DIE ZEIT: Nach Ihrem Film über die Kronenzeitung startet heute die Dokumentation Fang den Haider in den Kinos. Zeit seines Lebens war der Populist von einem Mythos umgeben, der sich durch seinen Tod noch zu festigen schien. Wie hat der Hypo-Alpe-Adria-Skandal die Sicht der Menschen auf ihn geändert?

Nathalie Borgers: Ich habe 2013 angefangen zu drehen. Zu Beginn gab es noch viele, die ihn verteidigt haben. Sie meinten, der Skandal wäre gar nicht aufgekommen, würde er noch leben. Ein paar Monate später merkte ich schon, dass die Leute, die ihn zuvor für seine Aussagen oder dafür, dass er das Zweiparteiensystem aufbrach, bewundert hatten, zunehmend enttäuscht waren.

ZEIT: War es der größte Irrtum, zu glauben, dass er zuerst an das Volk und dann erst an sich selbst dachte?

Borgers: Ja, aber durch seine Art hat er diesen Eindruck erweckt. Und die Menschen brauchten die Aufmerksamkeit, die er ihnen geben konnte. Es hatten beide Seiten etwas davon. Er verschenkte ständig Geld, und keiner hat nachgefragt. Jetzt muss dafür die Rechnung bezahlt werden.

ZEIT: Wieso hat man so lange zugesehen, wie er die Landesbank gleichsam als Bankomat missbrauchte?

Borgers: Ich glaube, es gibt eine bestimmte Feigheit und wahrscheinlich auch Käuflichkeit in der Politik, das kann ich nicht anders verstehen. Der Kärntner ÖVP-Obmann Georg Wurmitzer war schon 2003 gegen die hohen Haftungen des Landes, musste aber daraufhin seinen Hut nehmen – auf Befehl des damaligen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel. Solche Sachen liest man selten in den Nachrichten. Es ist unfassbar, wie unverantwortlich diese Menschen waren.

ZEIT: Wie sieht es mit ehemaligen Vertretern der Landes-SPÖ und -ÖVP aus, wollten die etwas sagen? Schließlich trugen sie Haiders Entscheidungen mit.

Borgers: Landesrätin Gabriele Schaunig von der SPÖ zum Beispiel sagte ab, ließ mir aber schöne Grüße ausrichten. Was soll das bedeuten? Sie ist ja damals heftig von Haiders Sekretär, Stefan Petzner, attackiert worden. Dieser hat in einem Interview zugegeben, dass er Haiders Gegner in dessen Auftrag terrorisiert hat. Es müsste auf den Tisch kommen, was genau passiert ist. Aber wenn niemand redet? Das große Schweigen ist immer noch da.

ZEIT: War Haiders Stärke die Schwäche der anderen?

Borgers: Ja, absolut. Dafür hatte er die Augen und das Gespür.

ZEIT: Gab es einen Moment, in dem Sie dem Geist Jörg Haiders besonders nahekamen?

Borgers: Es war eher ein Puzzle an Momenten. Jörg Haider war kein gerader Mensch, er hat auch keine Haltung gehabt. Er war ein Mensch seiner Generation, der liberalistisch mit Kapital umging. Seine Buberlpartie entsprach dem Zeitgeist. Gleichzeitig hat er sich bei den Leuten vom Ulrichsberg, bei den Rechtsextremen, wahnsinnig wohlgefühlt. Im Grunde hat er Politik nur um seine Person herum gemacht und von jeder Ecke alles angezogen, was ihm nützte. Und er konnte gnadenlos sein.

ZEIT: War er ein Schauspieler, der alle zum Narren hielt? Ein Verführer, der nur spielen wollte?

Borgers: Er hat gespürt, was die Leute wollen, und gut gespielt, auch seine Ideologie war austauschbar. Aber einmal an der Macht sieht man, wie Haider der Demokratie auch geschadet und durchaus autoritäre Tendenzen gezeigt hat. Am Ende stand immer er im Zentrum. Wie kann sich jemand als Anwalt des kleinen Mannes ausgeben und zugleich Gewerkschaften abschaffen wollen? So harmlos war er nicht.

ZEIT: In Ihrem Film spricht der Gurker Bürgermeister Siegfried Kampl zum Hypo-Skandal. Der Jörg hätte alle einen Tisch geholt und die Schuld verteilt, sagt er. Der hätte das gerichtet, schwingt da mit. Ganz zerstört ist der Mythos Haider offenbar noch nicht.

Borgers: Jene, die lange nah dran waren, sehen in Haider eine Art Sohn der Familie. Wenn der einmal etwas Falsches tut, bleibt er trotzdem der Sohn. Aber was Kampl sagt, ist merkwürdig: Er sagt wörtlich, der Jörg hätte verhindert, dass man sie vor Gericht wie Hunde beutelt. Dass Gesetze gebrochen wurden, ist da schon enthalten. Er denkt, Haider hätte die anderen schon überzeugen können, mitzumachen – das erzählt dessen ganzes System.

ZEIT: Was ist die beunruhigende Frage, die bleibt?

Borgers: Die Frage der Feigheit und Käuflichkeit. Die Tatsache, dass von rechts bis links alle dasselbe machen. Damit meine ich, jeder gibt, was das Volk will, und keiner vertritt mehr Ideen, eine echte Haltung in der Politik. Jörg Haider hat damit begonnen. Nun hat es sich ausgebreitet.