Torgau ist immer meine Wonne gewesen. So sprach Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige (1503 bis 1554). Sein Bildnis prangt an jeder Ecke der alten Residenzstadt (wie auf Seite 18 dieser ZEIT-Ausgabe). Torgau feierte die Eröffnung der Pracht-Ausstellung Luther und die Fürsten. Selbst die Bluesrock-Ritterschaft des Ostens strömte herbei, weil die Amerikaner kamen. In der Kulturbastion spielte die edelste Band unseres Planeten: Gov’t Mule.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe Nr. 21 vom 21.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Auch am 25. April 1945 kamen die Amerikaner, zugleich "die Russen" der 1. Ukrainischen Front. In Torgau begegneten sich die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition. Auf der zerstörten Elbbrücke reichten GI Bill Robertson und Sergeant Nikolai Andrejew einander fotogen die Hand. Am Ufer ragt, mit Kränzen geschmückt, der Triumph-Kubus der Roten Armee. Schräg über die Straße steht ein ungelenkes Bildrelief: RUHM DEM SOWJETVOLK. DANK FÜR SEINE BEFREIUNGSTAT. Davor liegen zwei Blumensträuße mit Schleife. Das DKP-Gebinde fordert FRIEDEN STATT NATO, das der Linkspartei SCHWERTER ZU PFLUGSCHAREN. Unweit präsentiert eine Säule des Bundes der Vertriebenen die Wappen von Schlesien, Pommern, Sudetenland, West- und Ostpreußen. Am Markthotel Zum Goldenen Anker verewigen zwei Tafeln die fatalen Gäste Friedrich II. und Napoleon, der 1811 Fort Zinna bauen ließ. 1943 wurde das Reichskriegsgericht aus Berlin nach Torgau evakuiert. Hitlers mörderischer Wehrmacht-Justiz diente Fort Zinna als KZ; der Wallgraben war Erschießungsstätte. Daran erinnert seit 2010 endlich ein Mahnmal: NIE WIEDER KRIEG. Gleich nebenan konkurriert das Mal für Stalinismus-Opfer. Nach 1945 betrieb die sowjetische Siegermacht in Torgau zwei Speziallager. Auch der Jugendwerkhof verschaffte Torgau einen dunklen Ruf. Diese Geschichte dokumentiert eine Dauerausstellung auf Schloss Hartenfels – auch dann, wenn Luther und die Fürsten wieder ausgezogen sind.

Die Bluesrocker pilgerten bereits zum zweiten Mal an die Elbe, dank der kampfstarken Kulturbastion-Besatzung. Schon 2013 spielten Gov’t Mule in Torgau ihre erdenschwere, himmelstürmende Musik, wahrhaftig und tief, völlig unbeherrscht vom zynischen Geist der Zeit. Die Band rollte und schnaufte wie eine Dampflok. Lokführer Warren Haynes rief: Thank you for inviting us to your beautiful town! Da hätten wir Torgauer aus Leipzig, Jena, Sangerhausen und Berlin gern gewusst, ob die Mule-Mannen die amerikanische Vorgeschichte dieses Ortes kennen. Ja, Torgau ist eine schöne Stadt, zugleich historisch schwer kontaminiert. Beides spürte ich, dankbar für den Frieden. Warren Haynes ließ die Gitarre jubeln und sang mitsamt der seligen Rock-Gemeinde: Lay Your Burden Down .