In ihrem Essayband Sinneswechsel gesteht Zadie Smith an einer Stelle, wie unangenehm es ihr sei, ihre eigenen Bücher wiederzulesen: "Zähne zeigen habe ich nie wiedergelesen. Vor fünf Jahren habe ich es einmal versucht; ich kam circa zehn Sätze weit, bevor mich der Ekel übermannte. Seit einiger Zeit versuche ich, mich wenigstens zu freuen, wenn mir jemand erzählt, er habe das Buch gelesen, aber es ist ein distanziertes, bezugloses Gefühl, so als ob jemand erzählt, er habe meinen Vetter zweiten Grades irgendwo in Goa an der Bar getroffen."

Ist das vielleicht doch ein bisschen kokett? Keineswegs. Als wir Zadie Smith vergangene Woche in Berlin getroffen haben, konnten wir mit ihr über alles reden, nur bei Fragen zu ihrem Essayband wurde sie regelmäßig einsilbig. Ein Kritiker, der einen Schriftsteller trifft, versucht ja immer durch Textkenntnis zu glänzen, um das Eis zu brechen. Er will dem Autor zeigen, dass er ein ernst zu nehmender Gesprächspartner ist, dass er das infrage stehende Buch von vorne bis hinten gelesen und seine Lieblingsstellen sogar markiert hat (das Exemplar mit den gelben Post-its liegt dann sichtbar neben dem Aufnahmegerät). Doch das verfängt bei Zadie Smith nicht. Kaum bezieht sich der Interviewer auf einen ihrer Essays, schon nimmt ihr Gesicht einen leicht angestrengten Ausdruck an, als wolle sie sagen: "Das habe ich doch schon aufgeschrieben, und Sie haben es bereits gelesen – also lassen Sie uns über etwas anderes reden!"

Dabei spielen ihre Essays, vor allem die literaturkritischen, eine wichtige Rolle in Zadie Smiths Karriere als Schriftstellerin. Heute ist sie ein Star der internationalen Literaturszene, aber als ihr erster Roman, White Teeth, auf Deutsch Zähne zeigen, 2000 erschien, war das zwar ein großer Publikumserfolg, aber gerade in Deutschland fasste die Kritik ihr Debüt mit spitzen Fingern an. Zadie Smith, die 1975 in London geboren wurde als Tochter eines englischen Vaters und einer jamaikanischen Mutter, hatte in ihrem ersten Roman eine Geschichte aus dem ethnisch heterogenen Londoner Stadtteil Willesden erzählt. Bei den deutschen Reaktionen auf Zähne zeigen hatte man manchmal das ungute Gefühl, als sei die Autorin zu jung und zu gutaussehend, um als Literatin ernst genommen zu werden. Es mussten erst ihre ausgebufften Essays zum Stand des zeitgenössischen Romans in der New York Review of Books und im New Yorker erscheinen, bis man sich in Deutschland die Augen rieb und verdutzt feststellte, dass die gut aussehende Verfasserin eines vermeintlichen Multikulti-Blockbusters eine satisfaktionsfähige Intellektuelle ist.

Ist das, wollen wir wissen, ein speziell deutscher Kulturreflex? Zadie Smith lacht: "Ich glaube, in Deutschland ist diese Haltung besonders stark ausgeprägt, aber eigentlich ist es mir überall so ergangen. Für junge Schriftstellerinnen bleibt das allgemein ein Problem. Die Leute reagieren, als gäbe es, wenn du hübsch bist, keinen seriösen Grund, auch noch Bücher zu schreiben. Nur in Italien ist das anders. In Italien geht man davon aus, dass jeder schön sein sollte, egal, was er macht. Selbst die Frauen von der Müllabfuhr sehen in Italien aus wie Supermodels. Ich saß kürzlich mit meinem Mann in einem Café in Rom, und er sagte: Schau dir diese Müllfrau an, sie sieht aus wie Naomi Campbell! Das ist wirklich so. Und es hat mir noch keiner erklären können."

Aber jetzt sitzen wir in Berlin, an der Spree, die Schiffe tuten, und die S-Bahnen rattern vorbei. Zadie Smith ist mit Daniel Kehlmann befreundet. Er hat sie eingeladen, sie ist für ein paar Tage sein Gast. Kehlmann ist ja längst so etwas wie der geheime Kulturbotschafter Deutschlands in der englischsprachigen Welt. Er ist mit so vielen internationalen Schriftstellern von Ian McEwan bis Jonathan Franzen befreundet, dass man manchmal den Eindruck gewinnt, wenn die an Deutschland denken, denken sie – nach dem Tod von Bernhard, Sebald und Grass – in erster Linie an Kehlmann. Nun, einem Land kann wahrlich Schlimmeres widerfahren.

Es ist ein schwülheißer Tag, und als wir wieder auf ihren Essayband – es hilft ja nichts – zurückkommen, seufzt Zadie Smith und kratzt sich am Oberarm, bis weiße Schleifspuren ihre Haut zieren. Am Schreiben von Essays gefalle ihr, dass sie sich dabei wenigstens nicht nutzlos vorkomme. Man habe eine klar definierte Aufgabe, die sich in einem übersichtlichen Zeitraum realisieren lasse. Wie anders sei das beim Schreiben von Romanen. Gerade habe sie noch mit Daniel Kehlmann darüber gesprochen, was für eine Qual das sei: "Die Hauptherausforderung ist es, dieses Gefühl von Übelkeit und Selbsthass zu überwinden. Ein erheblicher Teil des Arbeitstages eines Schriftstellers hat mit diesem unangenehmen Gefühl des Selbstzweifels zu tun. Das geht, glaube ich, jedem Schriftsteller so – außer den sehr schlechten."

Zadie Smith ist eine leidenschaftliche, anspruchsvolle und genaue Leserin, das führen ihre Essays auf inspirierende Weise vor. Und man versteht sofort, dass das eigene Schreiben für jemanden keine warme Dusche der Selbstbestätigung ist, der die Großen der Literaturgeschichte so genau unter die Lupe nimmt wie Zadie Smith. Glänzend ihre Essays zu Kafka, zu Nabokov und Roland Barthes. In Zwei Wege für den Roman vergleicht sie Joseph O’Neills Niederland mit Tom McCarthys 8 ½ Millionen. Das eine ein handwerklich meisterhafter Post-nine/eleven-Roman, das andere ein radikal avantgardistischer Experimentalroman. Als Kritiker, der sich noch an die eigene euphorische Rezension von Niederland erinnert, schämt man sich fast, wenn man nun liest, wie streng Zadie Smith bei O’Neill das auseinandernimmt, was sie "lyrischen Realismus" nennt: die allzu geschmeidige Könnerschaft, mit der jedes Motiv zu einem leuchtenden Symbol der Gegenwart ausgebaut wird. Und dann schreibt Zadie Smith zusammenfassend: "Die literarische Marktwirtschaft hat ihre Stände an der Straße aufgeschlagen, die zu Niederland führt und auf der man unterwegs Jane Austen, George Eliot, F. Scott Fitzgerald, Richard Yates und Saul Bellow zuwinken kann. Selten wusste sie [die literarische Marktwirtschaft] so wenig darüber [...], was es auf dem Weg zu 8 ½ Millionen Neues gibt, dieser kurvigen Seitenstraße, wo wir Georges Perec, Clarice Lispector, Maurice Blanchot, William Burroughs und J. G. Ballard begrüßen dürfen."

Haben wir es uns vielleicht alle zu bequem gemacht, als wir uns auf der breiten Straße des lyrischen Realismus eingerichtet haben? 8 ½ Millionen von Tom McCarthy wurde zwar verdienstvollerweise vom diaphanes Verlag ins Deutsche übersetzt, aber stark wahrgenommen wurde es nicht. Zadie Smiths skrupulöser Essay hat auch deshalb eine so ernste Dringlichkeit, weil sie darin zwischen den Zeilen naturgemäß mit sich selbst ringt, denn ihre eigenen Romane sind definitiv näher bei Joseph O’Neill als bei Tom McCarthy.

Zadie Smith ist keine Dogmatikerin. Es geht ihr nicht um Manifeste. Eine Avantgarde-Diktatur wäre mindestens so steril wie die herrschende Realismus-Monokultur. Zadie Smith will möglichst viele Perspektiven offenhalten. Alle ihre Essays, ob diese der Literatur, der Stand-up-Comedy, der Politik oder ihrer Familiengeschichte gelten, sind der Versuch, intellektuell beweglich zu bleiben, sich in keinem Schützengraben zu verbarrikadieren, sich zum Rollenwechsel zu zwingen, um die Welt mit immer neuen Augen zu sehen. In einem ihrer Essays, der keine sentimentale, sondern eine scharfsinnige Apotheose von Barack Obama ist, nennt sie dieses Lebensideal "in Zungen reden": Aus dem britischen Klassensystem kommend, in dem soziale Identität und sprachlicher Akzent unauflösbar aneinandergekettet sind, erkennt sie in Barack Obama einen Präsidenten, der fast wie ein Schauspieler den Zungenschlag wechseln kann, je nachdem, mit welcher Community er gerade kommuniziert.

Es ist an der Zeit, darin nicht mehr eine Form von rückgratlosem Opportunismus zu sehen, sondern ein modernes Bewusstsein der ethnischen, sozialen und kulturellen Vielstimmigkeit unserer zeitgenössischen Identitäten. Für eine gute Britin wie Zadie Smith ist der Prototyp dieser Vielstimmigkeit natürlich Shakespeare: Der ließ sich auch nie auf nur eine Figur festlegen.