DIE ZEIT: Herr Münkler, Ihre Vorlesung Politische Theorie und Ideengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin wird von einem anonymen Studenten-Blog namens Münkler-Watch begleitet. Man wirft Ihnen vor, in der Vorlesung Rassismus, Sexismus, Militarismus zu verbreiten.

Herfried Münkler: Ich fühle mich dadurch nicht charakterisiert. Man wirft mir zum Beispiel vor, dass Frauen als Denkerinnen in der Vorlesung zu wenig Beachtung finden. Wenn ich die politische Ideengeschichte von Platon bis heute darstelle, sind intellektuelle Frauen eben in der Minderheit. Ich arbeite in dieser Einführungsveranstaltung einen relevanten Kanon ab und betreibe keine Postcolonial Studies. Es heißt dann, das sei eurozentristisch und rassistisch. Ich kann die Geschichte aber nicht nach Belieben verändern, damit es ins politische Raster einiger Leute passt.

ZEIT: Es heißt, Sie seien ein Militarist.

Münkler: Ja, und zwar weil ich den frühneuzeitlichen Staat dargestellt habe als einen, der auf zwei Säulen basiert: der Bürokratie und dem Militär. Man wirft mir vor, dass ich die Instrumente der Durchsetzung von Macht thematisiere. Die gibt es aber, das kann ich nicht ändern. Hinzu kommt, dass die Kritiker einfach nicht bereit sind, die Rollenteilung in der modernen Welt zu akzeptieren: Auf der einen Seite bin ich ein public intellectual mit dezidierten Meinungen, auf der anderen Seite ein Hochschullehrer, der Gutachten sowohl für die Adenauer-Stiftung als auch für die Rosa-Luxemburg-Stiftung abfasst.

ZEIT: Die Blogger klagen Ihren hohen Verfilzungsgrad an, Sie pflegten als Regierungsberater eine zu enge Nähe zum politischen Betrieb.

Münkler: Ich bin Mitglied des Beirats der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, was angeprangert wird. Anfang des vergangenen Jahres wollte der Außenminister die deutsche Außenpolitik evaluiert wissen. Also habe ich eine Studie über die Verwundbarkeiten deutscher Außenpolitik geschrieben. Inwiefern soll das problematisch sein? Ich kassiere kein Geld dafür. Glauben Sie im Ernst, dass eine Wissenschaft, die nicht in die Gesellschaft wirkt, besser sei? Oder dass eine unberatene Politik eine bessere Politik sei?

ZEIT: Aber Sie genießen politischen Einfluss.

Münkler: Ach, das weiß man gar nicht so genau. Ich möchte das, was ich für argumentativ vertretbar und sinnvoll halte, einbringen und Anregungen geben, die sich aus meiner Forschung speisen. Ich verstehe mich eben als Bürger im Sinne des Citoyen.

ZEIT: Sie werfen Ihren Kritikern Reinheitsfantasien vor?

Münkler: Genau so ist das. Diese Kritik an Hochschullehrern, die in die Gesellschaft oder Politik hineinwirken, gab es schon früher, allerdings von konservativer Seite. Im 19. Jahrhundert sollte der Hochschullehrer ausschließlich der Wissenschaft verpflichtet sein. Das ist in den Kultur- und Sozialwissenschaften illusorisch und auch gar nicht wünschenswert.

ZEIT: Die Kritik im Blog zielt auch auf Ihre Rhetorik, auf Ihre rustikale Versinnbildlichung bestimmter Positionen. Über Arbeitslose hätten Sie gesagt: "Dann schmeißen wir sie halt raus, das Mittelmeer ist groß." Über Migranten: "Muss ja nicht immer von Afrika rübergefahren werden zu uns, kann ja auch umgekehrt getan werden."

Münkler: Das ist das Gegenteil von dem, was ich gesagt habe. Ich habe Augustinus referiert, der fragte sich: Was sind Königreiche, aus denen sich die Gerechtigkeit zurückgezogen hat, anderes als große Räuberbanden? Um diesen Gedanken zu veranschaulichen, habe ich ausgeführt, dass sich Deutschland als Räuberbande aufführen würde, sollte es Arbeitslose aussetzen oder die Flüchtlinge brutal vertreiben. Sie können sich vorstellen, wie ich mich fühle, wenn ich jetzt Vorlesungen halte. Ich frage mich: Kann ich irgendwie falsch interpretiert werden? Was sollte ich nicht sagen? Das führt zur Selbstblockierung, man zitiert und referiert dann nur.

ZEIT: Sie werden zum vorsichtigen Sprechen angehalten?

Münkler: Das darf man nicht unterschätzen. Durch die Denunziationsvokabeln wird die intime Arbeitsatmosphäre zwischen Vortragenden und Mitarbeitenden gestört, und sie wird durch externe Überwachung aufgesprengt.

ZEIT: Nun findet die Vorlesung nicht in Ihrem Wohnzimmer statt, sondern im öffentlichen Raum. Da ist Kritik erlaubt, auch anonyme.

Münkler: Klar, aber ich empfinde die anonyme Kritik als Problem, auch wenn das manche anders sehen. Ich würde mit meinen Kritikern gern sprechen, aber sie sind unsichtbar. Das ist asymmetrische Kriegsführung. Ich muss, um frei vortragen zu können, von einer Zuhörerschaft guten Willens ausgehen. Ich referiere einen umstrittenen Juristen wie Carl Schmitt, um seine Position zu erläutern, und nicht, weil ich seine Meinung teile. Ich spreche in der Vorlesung als Hochschullehrer, der einen Lehrplan abzuarbeiten hat, und werde dafür kritisiert, dass die Ideengeschichte auf einem bestimmten Kanon basiert, der nun mal die Basis unserer politischen Kultur darstellt. Eigentlich werde nicht ich, sondern es wird dieser Kanon attackiert.