Am Dienstag vergangener Woche verlässt der Bankangestellte Ananta Bijoy Das sein Haus im Nordosten Bangladeschs, um zur Arbeit zu gehen. Auf dem Weg dorthin lauern ihm vier maskierte Männer auf. Mit Macheten und Beilen hacken sie auf ihn ein, dann lassen sie ihn auf der Straße verbluten.

Im Februar reist der in Amerika lebende Schriftsteller Avijit Roy nach Dhaka, um sein islamkritisches Buch Biswasher Virus (Das Virus des Glaubens) bei der größten Buchmesse des Landes vorzustellen. Auf dem Heimweg nach der Lesung stechen Unbekannte mit Macheten und Fleischermessern auf ihn ein, er stirbt an Ort und Stelle an seinen Kopfverletzungen.

Washiqur Rahman, Mitarbeiter in einem Reisebüro, ändert daraufhin sein Profilfoto auf Facebook zu "Ich bin Avijit" und schreibt: "Zerstört den Islam, zerstört den Islam, zerstört den Islam!" Sechs Wochen später wird er von Koranschülern getötet, die jugendlichen Täter zerhacken sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Die drei Toten hatten eines gemeinsam: Sie schrieben für das einflussreiche Blog Mukto Mona (Freier Geist). Vordergründig handelten ihre Artikel oft von wissenschaftlichen Themen, aber zwischen den Zeilen kritisierten sie den Islam: Sie analysierten die im Koran beschriebenen Wunder anhand von naturwissenschaftlichen Maßstäben und kamen zu dem Schluss, dass sie nicht wahr sein konnten. Auf dem Blog werden auch immer wieder islamkritische Karikaturen veröffentlicht, eine vergleicht zum Beispiel die Burka mit einem Hotdog. Weil die Texte auf Bengali erscheinen, erreicht die Kritik die gesamte Bevölkerung und nicht nur die englischsprachige Elite.

Zu den Attentaten bekannte sich eine radikalislamische Organisation mit dem Namen Ansarullah Bangla. Woher sie kommt und was sie will, wissen selbst Experten nicht: Die Gruppe trat bisher vor allem im Internet in Erscheinung, und auch das erst seit Ende vergangenen Jahres. Sie führt einen Cyberkrieg gegen die Blogger. Ihre Unterstützer hetzen auf Facebook und Twitter gegen die angeblichen Feinde des Islams; sie posten als erste Fotos von den Tatorten und jubeln über jeden Toten. Immer wieder beziehen sie sich auf eine Liste von Bloggern, die "abgearbeitet" werden müsse. Die Internetprofile werden alle paar Wochen gelöscht, doch einige Tage später tauchen neue Profile mit ähnlichen Namen auf. Niemand weiß, wie groß die Organisation ist und was sie wirklich tut. Hetzt sie einfach, bis irgendjemand einen Mord begeht? Oder tötet sie tatsächlich selbst?

Zum Propagandakrieg gehört auch, dass vor zwei Wochen eine zweite Gruppe die Verantwortung für den Mord am Schriftsteller Avijit Roy übernommen hat. Ein angeblicher Al-Kaida-Ableger, der sich letztes Jahr gegründet hat und nun behauptet, Ansarullah Bangla habe in seinem Auftrag gehandelt. Möglich, dass er den Mord für sich reklamiert hat, um sich zu beweisen.

Hans Harder ist Professor am Südasien-Institut an der Universität Heidelberg und verfolgt die Entwicklung in Bangladesch seit Jahren. Er glaubt, dass das Aufkommen unbekannter islamistischer Organisationen mit dem Verbot der islamistischen Partei vor zwei Jahren zusammenhängt. "Seitdem fühlen sich die Anhänger an die Wand gedrückt", sagt Harder. Das Prinzip sei immer das gleiche: Wer verboten ist, müsse auf sich aufmerksam machen, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Und zum Beispiel neue Feinde ausmachen. "Die islamistischen Organisationen inszenieren ihren Cyberkrieg gegen die Blogger jetzt als Kulturkampf."

Auf den ersten Blick scheinen die Rollen klar verteilt: auf der einen Seite die säkularen Blogger, die die Meinungsfreiheit für sich beanspruchen. Auf der anderen Seite die radikalen Islamisten, die sich als Hüter ihrer Religion verstehen. Es scheint klar zu sein, wer die Opfer sind und wer die Täter. Doch die Situation ist bei genauerem Hinsehen nicht ganz so eindeutig.