Der Ossi als Feindbild

Claus Weselsky: Schon wieder einer "von drüben", der alles durcheinanderbringt! Das darf wohl nicht sein

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), also jene Bahngewerkschaft, der Claus Weselsky seit dem Jahr 2008 vorsteht, beinahe rein ostdeutsch ist. Sie ist zwar klein – viel kleiner als die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) –, aber ihre Mitglieder kommen fast alle von hier. Man kann auch ohne Übertreibung sagen: Die Lokführer kämpfen mal wieder wie einst David gegen Goliath. Und da kämpft auch, ja, das will so niemand hören, Ost gegen West. Man kann sagen und übertreibt dabei nur ein wenig: So hat der Osten lange nicht gekämpft. Zumindest nicht, seit die Kalikumpel in Bischofferode ihren Hungerstreik vor mehr als 20 Jahren beendeten. Also laut, lange, beharrlich, sichtbar, unbequem. Und der Westen hat seither nicht mehr so zurückgekämpft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe Nr. 22 vom 28.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

All das bündelt sich in der Person von Claus Weselsky. All das kann man im GDL-Streik auch wie auf einer Theaterbühne betrachten. Das öffentliche Bild Weselskys ist das eines Feindbild-Ossis. Dabei ist der 56-Jährige eigentlich ein Typ aus einem Heiner-Müller-Stück. Ein Umstürzler, vielleicht ein Revolutionär. Ein Revoluzzer auf jeden Fall. Auf die Bühne des Berliner Ensembles würde er passen. Doch leider feiert nur das Theater solche Typen. Im echten Leben hingegen war Weselsky, der erste Ostdeutsche an der Spitze einer Bundesgewerkschaft, alles schon: Scharfmacher, Sturkopf, Hardliner, Krawallmacher, trotz seines CDU-Parteibuches Fundi, ein harter Hund, einer, der gar nicht sympathisch sein kann; dem immer wieder nachgesagt wird, ihm gehe es mehr um sich selbst als um die Sache. Obwohl mir so schnell kein anderer einfallen will, der in den vergangenen Jahren so für seine Sache kämpfte. Jürgen Klopp vielleicht.

Weselsky, das ist ein ständig grünen Tee trinkendes, sächsisch klingendes Alphatier. Über den Tee wird immer geschrieben, weil, so viel Geschmack traut man den Ostdeutschen gar nicht zu. Trinken doch alle Filterkaffee wie die Bauarbeiter aus dem Umland und essen Bockwurst zum Frühstück! Nein, das ist natürlich übertrieben. Aber auch der Hinweis auf seinen Dialekt fehlt nie. Sächsisch, o je, ein nicht wettzumachender Makel, etwas, das sich für die Konferenztische dieser Republik nicht eignet. Dem gebürtigen Dresdner Weselsky ist das egal. Das sollte ihn sympathisch machen, aber nein, das macht ihn noch verdächtiger: Die Leute, die Journalisten, die Politiker, die anderen Gewerkschaftler, sie greifen sich an den Kopf. Wer sächselt, kann den richtigen Ton nicht treffen, egal, was er sagt. Sächsisch klingt nicht gut, Sächsisch klingt nicht richtig. Dieser Mann ist jedenfalls keiner von uns, wird nie einer von uns werden.

Vielleicht ist es Claus Weselsky ziemlich egal, was die Leute von ihm denken. Es wäre ihm zu wünschen. Er hat Lust an der Macht und gibt das auch gern zu. Einmal hat er sinngemäß gesagt, dass Weicheier an der Spitze einer Gewerkschaft niemandem nützen würden. Mal abgesehen von der etwas degoutanten Wortwahl hat er natürlich recht: Ein Gewerkschafter ist ein guter Gewerkschafter, wenn er für seine Leute kämpfen kann und bei Gegenwind nicht einknickt. Für einen Ostdeutschen jedoch sind markige Sprüche, konsequente Selbstinszenierung und so viel Selbstbewusstsein eher selten. Es gab Männer wie Matthias Platzeck (den Vermittler der Bahn, siehe Text unten) oder Wolfgang Tiefensee, die an ihrer Macht entweder litten oder damit nicht besonders viel anzufangen wussten; oder es gab Männer wie Wolfgang Thierse, die Macht stets mit intellektueller Abscheu betrachtet haben.

Viele Ostdeutsche hadern mit Macht, sie mögen Mächtige nicht und wollen sich mit ihnen nicht einlassen. Gut ist das nicht, oft ist es ein bisschen bequem. Aber das hat mit Prägungen aus der DDR und auch mit Erfahrungen nach 1989 zu tun. Für Claus Weselsky gilt das nicht: Er zeigt zwar den Mächtigen von der Deutschen Bahn die kalte Schulter, aber er nutzt seine Macht als Gegenmacht. Er passt sich nicht an, er verhält sich nicht irgendwie dankbar für irgendwas. Allein das reicht offenbar schon, um als mächtiger Querulant zu gelten. Jan Fleischhauer, Spiegel- Kolumnist, schrieb gerade, das sei die ideale Kombination aus SED-Borniertheit und DGB-Hochmut. Logisch! Ossi-Beschimpfung geht immer, Angela Merkel wird ja auch sofort wieder zur FDJ-Sekretärin, wenn sie etwas macht, was irgendjemandem nicht passt.

Wichtig aber ist: Weselsky musste schon tausendmal versichern, dass er nicht in der SED gewesen und vor 1989 kein Gewerkschafter gewesen ist. Trotzdem glaubt es ihm niemand. Seine Widerständigkeit kann nur eine späte Folge seiner Diktaturerfahrung und auf keinen Fall demokratische Praxis sein. Verhielt es sich bisher nicht immer umgekehrt? Waren die DDR-Bürger in ihrer Mehrheit nicht jene scheuen, geknickten und angepassten Mitläufer gewesen, die dann nach dem Mauerfall keinerlei Verwendung für die Demokratie hatten? Zu so einem Bilderbuch-Zoni jedenfalls versucht man Weselsky zu machen. Nach dem Motto: Früher falsch, heute falsch. Mal gucken, ob es klappt.

Wer Claus Weselsky mag, mag auch: Matthias Sammer, Fußball-Manager Uwe Steimle, Kabarettist Peter Sodann, Schauspieler

Jana Hensel

Der Ossi als Versöhner

Matthias Platzeck: Oft wurden Wendebewegte wie er als zu konsensverliebt belächelt. Nun gilt das als Plus

Vielleicht ist Matthias Platzeck gerade deshalb von der Bahn als Schlichter benannt worden, weil er ein Ostdeutscher ist, wie ihn die Westdeutschen sich wünschen. Er sucht den Konsens und nicht den Konflikt. Es geht ihm um die Sache und nicht um sich. Er kann Verlierern das Gefühl geben, sie hätten gewonnen. Er ist ein Vorzeige-Ossi.

Platzeck, 61, von 2002 bis 2013 Ministerpräsident Brandenburgs, steht schon seit zwei Jahren nicht mehr ständig in der Öffentlichkeit – er ist aber eine Identifikationsfigur der Ostdeutschen geblieben. Ein ewiger Versöhner, ein Friedensstifter. Es gibt nicht mehr viele Politiker dieser Art.

Matthias Platzeck sei "der netteste Ossi, den die SPD hat", das sagte zur Jahrtausendwende der CDU-Mann Günter Nooke (und die ehrlichsten Komplimente kommen schließlich vom politischen Gegner). Platzeck hat es geschafft, ein ostdeutsches Zusammengehörigkeitsgefühl zu beschwören, ohne sich den Westdeutschen zu verschließen.

Kein Wunder, dass die Bahn ihn unbedingt als Schlichter im Tarifkonflikt mit der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer gewinnen wollte. Sie hat die GDL mit dieser Idee förmlich überrumpelt. Noch ehe diese bereit zu einer Schlichtung war, ging das Unternehmen an die Öffentlichkeit. Man wolle einen Schlichter, hieß es in einer Pressekonferenz. Man wolle Matthias Platzeck. Den Ossi also, dem die Wessis vertrauen. Es dauerte noch zwei Wochen, bis sich beide Seiten einigen konnten. Nun soll Platzeck, gemeinsam mit Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (siehe Text unten), den Tarifstreit beilegen helfen. Wie er das machen will, darüber hat Platzeck noch nicht viel verraten. "Schlichten und Schweigen sind ein ganz gutes Pärchen", ließ er wissen. Da tickt er völlig anders als Ramelow.

Platzeck muss nicht lernen, was es heißt, ein Schlichter zu sein. Er ist das eigentlich immer schon gewesen. Er hat einen besonderen Typus Politiker geprägt: den wendigen Schlichter. Drei Eigenschaften zeichnen ihn aus.

Erstens: Matthias Platzeck moderiert lieber, statt seine Ansicht brutal durchzusetzen. Zwischen Streitenden zu vermitteln ist für ihn die edelste Form der politischen Führung. In einem Interview vor zwei Jahren sagte er: "Seit ich Politik mache, also seit 23 Jahren, bin ich der Überzeugung, dass der Kompromiss die Seele der Politik ist, dass ein Kompromiss etwas Sinnvolles, ja eine Tugend sein kann." Mit seinem Stil – nicht seinen Willen, sondern den der Mehrheit durchzusetzen – hat Platzeck in Brandenburg etabliert, was Angela Merkel als Kanzlerin noch perfektioniert hat.

Zweitens: Matthias Platzeck ist bereit, sich selbst zu revidieren. Er wurde zum Wende-Meister der deutschen Politik. Zu Beginn seiner Karriere, 1989, fiel Platzeck noch als Umweltschützer auf; als junger DDR-Bürgerrechtler schloss er sich dem Bündnis 90 an. Später wechselte er zur SPD, wurde Umweltminister und während der Oderflut 1997 als "Deichgraf" berühmt. Er half in den Flutgebieten, gab Dutzende Interviews, wurde für "Glaubwürdigkeit im deutschen Fernsehen" mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Platzeck, das war der Öko-Sozi. Jedoch später, als Regierungschef Brandenburgs, wandelte er sich zum Verteidiger der Lausitzer Braunkohle-Industrie. Umweltschützer werfen ihm vor, seine Ideale verraten zu haben.

Auch als Hassfigur der Linken war Platzeck einmal bekannt. Im Jahr 2004 kämpfte er für Gerhard Schröders Agenda 2010 wie kaum ein anderer Sozialdemokrat. Platzeck verteidigte die Hartz-Reformen leidenschaftlich, legte sich mit der PDS an. Ausgerechnet er ging fünf Jahre später mit der Linken eine Koalition in Brandenburg ein; dabei hätte es auch für ein Bündnis mit der CDU gereicht. Aber Platzeck wollte die Veränderung. Er umarmt alte Feinde gern.

Drittens: Matthias Platzeck ist des Egoismus weitgehend unverdächtig. Anders gesagt: Man musste ihm, der vielen als zu weich fürs harte Politikgeschäft galt, die Macht geradezu aufdrängen. So war das 2005 nach Franz Münteferings Rücktritt, als Platzeck unverhofft SPD-Chef wurde. So war das auch 1998 gewesen, als Brandenburgs damaliger Regierungschef Manfred Stolpe dringend einen Oberbürgermeister-Kandidaten für Potsdam suchte. Tragisch schließlich endete Platzecks politische Karriere: Zweimal trat er aus gesundheitlichen Gründen zurück, 2006 als SPD-Chef und 2013 als Ministerpräsident. Ob er manchmal daran gedacht habe, was alles noch aus ihm hätte werden können, wurde Platzeck in einer Talkshow einmal gefragt. "Mich peinigt in keiner Sekunde der Gedanke: Du hättest vielleicht noch Papst werden können", sagt er, ein bisschen belustigt, aber sehr überzeugt.

Er wollte wenig werden und wurde doch vieles: Umweltminister, Oberbürgermeister, Regierungschef, oberster Sozialdemokrat der Republik. Platzeck imponierte anderen mit seiner vermeintlichen Harmlosigkeit und entwaffnete sie gleichzeitig. Wahrscheinlich wird das auch im Bahnstreit seine Strategie sein. Mal sehen, ob Platzeck auf seine Art auch jene einfangen kann, die ihn sich als Schlichter gewünscht haben.

Wer Matthias Platzeck mag, mag auch: Kai Pflaume, TV-Moderator Katrin Göring-Eckardt, Politikerin (Grüne) Armin Mueller-Stahl, Schauspieler

Anne Hähnig