Alle paar Monate trifft sich Schäuble mit einem kleinen Kreis von Männern zwischen Anfang 40 und Anfang 50, mit denen er früher eng zusammenarbeitete und denen er sehr vertraut. Diese Männer betonen, dass sie keine Berater seien, weil Schäuble keine Beratung suche, sondern Anregungen. Einer von ihnen ist Nils Ole Oermann, ein umtriebiger Professor für Ethik an der Universität Lüneburg. Fragt Schäuble bei einem Abendessen, warum heute – im Gegensatz zu früher – fast alle herausragenden Tennisspieler ihre Rückhand beidhändig schlagen, hängt sich Oermann ans Telefon und lässt sich von einem Experten für Anatomie erklären, warum die beidhändige Rückhand zu präziseren Bällen führt.

Sie reden über den Islam, den Einfluss der Investmentbanker und den lieben Gott, über alles. Und immer ist Schäuble bereit, jedem Thema auch eine ironische Note abzugewinnen. Nur einmal nicht. Das war, als Oermann auf die Idee kam, Schäuble zum Geburtstag ein Kochbuch zu schenken, das scherzhaft auf einen früheren Weggefährten anspielte. Der Titel lautete: Heute koche ich Kohl. Da war es mit dem Spaß vorbei.

Als der ehemalige Kanzler Helmut Kohl im Jahr 2003 gefragt wurde, warum er die Kandidatur zum Schluss nicht Schäuble überlassen habe, antwortete er: Die Einführung des Euro stand bevor, das Misstrauen der Deutschen war groß, niemand anders als er, Kohl, hätte den Euro durchsetzen können. Kohl nannte Schäuble einen Mann in einem "Wägelchen".

Für den Euro hielt Kohl ihn damals für zu schwach. Heute, in der Euro-Krise, ist es an Schäuble, seine Stärke zu beweisen. Und wieder stellt sich eine Kohl-Frage, die Schäuble geerbt hat. "So wie Kohl sich am Ende für unersetzlich hielt, für so unersetzlich hält sich Schäuble heute in Europa", sagt einer von Schäubles langjährigen Wegbegleitern, "er sieht sich in einer Linie mit Adenauer und Bismarck." Schäuble hört genau hin, wenn die IWF-Chefin Christine Lagarde, der britische Schatzkanzler George Osborne oder Jean-Claude Juncker, der Präsident der Europäischen Kommission, ihm im kleinen Kreis versichern: Wolfgang, ohne Sie geht es nicht, Europa braucht Sie.

Helmut Kohl ist der Kanzler der deutschen Einheit und der europäischen Einigung, eine Figur der Geschichtsbücher. Und dennoch schleppt er den Makel mit sich herum, sich an einem heiklen Punkt wichtiger genommen zu haben als die Gesetze der Demokratie. Kohl ist heute nur noch ein Beobachter. Kohl ist schon lange draußen, Schäuble noch immer mittendrin.

Hat Schäuble am Ende doch noch Kohl besiegt?

"Ja, das hat er. Aber Wolfgang denkt so nicht. Er denkt nicht in Siegen." So sieht es Hans-Peter Repnik, der schon Schäubles enger Vertrauter in der Politik war, als sie noch gemeinsam im Bundestag saßen. Repnik schied vor zehn Jahren aus, heute ist er 67. Gute Freunde sind sie geblieben. "Ich denke nicht viel rückwärts", sagt Schäuble. Gewinnen wollte er immer, aber er macht sich einen entgangenen Sieg nicht zum Vorwurf.

Als sich Repnik und Schäuble in den sechziger Jahren kennenlernten, studierte Repnik noch Jura in Freiburg im Breisgau, und Schäuble war schon einer der Anführer des CDU-nahen Studentenbundes RCDS, der an den bleiernen Verhältnissen in der Partei rütteln wollte. Damals trat auch Rudi Dutschke in Freiburg auf.

Schäuble saß an einem gewaltig großen Schreibtisch und zog an seiner Pfeife, als Repnik ihn das erste Mal traf. Die beiden siezten einander. "Den musch kennelerne", hatte ein Kommilitone zu Repnik gesagt. Repnik wurde neugierig, und hinterher war er beeindruckt von Schäubles europäischen Idealen, am meisten aber vielleicht davon, wie sehr Schäuble in diesem Gespräch den Ton angab. Schäuble fragte, Repnik antwortete. Schließlich sagte sich Repnik: "Da kannsch mitmache."

Repnik hat etwas Erstaunliches bei Schäuble beobachtet – die Fähigkeit, sich mit Niederlagen und Schicksalsschlägen zu arrangieren. "Er hat eine unheimliche Stärke, sich in die Realität einzufinden." Er hänge keinen Träumen nach. Repnik sieht das als Voraussetzung für Schäubles innere Freiheit. Schäuble mache immer weiter, weil er abschließen könne.

Als Repnik ihn nach dem Attentat das erste Mal im Krankenhaus besuchte, erschrak er darüber, dass sein Freund im Rollstuhl so ungestüm durchs Zimmer fuhr, beinahe kippte er um. Hatte Schäuble den Rollstuhl bereits akzeptiert, so kurz nach der Operation, wie konnte das sein? Repnik überlegte, ob er Schäuble von all den Ärzten erzählen solle, die angeboten hatten, an dem Patienten vielleicht noch ein Wunder zu vollbringen. Aber Schäuble wehrte alles ab. "Es gibt kein Entkommen", sagte er zu Repnik.

Ein früherer Tennispartner, der FDP-Politiker Klaus Kinkel, entdeckte eine Sportanlage, auf der auch Behinderte Tennis spielen können, aber Schäuble weigerte sich. Riefen bei ihm Behindertenverbände an, die sich wünschten, er möge sich für sie einsetzen, blockte Schäuble ab. Er hat sich nie als einen Behinderten betrachtet, der Politik macht. Er ist ein Politiker, der in einem Rollstuhl sitzt.

Nach wenigen Monaten kehrte Schäuble in den Bundestag zurück und griff sofort wieder den politischen Gegner an. Schäuble steigerte die Schärfe seiner politischen Reden noch, so nahm er den anderen Abgeordneten die Chance, ihn zu bedauern. Ein unausgesprochenes Abkommen wurde geschlossen: Kein öffentliches Mitgefühl, aber bitte auch keine Politiker, die ihm den Rollstuhl als Grund für seine Härte vorwerfen.

Der Rollstuhl blieb, Schäuble blieb, aber er ließ sich darauf nicht ansprechen. Er wollte nie lernen, wie man sich in einem Rollstuhl optimal bewegt. Er brauchte lange, um sich einzugestehen, dass es ihm besser gehen werde, wenn er sich um seinen Körper so intensiv kümmere wie um seinen Verstand. "Er hat seinen Körper nie geschont", sagt sein früherer Staatssekretär August Hanning.

Vor ein paar Jahren dachte Wolfgang Schäuble um. Seitdem kommt er ein- bis zweimal in der Woche ins Unfallkrankenhaus Berlin, das der Ärztliche Direktor Axel Ekkernkamp leitet. An den Fensterscheiben einer Sporthalle werden dann die Jalousien heruntergelassen, und Schäuble trainiert mit einem 71-jährigen Sportlehrer und einer 70-jährigen Physiotherapeutin. "Er arbeitet hart an sich", sagt Ekkernkamp, und natürlich lässt sich Schäuble auch von seinen Betreuern in der Sporthalle nicht alles bieten. "Er bleibt immer der Chef im Ring."

Ekkernkamp sagt, dass Wolfgang Schäuble ein Vorbild sei. Der Minister weiß davon allerdings nichts. In allen Unfallkliniken, in denen querschnittsgelähmte Menschen liegen, sagt Ekkernkamp, werde die Geschichte des Wolfgang Schäuble erzählt, eines mutigen Mannes, der nicht aufhörte, an sich zu glauben, eines geprüften Politikers, der sich an die Spitze der Politik zurückgekämpft hat, eines Rollstuhlfahrers, in dem so viel Energie brodelt, dass er Mitarbeiter öffentlich anraunzt. Erzählt wird die Geschichte eines unwahrscheinlichen Menschen, der manchmal aufstecken wollte, aber durchgehalten hat, eines Helden, der nichts Heldenhaftes ausstrahlt – und schon deswegen ein Held ist.