Philip, meistens werfe ich dir vor, zu wirtschaftsfreundlich zu sein – diesmal allerdings muss ich mich zum Anwalt der Unternehmen machen. Du hast natürlich recht: So wie die Erbschaftsteuer heute ausgestaltet ist, verstößt sie gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung. Du übersiehst dabei aber, dass man eine Gesellschaft sinnvollerweise nicht nach abstrakten Grundsätzen ordnen sollte.

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der der deutsche Mittelstand mit seinen Familienunternehmen und den sie finanzierenden Sparkassen und Genossenschaftsbanken international als eine Art Überbleibsel aus dem 19. Jahrhundert galt, das dringend zu beseitigen sei. Den Deutschen wurde empfohlen, ihre Firmen für frisches Kapital und neue Eigentümer zu öffnen – auf dass die Marktkräfte ihr segensreiches Werk tun können. Für Traditionen und Werte interessierte sich damals niemand.

Eine weltweite Finanzkrise später gilt ebendieser Mittelstand als Erfolgsgarant, weil er in turbulenten Zeiten für Stabilität sorgt. Es hat sich gezeigt, dass historisch gewachsene Strukturen auch ihre Vorteile haben. Familien als Eigentümer können eine langfristige Perspektive einnehmen, die Aktionären oder Beteiligungsgesellschaften oftmals abgeht.

Die vermeintliche Schwäche der deutschen Wirtschaft hat sich also als Stärke erwiesen. Eine radikale Reform der Erbschaftsteuer, wie du sie dir vorstellst, würde deshalb das Land verändern – und ich fürchte, gerade aus Sicht der Arbeitnehmer nicht zum Besseren. Denn mit einem Erben, der sich für das Schicksal des ihm überlassenen Unternehmens verantwortlich fühlt, dürfte den Mitarbeitern in aller Regel eher gedient sein als mit einem überengagierten Manager, der nur die nächsten Quartalszahlen im Blick hat.

Auch unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten ist die Anhäufung von Vermögen weniger problematisch, wenn dieses Vermögen nicht angetastet wird, sondern in einem Betrieb steckt und damit der Allgemeinheit zugute kommt. Aus diesem Grund halte ich es für absolut vertretbar, mit Betriebsvermögen anders umzugehen als mit Finanzvermögen.

Deinem Vorschlag liegt die Vorstellung zugrunde, dass ein einfacheres Steuersystem auch ein besseres Steuersystem ist. Doch die Welt ist nun einmal kompliziert, und das muss bei der Festlegung der Steuerbelastung berücksichtigt werden. Wenn Vermögen dem Zweck dienen, Arbeitsplätze zu erhalten, und die Beschäftigten angemessen entlohnt werden, dann sollten diese Vermögen eine steuerliche Sonderbehandlung erfahren. Wenn ein Eigentümerwechsel allerdings aus gesamtwirtschaftlicher Sicht keinen Mehrwert schafft, sollte der Fiskus die Erben kräftig zur Kasse bitten.

In der Praxis würde das zum Beispiel darauf hinauslaufen, dass bei der Übertragung von Aktienpaketen, Bargeld oder Immobilien sogar höhere Erbschaftsteuern als bisher anfallen. Niemand hat schließlich etwas davon, wenn ich das Konto meiner Eltern plündere, um mir ein schönes Leben zu finanzieren.

Mit anderen Worten: Wir sollten Vermögen entsprechend dem gesellschaftlichen Nutzen besteuern, den es stiftet. Firmenerben würden geschont, wenn sie das Unternehmen weiterführen. Wenn sie es allerdings verkaufen oder mehr Gewinne entnehmen wollen, dann würden sie behandelt wie alle anderen Kapitaleigentümer und müssten Steuern bezahlen. Dass das mit der Verfassung nicht vereinbar ist, ist mir klar. Aber Verfassungen kann man ändern. Dein Mark

Lesen Sie hier den Text von Philip Faigle.