Der Roman des Amerikaners Anthony Doerr erzählt die Geschichte zweier Menschen im Zweiten Weltkrieg: die eines jungen Deutschen, der in einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) zum Nazi hergerichtet wird, und die eines früh erblindeten Mädchens in Paris, das von seinem hingebungsvollen Vater lernt, mit der Behinderung umzugehen. Vater und Tochter verschlägt es auf der Flucht vor der Invasion nach Saint Malo. Auch der Junge, mittlerweile Soldat, gelangt am Ende dorthin. Er begegnet ihr in einem ebenso dramatischen wie zauberhaften Moment, und während die Bomben der Alliierten auf die Stadt herabdonnern, verlieben sich die beiden ineinander.

Neben diesem Kriegsfilm sehen wir einen Kriminalfilm. In dessen Zentrum steht ein gigantischer Diamant, der zu den Schätzen des naturhistorischen Museums in Paris gehört. Um das Original vor den Deutschen zu retten, wurden Replikate angefertigt. Der uralte Stein hat einer Sage zufolge die Kraft, den Besitzer zu schützen, die Menschen an seiner Seite jedoch zugrunde zu richten. Ein hoher Nazioffizier, damit beauftragt, die bedeutendsten Kunstschätze zu requirieren, setzt sich auf die Spur des Diamanten. Er ahnt, dass das Mädchen ihn hat. In einem spannenden Zweikampf überlebt sie.

Alle Fäden dieser vielfädrigen Geschichte laufen in Saint Malo zusammen. Davor aber erleben wir den Terror, dem der Junge und seine Kameraden in der Napola ausgesetzt sind, den Drill, die brutalen Züchtigungen, die Erziehung zur Ausmerzung der Schwachen. An der Ostfront erfährt er dann die Grauen des Krieges. Er ist 17 Jahre alt.

Auf der anderen Seite erleben wir, wie besagte Tochter ihr Gehör, ihren Geruchs- und Tastsinn entwickelt, wie sie es lernt, sich in ihrem Pariser Viertel blind zurechtzufinden. Der Vater bastelt ihr ein maßstäbliches Modell der Straßen und Häuser. Sie studiert es mit ihren Fingern und prägt sich die Menge der Gullideckel bis zur nächsten Kreuzung ein. Später wird der Vater ein Modell der Altstadt von Saint Malo bauen und in einem der Häuser den Diamanten verstecken.

Der Roman beginnt 1934 und endet 1945 – abgesehen von einem überflüssigen Epilog, der bis in die Gegenwart führt. Um sein umfängliches Material ausbreiten zu können, hat sich Anthony Doerr eine komplizierte, dennoch wirkungsvolle Erzählordnung ausgedacht. Er bildet unterschiedliche Zeitachsen ab – Kindheit und Jugend vor dem Krieg, Aufstieg des NS-Regimes, Eroberung Frankreichs, Vertreibung der Juden, Zusammenbruch der Fronten – und springt zwischen den französischen und deutschen Schauplätzen hin und her.

Die zahlreichen Kapitel haben oft nur zwei oder drei Seiten. Es sind plastisch geschilderte Nah- und Momentaufnahmen, sodass der Leser den dramatischen Ereignissen leicht folgen kann – vor allem auch deshalb, weil ihm die Szenen vertraut vorkommen. Hunger und Elend, Bombenangriffe, gefrorene Leichen, russische Vergewaltiger: Wer es nicht selbst erlebt hat, kennt es aus Büchern und Filmen.

Sich in die Lage eines blinden Mädchens zu versetzen und in die eines Halbwüchsigen, der sich dem ideologischen Zwang ohnmächtig fügt, wendet der Autor viel Mühe auf. Da gelingen ihm einprägsame Bilder. Die Schauplätze sind in der Regel korrekt ausgestattet, leider jedoch mit allzu viel Mobiliar vollgestellt. Nicht selten neigt Doerr zu jener quasipoetischen Veredelung, die Robert Musil einmal "poeseln" genannt hat. Dann ist von Soldaten die Rede, "die mit Ewigkeit in den Augen zurück in die Städte strömen". Einer hält "die hohlen Hände aneinander, als wollte er eine Kugel Finsternis in ihnen festhalten". Und gegen Ende heißt es: "Berlin kapituliert. Göring kapituliert. Das große, geheimnisvolle Gewölbe des Nazismus bricht auf." Dass der Nationalsozialismus ein Gewölbe gewesen sei, gar ein "geheimnisvolles", wird man nicht sagen können, und dass es "aufbricht", wohl auch nicht.

Werner Löcher-Lawrence gehört zu jenen Übersetzern, die sich an das Original klammern. Als man in Saint Malo des ersten amerikanischen Soldaten ansichtig wird, sagt die Bäckersfrau begeistert zur Nachbarin: "Gut aussehend wie ein Filmstar." Vermutlich hat sie gesagt: "Der sieht aber gut aus, wie ein Filmstar." Oft wirken die deutschen Sätze unbeholfen, der Originaltext schimmert durch. "Ein großes Wohnzimmer mit reich stuckverzierter Decke" ist nicht der Gipfel sprachlicher Eleganz (eher: "reich verzierter Stuckdecke").

Alles Licht, das wir nicht sehen (All the Light We Cannot See) ist gut lesbar, doch alles in allem nicht übermäßig interessant. Interessant ist die Frage, weshalb der Roman in den USA einen solchen Sturm der Begeisterung ausgelöst hat. Der Hauptgrund liegt wohl darin, dass Anthony Doerr der Ästhetik des Fernsehens folgt. Die Szenen dauern immer so lange wie eine Fernsehsequenz. Sie werden im Präsens erzählt, sie betonen das Hier und Jetzt des gezeigten Augenblicks. Sie orientieren sich an der Aufmerksamkeitsspanne eines Fernsehzuschauers und gelangen nie zu episch-imaginativer Breite.

Der zweite Grund liegt in der Verbindung des immer wieder attraktiven Nazithemas mit dem Märchenhaften. Der legendäre Diamant mit seinen wundersamen und gefährlichen Kräften lenkt das Geschick der Akteure. Die kleine Fantasy-Beigabe gibt dem D-Day eine neue Farbe. Und drittens ist der junge Deutsche ein bemitleidenswerter, sympathischer Bursche. Dass er sich in die schöne, arme Blinde verliebt – der Leser hat es schon geahnt, und es findet seinen Beifall.