Die Nacht ist schnell. Die Sonne fällt rot und senkrecht hinter den Horizont der Kalahari. Minuten später hängt schon der Mond als schiefe Sichel am Himmel. Das Kreuz des Südens ist aufgegangen. Und die Bewohner von Den!ui* sitzen versammelt auf dem Platz ihres Dorfes. 27 Menschen starren auf eine Leinwand, die deutsche Wissenschaftler an der Außenwand einer Lehmhütte festgezurrt haben. Bewegte Bilder aus einer Höhle sind zu sehen, Bilder aus einer anderen Welt.

Dort ist Namibia weit weg. Männer mit Funzeln tasten sich im Film durch Finsternis, sie leuchten auf Malereien im Fels, auf gepunktete Pferde, auf Löwen, Höhlenbären, Wisente, virtuos verewigt mit Holzkohle und Ocker auf blankem Fels in einer Grotte in den französischen Pyrenäen. Dann, undeutlich am Boden: Fußspuren. Steinzeitliche Jäger und Sammler, vielleicht die prähistorischen Künstler selbst, haben sie einst hinterlassen. Im frostigen Klima der Eiszeit suchten sie diese Orte auf. Rund 17.000 Jahre ist es her, seit Menschen in den Höhlen durch feuchten Lehm gingen – Spuren hinterlassend, die bis heute nicht verschwunden sind.

Schnitt, auf der Leinwand in der nächtlichen Kalahari sind nun nicht mehr die prähistorischen Abdrücke zu sehen. Jetzt spricht /Ui Ga!o in die Kamera. Die Leute lachen, als sie ihn sehen. Sie kennen ihn gut. In dem Dokumentarfilm Fußspuren in die Vergangenheit spielt /Ui aus ihrem Dorf eine zentrale Rolle. Als ausgewiesener Experte wird er interviewt. Aufmerksam hören die Bewohner von Den!ui zu, als der Fährtenleser in der charakteristischen Klicklaut-Sprache der namibischen San-Völker erklärt, was er auf dem Boden der Eiszeithöhle erkennen kann.

Ein ungewöhnliches Forschungsprojekt ist der Grund dafür, dass in einer warmen Wüstennacht auf einer Leinwand in der Kalahari sich Jäger der San durch Pyrenäenhöhlen zwängen. Zwei deutsche Archäologen hatten sich Rat bei den Fährtenlesern geholt, um die Fußabdrücke eiszeitlicher Jäger in Europa neu zu interpretieren. "Tracking in Caves" heißt das Projekt: Archäologen auf Spurensuche in Höhlen.

Dabei ist dieser Film entstanden. Für das Arte-Publikum in Deutschland und Frankreich, aber auch für eine vierwöchige Tour durch Namibia. Die Forscher, das war von Anfang an ihr Plan, kehren mit dem Wissen, das sie sich in Afrika geborgt haben, dorthin zurück. Die San sollen erfahren, wie ihre kompetentesten Fährtenleser den Archäologen helfen, moderne Forschung voranzubringen.

2008 kamen Tilman Lenssen-Erz von der Universität Köln und Andreas Pastoors vom Neanderthal Museum in Mettmann auf die Idee, das Wissen der San zu nutzen. Es ist nur mündlich überliefert. Von jagenden Vätern wird es an jagende Söhne weitergegeben, seit unzähligen Generationen. Die San können an den Abdrücken im Sand erkennen, ob ein Mann oder eine Frau dort entlanggegangen ist, wie alt die Person war, wie eilig sie es hatte. Sie unterscheiden die Spuren der Springböcke von denen anderer Antilopenarten und erkennen, vor wie vielen Stunden ein Leopard durch den Busch geschlichen ist. Tagelang, sich von wilden Früchten ernährend, verfolgen sie ein einzelnes, mit dem Giftpfeil angeschossenes Tier anhand der Abdrücke seiner Hufe – um es schließlich zur Strecke zu bringen.

Dieses seltene Wissen, das nur noch vereinzelte Jäger- und Sammlergemeinschaften besitzen, soll dokumentiert, genutzt und erhalten werden. Und die deutschen Forscher versprechen sich davon neue Erkenntnisse: Wer war damals am Ende der Eiszeit in den Pyrenäen-Höhlen unterwegs, wer durchschritt, im Schein von Fettlampen, die unwirtliche Finsternis und hinterließ dabei im Boden Abdrücke, die Archäologen bis heute rätseln lassen?

Sanfte Unebenheiten im Sand – nur wenige Menschen auf der Welt sind noch in der Lage, aus solch feinen Strukturen so viel herauszulesen wie /Ui Ga!o, /Ui Kxunta und Tsamkxao Ciqae. Deren Geschick konnten wir am Vormittag beobachten. Mit /Ui Kxunta fuhren wir hinaus in savannenartige Wildnis. Als vor uns Elefantendung im Staub der Sandpiste liegt, springen wir aus dem Auto – zur Fußabdruckanalyse.

"Ein reifer Bulle", sagt /Ui, "gestern Abend hier vorbeigekommen." Wir starren auf den Sand und fragen uns, woher /Ui diese Informationen hat. Es sind nur Rillen zu sehen. Immerhin eine Musterung erkennen wir Laien. "Hier der Hinterfuß", sagt /Ui. Länglich, fast 50 Zentimeter lang. "Da der Vorderfuß", kreisrund und 40 Zentimeter im Durchmesser – Bullengröße.

Wir fühlen uns wie Erstsemester, als der Meister anhebt: Der Hinterfuß mit starkem Profil drückte ein deutlicheres Muster in den Staub; der runde Vorderfuß des Großsäugers dagegen hinterließ Spuren wie ein abgefahrener Reifen. /Ui nennt uns den Grund, zeigt uns mit allen Vieren die Bewegungen, bei denen der Elefant im Lauf vieler Lebensjahre das Profil seines Vorderfußes mehr abgeschliffen hat als seine hinteren Sohlen. Dass der Bulle gestern hier durchkam, erkennt /Ui an den Kanten der Spuren – ihnen hat der Wind über Nacht die Schärfe genommen.

/Ui Kxunta, /Ui Ga!o und Tsamkxao Ciqae beeindrucken uns oft in diesen Tagen, während derer wir sie durch den Busch begleiten: Sie entdecken frische Spuren einer Schwarzen Mamba und raten uns, den Affenbrotbaum, auf dem wir herumlümmeln, zu meiden – das Reptil hat dort sein Nest. Sie zeigen uns Kudu-, Nashorn-, Warzenschwein-, Wespen-, Frosch- und Löwenspuren im Sand – und frische Leopardenfäkalien unweit unserer Zelte. Sie zeigen uns, wo ein hungriges Stachelschwein über die Straße lief und dann an der Staude einer wilden einheimischen Gurkenart herumknabberte.

Als wir einmal gerade dabei sind, den Schlafplatz unter Bäumen einzurichten, beweisen sie uns erneut ihre Hochbegabung. Sie warnen uns vor einer kaum sichtbaren Grünen Mamba, die über uns im Geäst baumelt – während wir Europäer eilig angefangen hatten, Zeltstangen zusammenzustecken, folgten sie erst präventiv den filigranen Spuren im Sand und entdeckten die Giftschlange. Nun raten sie uns, die Zelte abseits aufzuschlagen, im schattenlosen Gelände, trotz mörderischer Hitze.