Julian Koch, Spieler des FC St. Pauli, Rückennummer 2, war früh ein Auserwählter. Er kam zu Borussia Dortmund, da war er noch ein Kind. Er spielte in den Junioren-Nationalmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes. Auf der rechten Außenbahn, seiner Position, galt er als eines der größten Talente, das der deutsche Fußball hatte.

Dann kam der 25. Februar 2011, der alles ändern sollte.

Es ist kalt, damals in Oberhausen, Freitagabend, kurz nach sechs. Die dreizehnte Minute läuft, Zweitligaspiel zwischen Rot-Weiß Oberhausen und dem MSV Duisburg, seinem damaligen Verein. Julian Koch läuft in den Strafraum. Der Ball kommt hoch von links, er blickt auf den Ball, sieht nicht den Gegenspieler, Dimitros Pappas, der auch von links kommt. Der Ball senkt sich, Julian Koch holt aus, will schießen, Pappas hebt das rechte Bein, kommt an den Ball. Koch zieht durch, sein Bein schlingt sich um das Bein des Gegners. Es knackt. Er schreit. Er brüllt vor Schmerz. "Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn", singen die Fans von Rot-Weiß Oberhausen, als ihn Betreuer vom Platz tragen.

Koch wird notoperiert. Wäre er ein paar Stunden später unters Messer gekommen, die Ärzte hätten ihm das Bein amputieren müssen. Im Knie ist alles kaputt, Kreuzband, Außenband, Meniskus. Das Blut staut sich, es fließt nicht in den Unterschenkel – Kompartment-Syndrom nennen das die Ärzte.

Zwei Jahre lang wird Julian Koch nicht Fußball spielen. Das ist nach einer solchen Verletzung nicht erstaunlich. Erstaunlich ist, dass Julian Koch nach zwei Jahren überhaupt wieder Fußball spielt.

Er ist der erste Profifußballer, der nach so einer Verletzung auf den Platz zurückkehrt. Das zählt jetzt aber nicht. Genauso wenig, dass er einmal eines der größten Talente des deutschen Fußballs war. Jetzt, mit 24 Jahren, zählt nur eins: Er muss sich durchsetzen im Profifußball, er hat nicht mehr viele Chancen.

Deshalb wechselte er im Januar für ein halbes Jahr zum FC St. Pauli, in die zweite Liga. Er wurde ausgeliehen von Mainz 05, einem Erstligaverein, wo er nur auf der Ersatzbank saß. Er wusste: Dieses halbe Jahr ist entscheidend für seine Karriere.

Setzt er sich beim FC St. Pauli durch, kann er es nächste Saison auch in der ersten Liga schaffen.

Setzt er sich nicht durch, ist seine Karriere, die so hoffnungsvoll begann, früh gescheitert.

In den letzten Monaten, in denen der FC St. Pauli gegen den Abstieg kämpfte und Julian Koch um seinen Aufstieg, begleitete ihn die ZEIT. Beim Training, bei den Spielen, nach dem Training und nach den Spielen.

Julian Koch hat sich entschlossen zu erzählen. Von sich und seinem Leben als Fußballprofi. Von seiner Verletzung und den Stunden, in denen er Angst hatte, nie wieder gehen zu können. Und er lässt andere erzählen, seinen Vater, der ihn fast zu jedem Platz, auf dem er spielte, begleitete.

Beim ersten Treffen stellt Julian Koch eine Getränkeflasche auf den Tisch, schwarze Farbe, weiße Schrift: "Captain Pain". Es ist Montag, der erste Montag im März, Hagel peitscht gegen die Scheibe eines großen Konferenzraums auf dem Trainingsgelände des FC St. Pauli. Am Tag zuvor hat St. Pauli gegen Aue gespielt, zu Hause, 0 : 0. Der Verein steht auf dem letzten Tabellenplatz. Julian Koch hat von Anfang an gespielt. Wie bislang bei jedem Spiel. Er hat einen Ball an die Latte geköpft. Wäre er reingegangen, ginge es St. Pauli vermutlich besser.

Kein guter Moment, um gleich über die Verletzung zu reden. Deshalb, zum Warmwerden, erst einmal ein paar Fragen zum Spiel:

Blieb die Szene mit dem Kopfball, der an die Latte ging, im Kopf, als Sie nach Hause gefahren sind und sich ins Bett gelegt haben?

"Ja, klar, das kommt wieder und wieder. Ich kann nach Spielen nicht gut schlafen, liege lange wach, gehe alle Szenen noch mal durch, überlege, was ich hätte anders machen können. Das ist schon hart, dass der Ball nicht reinging."

Das Spiel gegen Aue war das vierte in der neuen Mannschaft. Sind Sie angekommen?

"Ich hatte noch nie ein Problem damit, mich in Teams einzufügen. Hier sind fünf, sechs Spieler, die bei meinem Heimatverein Borussia Dortmund gespielt haben. Das ging sehr schnell, mich hier wohlzufühlen."

Und wie ist die Stimmung?

"Wie soll ich das sagen? Es ist eine echt beschissene Situation als Tabellenletzter. Natürlich spürst du das in der Mannschaft. Hätten wir dreimal gewonnen, wäre alles anders. So ist es schon angespannt."