Die Glocke ruft zum Rosenkranzgebet im gotischen Dom zu Arezzo. Eine kleine Schar versammelt sich abseits der riesigen Kirchenhalle in einer Seitenkapelle, der Priester und vier Gläubige. Die größere Gemeinde sitzt unterdessen auf den Stufen des Hauptaltars, bemüht um andächtige Stille: Siebtklässler aus Rom und eine achte Klasse aus Florenz starren auf ein Fresko im linken Seitenschiff, gleich neben der Tür zur Sakristei. Zu sehen ist Maria Magdalena, grünes Kleid, purpurroter Mantel, ein gläsernes Salbgefäß in ihrer Linken, das lange Haupthaar energisch aus der Stirn gekämmt. Sie ist das Werk von Piero della Francesca, dem geheimnisvollsten Maler der italienischen Renaissance.

Wann er geboren wurde, weiß niemand so genau zu sagen. Man vermutet das Jahr 1415. Und ein 600. Geburtstag ist Anlass genug, sich auf einer Spurensuche an jene Orte zu begeben, wo Piero seine Bilder gemalt hat, die uns noch heute faszinieren. Vielleicht weil sie seltsam modern wirken mit ihren plastischen Figuren, den leuchtenden Pastellfarben, den detailgenauen Landschafts- und Architekturelementen. Piero della Francesca vermittelt eine Sachlichkeit, die uns bekannt vorkommt, und eine Spiritualität, die sich entzieht, weil uns die Mythen und Legenden seiner Zeit längst nicht mehr geläufig sind. In Italien zählt Piero zu den Säulen des nationalen Kulturerbes, zusammen mit Michelangelo, Leonardo und Raffael. Sie alle stammen aus dieser Gegend. Doch Piero war ihnen eine Generation voraus – ein Pionier.

Zwischen Bologna und Rom kann sich deshalb kaum ein Mittelschüler dem traditionellen Ausflug ins Piero-Land entziehen. Jahr für Jahr pilgern im Frühling Heerscharen kleiner Italiener in die Hügellandschaften der Toskana und der Marken, nach Arezzo, Sansepolcro und Urbino, angeführt von zumeist weiblichen Pädagogen, die ganz schön damit zu tun haben, die angehenden Kunstjünger in Schach zu halten. Pscht!, zischen die Lehrerinnen vor den Bildern. Pscht!, zischt es sogar draußen, in den Winkeln und Gassen der Piero-Städte. Nur auf der Piazza Grande in Arezzo, wo Roberto Benigni seinen Oscar-prämierten Film Das Leben ist schön drehte, können die Schüler toben, wie sie wollen: Der von wuchtigen Renaissancegebäuden umsäumte, trapezförmige Platz ist groß und leer genug. Als Piero um 1452 nach Arezzo kam, war die Piazza Grande sogar noch größer, eine riesige Fläche zum Repräsentieren und Flanieren, Zentrum einer blühenden Stadt ehrgeiziger Kaufleute.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Es waren die Bacci, eine Familie wohlhabender Tuchhändler, die den Maler aus Sansepolcro anheuerten. Er sollte die Fresken in der Hauptkapelle der Franziskuskirche vollenden, nachdem ihr ursprünglicher Auftragnehmer nach der Ausmalung der Decke verstorben war. Piero war also nur zweite Wahl für jenen Freskenzyklus, der heute als sein Hauptwerk gilt: zwölf Episoden aus der Legende vom Heiligen Kreuz, dessen Holz der Sage zufolge vom Baum der Erkenntnis stammte und von Adam über die Königin von Saba und König Salomon bis zum römischen Kaiser Konstantin weitergegeben wurde. In der Legende verschmelzen biblische und römische Mythen. Gemeinsam bilden sie den Hintergrund für Pieros Malerei: klare Farben, scharfe Konturen und minutiös gestaltete Details. Mit sicherer Hand und einem ausgeprägten Gespür für Effekte kontrastierte er Mintgrün mit Safrangelb, knalligem Orange und vornehmem Purpur.

Über Feldern spannt sich ein Himmel, so licht wie auf einem Piero-Fresko

Allein schon die Hüte und Helme der römischen Ritter und jüdischen Schriftgelehrten, das Zaumzeug der Pferde und die raffinierten Gewänder der Hofdamen sind die Reise wert. Wie wichtig Mode und Design im Arezzo des 15. Jahrhunderts waren, lässt sich auch an dieser Kapelle ablesen. Selbst die Soldaten in den Kampfszenen sind wie Models gekleidet und frisiert, ihre Waffen wirken wie edle Accessoires. Wer aber glaubt, die Fresken dienten als eine Art Werbetafel für die feine Ware der Bacci, irrt: Als Spross eines wohlhabenden Lederwaren- und Stoffhändler-Clans hatte Piero selbst ein Faible für Chic und Eleganz.

Man weiß, dass er die Mathematik ebenso liebte wie die Malerei und dass ihm geometrische Harmonie über alles ging. Piero war ein Intellektueller, ein Gelehrter, der über eine bemerkenswerte Abstraktionsfähigkeit verfügte. Seine Bilder spiegeln die Suche nach Perfektion. Er verfasste mehrere Traktate über mathematische Probleme, die Perspektive spielt in Pieros künstlerischem Werk eine zentrale Rolle.

Sein langes Leben – an seinem Todestag, dem 12. Oktober 1492, landete Kolumbus in Amerika – verbrachte er in einer sowohl von der Natur als auch von Menschenhand vollendet gestalteten Landschaft. Von Arezzo zieht sich eine lange Kette sanft geformter Hügel bis zum Tibertal. Hundert Farben Grün glänzen im Maienlicht, das Silbergrün der Oliven, das Schwarzgrün der Zypressen, das zarte Blattgrün der Buchen, Eichen und Robinien. Auf den Feldern sprießt junges Getreide, und über allem spannt sich ein Himmel, so licht und transparent wie auf einem Fresko von Piero della Francesca.