Vor vielen Jahren, als die Griechen noch mit Drachmen bezahlten und Costa Cordalis vom Paradies sang, zu einer Zeit, als im Ersten noch Karl-Heinz Köpcke die Nachrichten vorlas und im Zweiten Dieter Thomas Heck die Hitparade moderierte, als Jupp Derwall noch die Fußball-Nationalelf trainierte und Karin Tietze-Ludwig die Lottozahlen verkündete, als Bill Haley noch lebte und Rihanna noch nicht geboren war, da fasste ein junger Familienvater am Rand des Schwarzwaldes einen Plan. Sein Plan sah einfach aus, er handelte von Brot, Wurst und Käse, aber darin steckte eine mathematische Formel.

Der Mann lebte mit seiner Frau und seinen kleinen Kindern in einem Einfamilienhaus weit oben auf einem Hügel in der Kleinstadt Gengenbach. Er trug sein Haar streng gescheitelt, er war ehrgeizig, und deswegen hielt er sich meist in der Nähe seines Chefs auf, des CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl. Manchmal gab Kohl ihm frei, und Wolfgang Schäuble konnte zu seiner Familie fahren. Da fragte er sich dann: Sollte er erst zum Bäcker laufen, anschließend zum Fleischer und dann zum Lebensmittelladen? Oder erst zum Lebensmittelladen, danach zum Fleischer und am Ende zum Bäcker? Schäuble nahm sich ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber, während er darüber nachdachte, wo er auf der Einkaufstour das Auto abstellen sollte und welche Strecke die beste war, um den Bäcker, den Fleischer und den Lebensmittelhändler auf effiziente Weise miteinander zu verbinden. Sein Einkaufszettel war am Ende kein Einkaufszettel mehr, sondern ein Strategiepapier.

Schäubles Kinder wussten, dass ihre Mutter manchmal drei Stunden zum Einkaufen benötigte, weil sie Nachbarn traf, mit denen sie ein wenig plauderte. Die Mutter merkte oft nicht, wie die Zeit verging. Das konnte dem Vater nicht passieren. Wolfgang Schäuble war nach 40 Minuten zurück, so perfekt hatte er die Route angelegt. Er hatte seinen Plan.

Dann aber, als Schäuble in die Politik abtauchte, waren alle Pläne nichts mehr wert. Die Welt hielt sich nicht an Vorgaben, und Wolfgang Schäuble entdeckte darin einen besonderen Reiz, den Spielraum der Politik. Er wurde Fraktionschef der CDU im Bundestag, Parteichef, er wurde Kanzleramtsminister, Innenminister und schließlich Finanzminister. Er überlebte im Oktober 1990 das Attentat eines Geistesgestörten, inzwischen ist er 72 Jahre alt. Schäuble hat politische Niederlagen überstanden, Demütigungen und Kränkungen. Und er macht einfach weiter.

Mag in Griechenland die Staatspleite drohen oder in Syrien die Welt untergehen, Wolfgang Schäuble bleibt an seinem Platz. Er füllt eine Rolle aus, für die es noch keine Rollenbeschreibung gibt. Er ist mächtiger als jeder andere Finanzminister Europas, er ist ein europäischer Finanzaußenkanzleramtsminister. Die Euro-Krise hat ihn auf den Höhepunkt seiner Macht befördert. Für Griechenland geht es jetzt in die entscheidende Phase. Gelingt die Rettung nicht, kann auch Europa beschädigt werden, Schäubles wichtigstes Thema. Werden ihm die Griechen ins Lebenswerk pfuschen?

Stehen wichtige Entscheidungen an, schauen die anderen europäischen Finanzminister auf ihn: Was meint Schäuble? Ohne ihn geht es nicht. In Deutschland hat er sich die Autorität eines Bundespräsidenten erarbeitet, vermeidet allerdings alle Gesten der Erhabenheit.

Schäuble sitzt oft in seinem Büro im Haus des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums, in dem noch ein Paternoster fährt, und telefoniert. Er erledigt seine Arbeit. Meist kommt er schon früh um acht. Das ist anspruchsvoller, als es klingt. Ein gesunder Mann, der es morgens eilig hat, kann es in 30 Minuten schaffen, unter die Dusche zu springen, sich zu rasieren, sich anzuziehen und aufzubrechen. Wie lange dauert es bei einem Rollstuhlfahrer, bevor er das Haus verlässt, in einem Jackett, das im Rollstuhl immer zwickt? Wann muss sein Wecker geklingelt haben, wenn Schäuble bis um acht schon mehrere Zeitungen gelesen hat – um fünf, um halb fünf?

Wolfgang Schäuble erlaubt sich keine Disziplinlosigkeiten, kein Jammern, kein Jaulen, keinen Prunk und keine Rhetorik der Ergriffenheit. Wenn er bei einer privaten Feier der Gastgeber ist und auf ein Jubiläum anstoßen will, verzichtet er auf Champagner, weil er glaubt, dass Sekt genüge. Das Einzige, was er sich gestattet, ist die unverrückbare Meinung, er habe immer recht.

Seit 1972 ist Schäuble Abgeordneter des Bundestages, ohne Unterbrechung. 1972, das muss man sich einmal vorstellen, 43 Jahre ist das her. Damals regierte in Bonn noch Willy Brandt. 43 Jahre, das ist Rekord, damit hat Schäuble den inzwischen verstorbenen Abgeordneten Richard Stücklen hinter sich gelassen, der es auf 41 Jahre brachte. Als Schäuble in den Bundestag gewählt wurde, war Sigmar Gabriel auf die Realschule Hoher Weg in Goslar gewechselt, und Andrea Nahles war noch nicht in der Lage, zusammenhängende Sätze zu bilden. Das kann man ihr nicht vorwerfen, damals war sie erst zwei.