Der Weltmarktführer mag es unprätentiös. Ein langer Konferenztisch, ein paar Pralinen auf dem Tisch. Michael Doppelmayr, ein bulliger Mittfünfziger, sitzt in Jeans und blauem Karohemd auf seinem Bürostuhl und rollt beständig vor und zurück. Keiner baut mehr Seilbahnen auf der ganzen Welt als seine Firma aus Wolfurt in Vorarlberg, das Marketingteam vermeldet ständig Rekorde, und der Chef übt sich derweil im notorischen Tiefstapeln. Es gebe ja auch noch Mitbewerber, brummt der 57-jährige Vorarlberger und bemüht sich dabei, Hochdeutsch zu sprechen. Viele können es nicht sein – 60 Prozent des globalen Markts gehören Doppelmayr bereits.

Wer bis zu "Mike" vorgelassen werden möchte, muss eine Intensivschulung in Seilbahntechnologie und Doppelmayr-Firmengeschichte über sich ergehen lassen. Pendelbahn, Saunagondel, Cabrio-Luftseilbahn: Folie für Folie jagt die Pressesprecherin durch die Rekorde und Pionierleistungen ihres Arbeitgebers. "Keine privaten Fragen, keine Homestory", wird noch rasch gewarnt.

Auf Skipisten sind die enzianblauen Schriftzüge omnipräsent, kein Wintersportler kommt daran vorbei – von Bayern bis China. Geht es nach Doppelmayr, sollen seine Seilbahnen auch gängige Verkehrsmittel in Städten werden. 2012 baute der Vorarlberger in London eine Standseilbahn über die Themse – sie führt von Greenwich bis zu den königlichen Docks. In Caracas verbindet eine Seilbahn die Slums mit der Innenstadt. Und in Bolivien, einem der ärmsten Länder Südamerikas, zog er kürzlich einen Großauftrag ans Land: Drei Seilbahnlinien zwischen der alten Regierungsstadt La Paz und der Arbeitersiedlung El Alto sind schon in Betrieb, sechs weitere werden noch gebaut. Es ist eine verkehrspolitische Revolution für das Land. Die Seilbahn braucht von Stadtzentrum zu Stadtzentrum nur elf Minuten, pro Stunde und Richtung kann sie 3.000 Passagiere befördern. Bisher dauerte eine Autofahrt wegen der verstopften Straßen oft eine Stunde oder länger.

Spricht Doppelmayr von den Möglichkeiten des urbanen Transports durch die Lüfte, kommt er ins Schwärmen: Umweltfreundlicher als Autos, schneller als der zähe Stadtverkehr und billiger als U-Bahnen oder Straßenbahnen seien die Stadtgondeln. Potenzial für das urbane Geschäft sieht Doppelmayr vor allem in Südamerika und Asien. In Mitteleuropa hingegen, meint Doppelmayr, habe der urbane Gondelverkehr keine Zukunft. Zu eng seien die Städte gebaut, zu wenig visionär die Städteplaner. In Hamburg etwa verhinderte im vergangenen Jahr ein Bürgerentscheid eine Doppelmayr-Stadtseilbahn über die Elbe. Die Hanseaten befürchteten eine Verschandelung des Stadtbildes.

Auf einer verblassten Weltkarte, die noch nichts vom Zerfall der Sowjetunion weiß, markieren kleine Leuchtpunkte die 89 Länder, in denen der Weltmarktführer schon gebaut und geschraubt hat. In 35 davon gibt es Niederlassungen – von Nordamerika bis Südostasien.

In seinem Betrieb duzt jeder jeden, auch den Chef. Weltweit beschäftigt Doppelmayr fast 2.500 Mitarbeiter, allein in Österreich sind es mehr als 1.300.

Die urbanen Seilbahnen sind für Doppelmayr noch ein Nebenerwerb im Vergleich zum Geschäft mit dem Wintertourismus. Achtzig Prozent des Umsatzes macht der Skizirkus aus. Doch in den etablierten Skinationen der Welt entstehen nur noch selten neue Anlagen. Deshalb lugt Doppelmayr gen Osten. Russland ist eines seiner Lieblingsthemen. Für die olympischen Winterspiele in Sotschi baute das Vorarlberger Unternehmen achtzig Prozent aller Seilbahnen. Seine Spezialgondeln können im Notfall sogar Autos transportieren. Das neu entstandene Skigebiet bescherte Doppelmayr einen Umsatzrekord. Trotz des Kriegs mit der Ukraine sieht Doppelmayr den russischen Markt nach wie vor als Zukunftsmarkt. "Unsere Kunden in Russland sind gut drauf", sagt Doppelmayr.

Auch in Kasachstan, Usbekistan und Georgien entstehen derzeit neue Skigebiete auf dem Reißbrett. "Rechts von Moskau bis zur japanischen Grenze" – das seien die interessantesten Wachstumsmärkte im Skigeschäft.