Wenn es den Begriff Arte povera nicht schon gäbe, dann müsste man ihn für diese Ausstellung erfinden: dilettantische Malerei in Essig und Öl, mit derbem Strich auf klobige Holzplanken gepinselt. Die Hängung folgt dem Prinzip Chaos, mal hoch, mal tief, wie es der Zufall will. Die Werkbezeichnungen sind salopp mit Kugelschreiber hingekritzelt worden.

Es handelt sich um Porträts, die Persönlichkeiten wie Fud Leclerc, Jahn Teigen, Sebahudin Kurt oder Eleonore Schwarz zeigen. Leute, die niemand kennt und die eines gemeinsam haben: Sie nahmen an dem Eurovision Song Contest (ESC) teil und beendeten den Abend, ohne auch nur einen einzigen Punkt nach Hause zu bringen. The Nul-Pointers nennt sich folgerichtig die Ahnengalerie der absoluten Loser, die der Cartoonist, Bachmannpreisträger und Teilzeitmaler Tex Rubinowitz im Wiener Leopold Museum installierte. "Sieger sind langweilig", sagt er: "Mich interessiert viel mehr, wie die totalen Verlierer mit ihrer Niederlage umgehen. Und wie mit ihnen umgegangen wird. Als der Norweger Jahn Teigen im Jahr 1978 mit null Punkten nach Hause kam, wurde er getröstet und aufgebaut. Als Thomas Forstner mit Venedig im Regen das gleiche Schicksal erlitt, ergossen sich daheim in Österreich ganze Kübel voller Hass und Häme über ihn. Das zeigt schon Unterschiede im Nationalcharakter."

Wenn ein hipper Künstler wie Tex Rubinowitz sich in einem seriösen Museum mit einer Ausstellung rund um den Song Contest ausbreiten darf, so zeigt dies, dass die Veranstaltung in den letzten Jahren offensichtlich eine gewaltige gesellschaftliche Aufwertung erfahren hat. Jahrzehntelang wurde der altbackene Schlagerwettbewerb, der 1957 nach dem Vorbild des Festivals von San Remo modelliert worden war und sich lange Zeit das lammfromme Aroma der biedersinnigen fünfziger Jahre bewahrte, von progressiven Geistern belächelt, wenn nicht sogar verabscheut. Mittlerweile ist das europäische Wettsingen für viele aus der Riege der kreativen Köpfe zu einem Pflichttermin geworden. Es sind alles Leute, die üblicherweise über Geschmacksintelligenz verfügen und ein Gespür für die feinen Unterschiede haben. "Ich schau mir das nicht ironisch an", beteuert Rubinowitz. "Ich hab das nie ironisch gesehen. Eher mit Interesse: Wie bewegen sich diese Leute, wie ist ihr Song gebaut? Ist der mittelmäßig, oder kann der was im Hinblick auf einen Welterfolg?"

Vor dem TV-Gerät wird geschrien wie bei einem packenden Fußballspiel

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Der Zeichner ist beileibe nicht der einzige in Underground und Gegenkultur verwurzelte Bohemien, der dem ESC wohlwollendes Interesse entgegenbringt. Bei Kreativdirektoren und Textchefs, bei Regisseuren, DJs, App-Designern, Luftgitarristen, Lebenskünstlern oder Hipstern mit Bart und Tattoos am Unterarm, also bei Leuten, die sich nie im Leben den Musikantenstadl oder Carmen Nebel ansehen würden, gehört es schon seit geraumer Zeit zu einer beliebten Gepflogenheit, jedes Jahr im Mai beim Song Contest die Korken knallen zu lassen. Man versammelt sich gerne in großer Runde – "Alleine kann man das nicht sehen, da wird man depressiv", gesteht Rubinowitz – und lässt alkoholische Getränke kreisen. Es werden kleine Wetten auf den eigenen Favoriten abgeschlossen, und man beteiligt sich an dem Spektakel mit Schreien, Jubeln und Stöhnen, als wär’s ein packender Fußballabend.

Zum unironischen Umgang mit dem Song Contest bekennen sich in Österreich Leute wie der Schriftsteller Manfred Rebhandl, die Künstlerin Ursula Hübner, Professorin an der Kunst-Uni Linz, oder der italienischstämmige Galerist und Performer Salvatore Viviano, der oft gemeinsam mit der Künstlergruppe Gelitin auftritt.