Nigel Farage, der Chef der britischen Unabhängigkeitspartei (Ukip), ist immer wieder für Überraschungen gut. Nachdem er bei der jüngsten Wahl erfolglos für einen Sitz im Unterhaus kandidiert hat, schließt er sich jetzt mit seinen Erzfeinden von den Grünen, den walisischen Nationalisten und den proeuropäischen Liberaldemokraten zusammen. Er ist einer Regenbogenallianz der kleinen Parteien beigetreten, die ein anderes Wahlrecht fordert. Es ist das Überraschendste, aber auch Vernünftigste, was der Rechtspopulist in seiner politischen Karriere bisher getan hat.

Die Briten wählen nach dem Mehrheitswahlrecht, also nach dem Prinzip "The winner takes it all". Der Kandidat mit den meisten Stimmen gewinnt den Wahlkreis. Alle anderen Stimmen zählen nichts. Solange sich die Bevölkerung lediglich hinter Konservativen und Labour versammelte, führte dieses Wahlsystem zu stabilen Regierungen. Doch bei der jüngsten Wahl konkurrierten sieben Parteien miteinander, und das Wahlrecht führte zu groben Verzerrungen: Es bevorzugte die großen Parteien und diskriminierte die kleinen.

Die Ukip bekam 12,6 Prozent der Stimmen, aber nur einen Sitz im Abgeordnetenhaus. David Cameron regiert mit einer absoluten Mehrheit, obwohl seine Partei nur 36,9 Prozent der Stimmen holte. Millionen Menschen haben ihr Kreuz umsonst gemacht. Man muss kein Ukip-Anhänger sein, um zu sagen: Das ist undemokratisch.

Ausgerechnet der EU-Feind Farage fordert nun, ein Verhältniswahlrecht nach kontinentaleuropäischem Vorbild einzuführen. Dann würden auch in Großbritannien alle Parteien so viele Sitze im Parlament bekommen, wie ihnen, gemessen an ihrem Stimmenanteil, zustehen. Aber nur weil Farage davon überzeugt ist, heißt das noch nicht, dass er auch das Land davon überzeugen kann.

Vor vier Jahren hielten die Briten ein Referendum zum Wahlsystem ab. Premierminister Cameron warb dafür, alles beim Alten zu belassen: Das Mehrheitswahlrecht sei viel einfacher, und es entspreche der britischen Tradition. Er hatte leider recht. Viele Leute verstanden nicht, wie diese "Reform für ein alternatives Wahlsystem" funktionieren sollte. Das Referendum scheiterte. Am Mehrheitswahlrecht wird sich auch jetzt nichts ändern. Um eine Gesetzesänderung durchzusetzen, fehlen den kleinen Parteien die Stimmen.

Ach, mag sich Nigel Farage jetzt manchmal denken, wären die Briten doch nur etwas europäischer!