Es ist das teuerste Gemälde der Welt: Pablo Picassos Frauen von Algier. Vergangene Woche erzielte es bei der New Yorker Frühjahrsauktion von Christie’s den bisherigen Höchstpreis von 179,4 Millionen Dollar, umgerechnet rund 157 Millionen Euro. Und das war nicht der einzige Rekord. Bei der gleichen Veranstaltung kam auch die Skulptur Zeigender Mann von Alberto Giacometti unter den Hammer. Der unbekannte Käufer zahlte 141 Millionen Dollar für das Werk des Schweizer Bildhauers.

Bis zum Ende der Woche wurden Gemälde und Skulpturen im Wert von einer Milliarde Dollar versteigert – allein im Auktionshaus Christie’s. Der Konkurrent Sotheby’s erzielte immerhin 380 Millionen Dollar am Donnerstagabend – darunter 46,5 Millionen für das abstrakte Werk Ohne Titel (Gelb und Blau) des Amerikaners Mark Rothko. Zählt man die Ergebnisse von Christie’s, Sotheby’s und dem kleineren New Yorker Konkurrenten Phillips zusammen, wechselte seit Anfang Mai Kunst im Wert von 2,7 Milliarden Dollar die Hände. Das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt von Eritrea. Und ist noch einmal mehr als bei den Herbstauktionen, die im November 2014 laut dem Finanznachrichtendienst Bloomberg 2,3 Milliarden Dollar eingespielt hatten.

Zwar blieb der neue Eigentümer des Picassos auch Tage nach der Auktion anonym, doch in den VIP-Boxen zeigten sich neben bekannten Galeristen wie Larry Gagosian und Sammlern wie dem griechischen Reeder George Economou auch Hollywoodstar Leonardo DiCaprio, Donald Trumps Tochter Ivanka sowie Las-Vegas-Mogul Steve Wynn, der Mann hinter den Kasinos Mirage und Bellagio. Auch bei der Eröffnung der New Yorker Kunstmesse Frieze am Donnerstag standen Multimillionäre und Milliardäre Schlange. Gesichtet wurde unter anderem François Pinault, der milliardenschwere Eigentümer von Christie’s.

An den Schlangen vor den Galerien lässt sich nicht nur ablesen, wie beliebt zeitgenössische Kunst geworden ist. Sondern auch, wie viele solvente Käufer es mittlerweile gibt. Denn die Zahl der Ultrareichen wächst weltweit. Vergangenes Jahr hatten fast 200.000 Menschen mehr als 30 Millionen Dollar an freiem Nettovermögen zur Verfügung. Das zumindest behauptet der Wealth Report der Luxus-Marktforschungsfirma Wealth-X und der Schweizer Großbank UBS. UHNWI nennt man diese extrem reichen Personen – Ultra high-net-worth individuals. Zusammen verfügen sie über ein Vermögen von knapp 28 Billionen Dollar. Knapp ein Viertel davon gehört den insgesamt 2.170 Milliardären, die der Wohlstandsbericht zählte.

Unter den UHNWI steigt das Interesse an Kunst; als Kombination aus Anlage und Status. "Man will schließlich nicht einfach Goldbarren an die Esszimmerwand nageln", sagt Sarah Thornton, die frühere Kunstexpertin des britischen Economist. Gleichzeitig wird der Kunstmarkt mehr und mehr Teil der Wall Street. Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock, erklärte kürzlich, neben Immobilien in London oder New York habe moderne Kunst längst Gold als Anlage der eisernen Reserve abgelöst.

Setzten wohlhabende Sammler früher lieber auf etablierte Künstler und Meisterwerke – Hedgefonds-Manager etwa hatten oft eine Vorliebe für französische Impressionisten –, steigt heute das Interesse an zeitgenössischen Künstlern. Einige Nachwuchstalente können bei ihrer ersten Ausstellung Werke bereits für 30.000 Dollar und mehr verkaufen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Doch wie unberechenbar der Markt inzwischen ist, zeigte sich vergangene Woche. Am Dienstag verkaufte Sotheby’s das Werk Riot für 29,9 Millionen Dollar. Es stammt aus der Hand des New Yorker Künstlers Christopher Wool, der für seine Wort-Bilder bekannt ist. Am Mittwochabend bot auch Christie’s ein Werk von Wool an – und blieb darauf sitzen.

Das Risiko schreckt die neuen Käufer offenbar nicht ab. Für die UHNWI sei der Nervenkitzel Teil der Attraktion, glaubt die Expertin Thornton, die ein Buch über den neuen Kunstmarkt geschrieben hat.

Die neuen Käufer wollen ihre Trophäen nicht bloß in ihre Villen hängen. Sie integrieren sie in ihre Finanzgeschäfte. Banken wie JP Morgan Chase akzeptieren Kunstwerke als Sicherheit für manche Kredite. Das beseitigt eines der größten Hindernisse, das viele Investoren lange vom Engagement in Kunst abgehalten hat, denn gerade die Superreichen wollen ihr Kapital nicht nutzlos über der Couch hängen sehen.