Es gibt historische Ereignisse, die, obwohl sie an sich schon so seltsam sind, als hätte ein Schriftsteller sie erfunden, zum Gegenstand der Literatur werden. Zum Beispiel in Christian Krachts Roman Imperium: Die Hauptfigur August Engelhardt stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer im Pazifik lebenden Sekte vor. Kracht zieht historische Tonlagenregister und intoniert, parodistisch oder mimetisch, doch stets aus der Distanz, eine federnde Erzählstimme; er legt historische Fährten, die so vielsagend schienen, dass das im Feuilleton eine aufgeregte Debatte entfachte.

Dass also ein Roman nie vom Thema allein lebt, das hätte Steffen Kopetzky wissen sollen, als nun auch er in die wilhelminische Klamottenkiste gegriffen und entlang einer fast ebenso kuriosen Geschichte den siebenhundertseitigen Historienschinken Risiko erzählt hat. Die Kulisse, durch die der Autor seine Figuren schiebt, ist heute beinahe vergessen. Die Geschichte reicht an den Beginn des Ersten Weltkriegs zurück, als die militärisch unterlegenen Deutschen Hilfe aus dem Orient herbeibeteten. Das verbündete Osmanische Reich galt zwar auch schon lange als "kranker Mann am Bosporus". Dennoch tauschten Enthusiasten wie Max von Oppenheim oder Wilhelm Wassmuss ihre orientalistischen oder archäologischen Studien nun gegen den diplomatischen Dienst.

Das "Türkenfieber" war ausgebrochen. Und die von Max von Oppenheim in Berlin gegründete "Nachrichtenstelle für den Orient" hatte für ihren kühnen Plan sogar den Segen des Kaisers: In einer deutsch-türkischen Aktion sollte die arabische Welt zum Kampf gegen Briten, Franzosen und Russen aufgestachelt werden. Durch Propaganda zum Glaubenskrieg. Eine in Berlin produzierte Zeitschrift, die auf dem Weg nach Afghanistan verbreitet wurde, hieß El-Dschihad und war in arabischer Sprache verfasst. Afghanistan? Das war das Ziel jener abenteuerlichen Expedition, von der auch Kopetzky erzählt. Sie scheiterte episch. Die Ironie der Geschichte ist, dass dem viel berühmteren Lawrence von Arabien etwas später unter umgekehrten Vorzeichen glückte, was diesen Deutschen misslungen war: Einigung und Aufstand der arabischen Stämme gegen die Osmanen – war by revolution. Interessanter Stoff. Spitzentitel. Aber auch ein Spitzenroman?

Seine Hauptfigur, den Marinefunker Sebastian Stichnote, hat sich der Autor ausgedacht. Ihn schickt er durch die Wirren der Geschichte und vom Schiff in die Wüste. Stichnote soll über einen Funktelegrafen mit der Außenwelt Kontakt halten. Aber wird er auch die Maultiere wiederfinden, die dieses Gerät transportieren und nun plötzlich aus der Karawane verschwunden sind? Und wird er je wieder in Arjonas Armen liegen? Von diesem lieben albanischen Mädchen gab es einen dramatischen Abschied am Bahngleis. Er "bewunderte die seidenhautüberspannte Kuhle ihres Schlüsselbeins". Als es ernst wurde, hatte Arjona dem Funker "alles beigebracht, ihm das gefährliche und das lustige Loch gezeigt". Es gibt in diesem Buch viele Bedienungsanleitungen. Und einen Hang zur Präzision: "Sie warf einen ungläubigen Blick auf seinen Schwanz, der so lang war, dass er sich ein wenig durchbog." Das hätten sich wohl weder Karl May noch Heinz G. Konsalik erlaubt. Kopetzky ist jedoch nicht so unterhaltsam wie diese beiden, dafür martialischer: "Er hatte genügend Männer sterben sehen, mit durchgeschnittenen Kehlen, Sand fressend und mit ihrem Blut netzend, das die Saharasonne dann wieder trocknete." Ein für einen deutschen Gegenwartsroman aus dem Jahr 2015 überraschend archaisches Bild.

Man wird der Fleißarbeit, der sich dieser Wüstenroman über die ganze Durststrecke von siebenhundert Seiten vor allem verdankt, nicht gerecht, ohne auf das pralle Arsenal historisch verbürgter Figuren zu verweisen, die der Autor wie Springteufel aus der Schachtel ploppen und ebenso schnell wieder verschwinden lässt. Da ist zum Beispiel Lucien Camus, der Philosophenvater. Er fühlt "angesichts der vielen Verletzten für einen Moment die furchterregende Sinnlosigkeit seines Tuns" (und wirft die Frage auf, ob Existenzialismus eine Erbkrankheit ist). Oder: Alois Musil, der Vetter des Schriftstellers, aber auch als Musil von Arabien bekannt. Er sieht im Roman so aus, "als wäre er dem Märchen von Ali Baba und den vierzig Räubern entschlüpft". Oder: Karl Dönitz, der von Hitler noch im April 1945 zum letzten Staatsoberhaupt des "Dritten Reichs" ernannt wurde, aber auch 1914 schon dabei war. Kopetzkys allwissender Erzähler weiß: "Treue war ihm nicht in die Wiege gelegt." Es sind Sätze wie dieser, die den Leser manchmal aus der ermüdenden Lektüre aufschrecken lassen.