Am 1. September 1939 schreibt Astrid Lindgren in ihr Tagebuch: "Heute begann der Krieg. Niemand wollte es glauben. Gestern Nachmittag saßen Elsa Gullander und ich im Vasapark, und die Kinder rannten und spielten um uns herum, und wir schimpften in aller Gemütsruhe auf Hitler und waren uns einig, dass es wohl keinen Krieg geben würde – und heute!" Wenige Jahre später wird die Tagebuchschreiberin weltberühmt sein. Aber an diesem 1. September 1939 ist sie 32 Jahre alt, hat zwei Kinder und ist Sekretärin.

Siebzig Jahre nach Kriegsende sind die Kriegstagebücher von Astrid Lindgren in Schweden erschienen und bilden den vorläufigen Höhepunkt einer neuen Lindgren-Welle: Zu Weihnachten lief ein großer Dokumentarfilm in drei Teilen im schwedischen Fernsehen, etwa zur selben Zeit erschien eine neue Biografie eines dänischen Autors auf Schwedisch. Der Film (er wurde in gekürzter Fassung am 24. Mai im deutschen Fernsehen auf Arte ausgestrahlt) beruht auf Interviews und alten Filmdokumenten. In schneller Folge sieht man Stationen aus Astrid Lindgrens Leben, hört sie über ihre Kindheit in ihrem schwedischen Heimatort Vimmerby sprechen und sieht sie in einer Sequenz als Kind auf einer Treppe in Vimmerby, hinter ihr der 30 Jahre ältere Reinhold Blomberg, Chefredakteur und Verleger der Zeitung von Vimmerby und Vater ihres ersten Kindes Lasse – ein schwedischer Bilderbogen ohne Tiefgang.

Die neue Biografie des dänischen Autors Jens Andersen dagegen versucht sich an einem Porträt der Autorin. Er zeichnet ausführlich ihre Kindheit und Jugend nach und wertet ihre erste Schwangerschaft als den Schlüsselmoment ihres Lebens: Reinhold Blomberg will sie heiraten, aber die junge Mutter lehnt das ab. Auch die Entscheidung, wo sie ihr Kind zur Welt bringt, trifft sie selbst. Astrid Lindgren heißt damals noch Astrid Ericsson, sie trägt als Erste in der Stadt einen Bubikopf, unternimmt mit ihren Freundinnen eine mehrtägige Wanderung und entscheidet sich gegen die Sicherheit und für ein selbstständiges Leben. Sie geht nach Stockholm und beginnt eine Ausbildung zur Sekretärin. Lasse lebt in Kopenhagen bei einer Pflegefamilie. Erst als sie mit Sture Lindgren, ihrem Chef beim königlichen Automobilclub, liiert ist, holt sie ihren Sohn nach Hause. Der Biograf sieht in dem kleinen verlassenen Lasse das Urmodell für die vielen einsamen, elternlosen Kinder, die das Werk Astrid Lindgrens bevölkern.

Während die Biografie von Jens Andersen ein wenig überraschendes Psychogramm der hin- und hergerissenen jungen Mutter skizziert, bietet das Tagebuch Einblicke in das Leben einer hellsichtigen, politischen Zeitgenossin. Es ist ein einmaliges Dokument über die Sicht auf Nazi-Deutschland und den Krieg vom neutralen Schweden aus – und das Zeugnis einer geradezu Besessenen, gespeist aus allen Quellen, die Lindgren auftreiben kann. Äußert detailliert beschreibt sie darin, wie sich die Fronten verändern – und wie der Krieg sich zu Hause bemerkbar macht, etwa als im Februar 1940 das Brennmaterial knapp wird: "Das mit dem Lüften und der frischen Luft haben wir beinahe abgeschafft, wir, die das Jahr über immer bei offenem Fenster schliefen. (…) Ich habe mir einen Pelz gekauft – obwohl der Weltuntergang wohl kommen wird, bevor ich ihn auftragen kann."

"Ich sage lieber mein Leben lang ›Heil Hitler‹, als die Russen hier zu haben"

Als die Sowjetunion 1939 den Nachbarstaat Finnland angreift, hat sie "den ganzen Tag zitternde Knie" und fragt sich: "Wie soll es werden? Welches Schicksal erwartet uns? Und das arme Finnland?" Sie findet es bitter, dass Schweden keine französischen und englischen Truppen passieren lässt, um Finnland zu helfen, und erwartet das Schlimmste, als die Deutschen Norwegen besetzen, angeblich, um die Neutralität Norwegens zu verteidigen: "Wir erwarten die allgemeine Mobilmachung, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Deutschen auch unsere Neutralität ›verteidigen‹."

Doch wie neutral ist Schweden? Ein Jahr nach Beginn des Krieges notiert Astrid Lindgren, dass die Stimmung in Norwegen Schweden gegenüber feindlich sei, weil Schweden deutsche Truppentransporte passieren lasse. "Es ist ein offenes Geheimnis. Wir machen das wohl, weil wir müssen – und weil wir eine Art Kuhhandel mit Deutschland haben."

Wie bei manchen ihrer Landsleute, ist ihr Urteil über die Aggressoren ambivalent. Einerseits schreibt sie im Mai 1940: "Deutschland gleicht einem Untier, das regelmäßig aus seiner Höhle kommt, um sich über ein neues Opfer zu werfen. Es kann etwas nicht stimmen mit einem Volk, das alle 20 Jahre die ganze Menschheit gegen sich hat." Einen Monat später spricht sie jedoch aus, was viele Schweden denken: "Das Schlimmste ist, dass man sich kaum Deutschlands Niederlage wünschen kann. (…) Ein schwaches Deutschland kann für uns im Norden nur eines bedeuten – dass wir die Beute Russlands werden. Und ich glaube, ich sage lieber mein ganzes Leben lang ›Heil Hitler‹, als die Russen hier zu haben."