Luther verschwunden! Unvergesslicher Grusel fürs protestantische Kinderherz, als es erfuhr, was am 4. Mai 1521 im Thüringer Wald geschah. Martin Luther, der soeben auf dem Wormser Reichstag dem Kaiser widerstanden hatte, ritt heim ins Kursächsische, begleitet von seinem Augustiner-Ordensbruder Johannes Petzensteiner. Nahe Eisenach überfiel sie eine kriegerische Rotte. Petzensteiner türmte und meldete das Unheil, das bald ganz Deutschland erregte. Albrecht Dürer schrieb in sein Tagebuch: "Dann do ihn des Kaisers Carols Herold mit dem kaiserlichen Gleit war zugeben, dem ward vertrauet. Aber sobald ihn der Herold bracht bei Eyßenach in ein unfreundlich Ort, saget, er dörfte sein nit mehr, und ritt von ihm. Alsbald waren 10 Pferd do, die führten verräterlich den verkauften frommen, mit dem heiligen Geist erleuchteten Mann hinweg. [...] Und lebt er noch, oder haben sie ihn gemördert, das ich nit weiß ..."

Wir wissen es nun. Luthers Landesherr Friedrich der Weise hat den vogelfreien "Ketzer" vorsorglich entführen und auf seine Wartburg schaffen lassen. Dort verbringt "Junker Jörg" zehn Monate inkognito, verdeutscht das Neue Testament und kehrt alsdann zurück nach Wittenberg. Daselbst lehrt und publiziert er unermüdlich und donnert wider Papst und Teufel. Spätere Epochen erheben das hämmernde Mönchlein zum Thor teutonicus. Den deutschen Christen gilt Luther als nordischer Glaubensführer. Der DDR-Marxismus schmäht den "Fürstenknecht". Dann wird er als kulturelles Erbe reklamiert.

Derzeit luthert es wieder heftig. Seit 2008 tobt die Lutherdekade. Am 31. Oktober 2017, zum 500. Jahrestag des Wittenberger Thesenanschlags, wird sie enden, gewiss mit St. Martins Wiederkunft im Rom der Protestanten. Zuvor jedoch besuche man Torgau, "die Amme der Reformation". Ohne Torgau lässt Wittenberg sich so wenig begreifen wie Luther ohne Friedrich den Weisen. In dessen Residenz Schloss Hartenfels eröffnete soeben die "1. Nationale Sonderausstellung zur Lutherdekade": Luther und die Fürsten.

Drei Fürsten zeigt das Plakat; zwei sind Sachsen. Die Reformation, dieses europäische Macht- und Glaubens-Schisma, beginnt innersächsisch, nach der Leipziger Teilung. 1485 spalten die Wettiner Herrscherbrüder Ernst und Albrecht ihr Kurfürstentum. Es entstehen ein ernestinisches und ein albertinisches Sachsen. Das kurfürstliche Mandat erhält Ernst, 1486 sein Sohn Friedrich. Der gründet 1502 in Wittenberg die Leucorea, jene humanistische Reform-Universität, an der dann Martin Luther lehrt.

Luther ekelt das weltliche Verludern der Kirche, die Verkehrung göttlicher Gnade in menschliches Verdienst, der Reliquienkult, der Ablasshandel. Luthers 95 Thesen, erklärt Ausstellungskurator Dirk Syndram, wandten sich nicht nur gegen den Papst und den prunksüchtigen Kardinal Albrecht von Brandenburg. Sie waren auch ein kursächsisches Politikum. Friedrich der Weise besaß einen Schatz von 19.000 Reliquien. Die lagerten in jener Wittenberger Stifts- und Schlosskirche, an deren Tür der sagenhafte Luther seine Thesen schlug.

Warum ließ ihn Friedrich gewähren?

Der Kurfürst war ein frommer Mann, sagt Syndram. Friedrich ärgerte ja selbst, wie die Kirche auf Pomp und Macht setzte. Ihn bedrängten Glaubensfragen: Wie soll ich als guter Christ leben? Was geschieht mir nach dem Tod? Fegefeuer, Ewigkeit, all das trieb ihn um.