Wodka. Ölsardinen. Und Speckstreifen. Das scheinen Oskar Grönings stärkste Erinnerungen an Auschwitz zu sein. Nicht die Berge von Leichen, die er dort brennen sah. Nicht die Schreie der jüdischen Kinder, Frauen und Männer, die er aus den Gaskammern hörte. Nicht einmal das Baby, das vor seinen Augen von einem SS-Mann gegen einen Lastwagen geschleudert und dann auf den Müll geworfen wurde.

"Wir kamen in Auschwitz an, und es gab all diese Dinge, die wir schon lange nicht mehr gesehen hatten", sagt Gröning. "Ölsardinen, Speckstreifen und vor allem: Wodka, Wodka, Wodka." Oskar Gröning, von 1942 bis 1944 SS-Unterscharführer im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, nimmt sich eine Wasserflasche, lässt seinen Blick durchs Publikum im Gerichtssaal schweifen und sagt: "Ich mach das jetzt wie in Auschwitz mit dem Wodka." Dann kippt er die halbe Flasche hinunter.

Oskar Gröning, 93 Jahre alt, ist vor dem Landgericht Lüneburg der 300.000-fachen Beihilfe zum Mord angeklagt. Aber er sitzt da, als veranstalte er einen Dia-Abend.

Seit einem Monat wird verhandelt über Schuld und Unschuld des deutschen Staatsbürgers Oskar Gröning, der ganz und gar nicht leugnet, vor mehr als 70 Jahren in Auschwitz Dienst getan zu haben. Vordergründig geht es um Fragen wie diese: War Gröning ein Überzeugungstäter oder ein Verbrecher wider Willen? Sitzt da auf der Anklagebank ein strammer Ideologe oder ein bedauernswerter Greis, der das Pech hatte, in einer Diktatur erwachsen zu werden?

Doch je länger der Prozess dauert, desto klarer zeichnet sich ab, dass es in diesem Verfahren um weit mehr geht. Das liegt an Menschen wie Kathleen Zahavi, die drei Wochen nach Prozessbeginn wenige Meter vom Angeklagten Gröning entfernt sitzt und um Fassung ringt. Zahavi ist 86 Jahre alt. Sie hat Auschwitz überlebt. Die Zeit hat aus einem jungen Mädchen eine alte Frau gemacht, an diesem Tag ist sie als Zeugin geladen. Mit tränenerstickter Stimme fragt sie: "Warum, Herr Gröning? Warum durften Sie nach den Gräueltaten, die Sie mit ansahen und an denen Sie beteiligt waren, als freier Mann alt werden?"

Zahavi stellt diese Frage nicht nur im eigenen Interesse. Sie stellt sie für die mehr als einhundert Angehörigen, die sie in Auschwitz verloren hat. Ihre Mutter, ihren Vater, ihre Geschwister, ihre Cousinen, ihre Tanten, ihre Onkel. Sie stellt sie für Millionen Juden, die nicht mehr sprechen können.

Und Zahavi richtet ihre Frage nicht nur an den Angeklagten. Ihr Zorn verdeutlicht, dass sich in diesem Prozess die Justiz selbst verantworten muss: Warum – darauf zielt die Frage der Überlebenden – saßen von den etwa 6.500 SS-Männern, die allein in Auschwitz-Birkenau Dienst taten, bloß 43 auf einer bundesdeutschen Anklagebank? Wo sind die anderen 6.457? Sind sie verschwunden? Verschollen? Oder wurden sie verschont?

Es ist Zufall, dass der Prozess in Lüneburg, zu dem Kathleen Zahavi aus Kanada angereist ist und bei dem sich nun Überlebende aus allen Erdteilen treffen, zusammenfällt mit dem Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs und an die Befreiung der Vernichtungslager. Es werden Reden gehalten und Kränze niedergelegt, es wird von Schuld und Mord gesprochen – und zugleich wird ein Vakuum offenbar: Wer waren die Mörder? Wie steht es mit ihrer Schuld?

Meist warten Menschen wie Kathleen Zahavi vergebens auf Antwort.