vater übernehmen sollen – er hatte aber keine Lust und überließ die Aufgabe dem jüngsten Bruder Andreas. Und dann fühlte sich die Familie noch sehr der bürgerlichen Kultur verbunden. Peter, der mittlere Kastenmüller-Sohn, ist heute Intendant des Neumarkttheaters in Zürich. So gesehen, war Stefan immer schon ein Spezialfall.

Prominenz soll Kastenmüller helfen

Kurz nach der Wiedervereinigung heuerte er zunächst als Trainee beim Tabakkonzern Philip Morris an. Dort rauchte er die Konzernmarke Marlboro, denn Identifikation mit dem Produkt war für Kastenmüller nie ein Problem. Nach einem Wechsel zum Musiksender MTV wurde er zum Hip-Hop-Fan, später bei Disney ein Liebhaber der Kindersendung Power Rangers. Als er beim Schweizer Verlag Ringier die Unterhaltungssparte verantwortete, pries er unablässig den Charme von Frauenmagazinen. "Begeistern kann ich mich für alles, was unterhalten kann", sagt er heute. Ist wohl so. Deswegen klappte es vor zweieinhalb Jahren auch beim WWE, wo er zunächst für Deutschland zuständig war.

Aus der Tasche kramt er ein Buch hervor mit dem Titel "Harte Männer"

Kritiker würden Kastenmüller vorhalten, überflüssige Produkte zu verkaufen – aber darin ist er recht erfolgreich. "Mich reizen ja vor allem spannende Wertschöpfungsketten", sagt er, während im Ring halb nackte Muskelprotze, begleitet vom Gejohle der Massen, krachend auf den Boden aufschlagen. So soll es sein. Das hat Potenzial.

Backstage, wo es etwas leiser ist, steht eine große Tasche in einer Ecke. Kastenmüller greift hinein und kramt ein Buch hervor: "Harte Männer" von Philipp Kutzelmann, einem Experten für die Geschichte und Bedeutung des Wrestlings in Nordamerika. Für Kastenmüller ist es ein Lehrbuch.

Er lernte daraus, wie wichtig Liveberichterstattung im Fernsehen war. Und er verstand, wie Wrestling wirtschaftlich erfolgreich werden konnte. Eigentlich ist es ganz einfach: Je verrückter die Konflikte und je absurder die Formate, desto mehr Menschen schauen zu. Klassische Geldbringer sind bis heute beispielsweise die table matches, in denen der Sieger seinen Gegner durch einen Tisch rammen muss. Oder barbed wire matches mit Stacheldraht-Einlagen. Ebenfalls beliebt ist die Variante last man standing, bei der der Ring zunächst voll mit Wrestlern ist, die sich so lange prügeln, bis nur noch einer übrig ist.

In den Vereinigten Staaten laufen Kämpfe der WWE im Pay-TV, das bringt das Geld. Aber auch Eintrittskarten für die Arenen und das Merchandising spielen Millionen ein. Die Gänge der großen Sporthallen sind dann voll mit Souvenirläden und Fanshops. In Hamburg legen Fans bis zu 200 Euro für eine Kopie eines vermeintlich echten Championgürtels hin, zahlen bereitwillig 30 Euro für Spielfiguren der Muskelprotze. Bei der Wrestlemania, der wichtigsten Veranstaltung des Jahres, füllte die WWE Ende März das American-Football-Stadion der legendären San Francisco 49ers mit 77.000 Zuschauern. Vor den Fernsehern saßen Millionen weitere. Wrestling sei ein Spektakel für alle Schichten, betont Kastenmüller und spricht von family entertainment.

Von Familienunterhaltung ist man zumindest in Deutschland weit entfernt. Das ist vielleicht die größte Aufgabe für Kastenmüller. Anders als in den USA darf Wrestling wegen des Jugendschutzes erst nach 22 Uhr im Fernsehen laufen. So freut sich Kastenmüller schon über Marktanteile von gut drei Prozent auf Tele 5, das sind etwa 350.000 Zuschauer. Wrestling ist hier weniger family entertainment als etwas, über das man heimlich spricht. Wenn überhaupt.

Mit seinem Bruder, dem Theaterintendanten, diskutiert er manchmal: Warum sollten die Leute nicht auch durch die scheinbar brutalen Showkämpfe ihre Katharsis finden können, die Heilung der Seele, die Aristoteles zum Zentrum seiner Dramentheorie machte? Immerhin hat es Kastenmüller in den zweieinhalb Jahren bei der WWE geschafft, einer größeren Zahl der Deutschen so etwas zu verklickern. Das Niveau ist niedrig, aber die Einschaltquoten für Wrestling liegen dreimal höher als der Durchschnitt aller Sendungen bei Tele 5. Immerhin.

Prominenz soll Kastenmüller helfen: Mit dem ehemaligen Fußballnationaltorwart Tim Wiese verhandelt er medienwirksam über ein Engagement. Während der Show in Hamburg hüpft TV-Koch und Wrestlingfan Steffen Henssler plötzlich in den Ring. Öfter fällt der Name Matthias Ilgen, Amateurkämpfer und SPD-Bundestagsabgeordneter. Für den weltweit potenziell zweitgrößten Markt Deutschland, den seine Chefs aus den USA schon lange erobern wollen, hat Kastenmüller mit der Mischung aus altgriechischer Kulturphilosophie, Bundespolitikern und Fußballstars jedenfalls viele Register gezogen.

Falls das nicht reicht, könnte er sich an WWE-Chef Vince McMahon orientieren. Bei schlechten Einschaltquoten hat der früher schon mal Probleme der Geschäftsführung ins Drehbuch eines Kampfes schreiben lassen. Als geldgieriger Manager stieg er selbst in den Ring und ließ sich verhauen.

Rein äußerlich wäre Kastenmüller das auch zuzutrauen. Zwei Meter groß, 98 Kilo schwer und mit gestutztem Bart ginge er als Bösewicht durch. Angesichts der Realität im Ring ist aber nicht anzunehmen, dass er es wirklich täte. "Als Erstes müsste ich mit meinem Orthopäden sprechen", sagt er. Denn der Kampf im Ring mag ja abgesprochen sein. Aber ohne Blessuren kommt da keiner raus.