Ein paar Zehntelprozent – was ist das schon? Nun, es ist ganz schön viel. Nehmen wir an, die fiktive Familie Müller will für einen Immobilienkauf einen Kredit über 200.000 Euro aufnehmen. Bei einer jährlichen Tilgung von drei Prozent und einem Zinssatz von 1,28 Prozent ergibt sich während einer Laufzeit von zehn Jahren eine monatliche Belastung von 713 Euro. Bei 1,69 Prozent sind es fast 70 Euro mehr. Auf die vollen zehn Jahre beträgt der Unterschied gut 8.000 Euro.

Zehntausende Familien dürften in den jüngsten Tagen ähnliche Rechnungen aufgemacht haben. Denn nachdem Baukredite in den vergangenen Jahren immer billiger geworden sind, haben sich Hypothekendarlehen nun binnen Wochen wieder merklich verteuert – wenn auch immer noch auf historisch niedrigem Niveau. Doch warum steigen die Zinsen so plötzlich?

Die Suche nach der Antwort muss bei der Europäischen Zentralbank beginnen. Die hat den sogenannten Leitzins in den vergangenen Jahren ziemlich oft gesenkt. 2008 lag der Satz noch über vier Prozent. Inzwischen beträgt er 0,05 Prozent. Er ist so niedrig wie noch nie. Der Leitzins ist jene Gebühr, zu dem sich die Geschäftsbanken bei der Zentralbank verschulden können. Die EZB steuert damit die kurzfristigen Zinsen im gesamten Euro-Raum. Die langfristigen Zinsen aber werden in erster Linie vom Markt gemacht.

Tagtäglich entscheiden Investoren wie Banken, Fonds, Pensionskassen oder Versicherer aufs Neue, wie sie die Billionen von Euro, die sie verwalten, möglichst lukrativ und trotzdem sicher anlegen. Innerhalb der Euro-Zone sind deutsche Staatsanleihen dabei die Richtschnur für alle anderen Anleiheklassen. Dank ihrer Wirtschaftskraft und der vergleichsweise soliden Haushaltsführung gilt die Bundesrepublik als extrem sicherer Schuldner. Steigen also die Zinsen für Bundesanleihen, dann steigen viele andere Zinsen gleich mit. Denn bei ähnlichen Konditionen würden die Investoren ihr Geld lieber dem deutschen Staat leihen.

Lange hatten Investoren, die ihr Geld sicher und flüssig anlegen wollten, kaum eine andere Wahl, als deutsche Staatspapiere zu kaufen. Die Folge: Mitte April wiesen Bundesanleihen mit einer Laufzeit von weniger als acht Jahren eine negative Verzinsung auf. Die Investoren bezahlten den Finanzminister also sogar dafür, dass sie ihm Geld borgen durften. Selbst zehnjährige Anleihen rentierten zwischenzeitlich nur mit 0,05 Prozent.

Doch dann kam der Knall – binnen wenigen Tagen stieg diese Rendite auf bis zu 0,8 Prozent. Auf die Frage nach dem Warum gibt es keine schlüssige Antwort. Manche Ökonomen führen gestiegene Inflationserwartungen ins Feld. Denn von den "nominalen" Zinsen muss man ja immer noch die Inflation abziehen, um zu wissen, wie hoch die Zinsen wirklich sind. Wer von einer höheren Inflation ausgeht, verlangt entsprechend auch eine höhere nominale Verzinsung. Daneben spielten wohl auch psychologische Gründe eine Rolle. "Einige große Investoren haben sich öffentlich neu positioniert. Und die Herde ist dann gefolgt", sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-Diba.

Mit den Zinsen für Bundesanleihen stiegen die Bauzinsen automatisch – laut Max Herbst von der Finanzberatung FMH im Schnitt um 0,2 Prozent. Michael Goris, der Chef des Hypothekenvermittlers Interhyp, hat bei manchen Banken "sogar um bis zu 0,5 Prozent" ausgemacht.

Niemand solle sich deswegen aber verrückt machen lassen, sagt Experte Herbst, "die Zinsen sind immer noch extrem niedrig". Das zeigt auch der wichtigste Indikator für Baugeld, die Entwicklung der Renditen für Pfandbriefe. Aus ihr lässt sich der Hypothekenzins ableiten, weil viele Banken ihre Immobilienkredite zu Pfandbriefen bündeln und diese an Investoren weiterverkaufen. Mitte Mai notierte der Index 0,5 Prozentpunkte höher als im April – aber noch rund drei Prozentpunkte niedriger als 2011. "Wer ohnehin fest vorhatte zu bauen, der sollte sich durch den kleinen Zinsaufschlag also nicht davon abhalten lassen", sagt Herbst. Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg ist überzeugt: "Das Zinsniveau ist nur einer von vielen Faktoren, die beim Erwerb eines Eigenheims wichtig sind. Bei einer soliden Finanzierung sollte es keine Rolle spielen, ob der Zins einen halben Prozentpunkt höher oder niedriger ist."

Aber wie geht es weiter mit den Bauzinsen? "Das kann natürlich niemand genau wissen", sagt Herbst, "ich glaube aber nicht, dass die absoluten Tiefstände aus dem April so bald noch einmal erreicht werden." Ebenso unwahrscheinlich ist, dass die kleine Zinswende der vergangenen Wochen der Vorbote einer großen Zinswende ist. "Für eine wirkliche Wende bräuchten wie höhere Zinsen in den USA und einen nachhaltigen Aufschwung im Euro-Raum", sagt Volkswirt Brzeski.

Wer glaubt, dass das Zinsniveau auf mittlere Sicht doch wieder steigt, sollte tendenziell einen Kreditvertrag mit längerer Laufzeit wählen oder sich die aktuellen Zinsen für die Zukunft sichern. Solche sogenannten Forward-Darlehen werden heute schon abgeschlossen, beginnen allerdings erst in einigen Jahren. Die Zinssicherheit, die man sich damit erkauft, bezahlt man aber mit einem leichten Zinsaufschlag.

Verbraucherschützer Nauhauser hält nichts von dem generellen Ratschlag, "Zinsen lange zu sichern, nur weil sie gerade niedriger sind als vor einigen Jahren". Bleibt die Zinswende aus, ist man an den längeren Kredit oder das teure Forward-Darlehen dennoch gebunden.