Am Wochenende vor dem Elbjazz-Festival spielt Giovanni Weiss in der Bar Italia in Eppendorf. Das Restaurant preist sich als "Oase des Genusses" an und bietet samstags neben mediterranen Speisen auch Livemusik. Es ist beliebt bei Hamburger Jazzmusikern, die an diesem Abend keinen Gig haben. Hier treffen Jungjazzer mit frischem Studiumabschluss Echo-Jazz-Preisträger wie Giovanni Weiss. Der schätzt die Bar Italia als Ort, um mit anderen Profis zu jammen – und um mit ihnen neue Sachen auszuprobieren.

Der 34-jährige Gitarrist, jetzt mit gepflegtem Backenbart, trägt ein T-Shirt, Jeans und Turnschuhe. Eine Baseball-Kappe verdeckt seine schwarzen gegelten Haare. In dem lässigen Aufzug hat Giovanni wenig vom "Latin Lover"-Typ, als den ihn einmal das Hamburger Abendblatt beschrieb.

Weiss ist Sinto. Aus Wilhelmsburg, von der anderen Elbseite, hat er einen jungen Mann nach Eppendorf mitgebracht: Benjamin Wiegand, 20, einen Verwandten, der gerade mit seiner Geige als Bester im Landeswettbewerb Jugend jazzt ausgezeichnet wurde. Zunächst schüchtern, aber schließlich immer gelöster spielt Wiegand mit seinem Cousin und den beiden Routiniers Philipp Steen am Bass und Noah Rott am Piano Jazz-Evergreens wie Autum Leaves oder There Will Never Be Another You.

Weiss beherrscht die Harmoniefolgen solcher Standards perfekt, kann in allen Tonarten darüber improvisieren. Was ihn von anderen Jazzern unterscheidet und bekannt gemacht hat, wird er am Samstag beim Elbjazz-Festival in der Alten Maschinenbauhalle auf dem Blohm+Voss-Gelände bringen: Gypsy-Swing, die wichtigste in Europa entstandene Richtung der Jazzmusik, die sonst so sehr von Afroamerikanern geprägt ist. Geschaffen hat dieses – auch Zigeuner-Jazz genannte – Genre der französisch-belgische Sinti-Gitarrist Django Reinhardt (1910 bis 1953). Zu seinem Andenken nannte Weiss seine Band Django Deluxe.

Außer ihm, dem Solo-Gitarristen, gehören zu der Band Giovannis Vetter Robert Weiss (Rhythmus-Gitarre) und sein jüngerer Bruder Jeffrey Weiss (Kontrabass). Ein Markenzeichen von Django Deluxe ist ein unglaublicher Drive, ganz ohne Schlagzeug, den bis vor Kurzem vor allem Robert erzeugte, die "Swing-Maschine aus Wilhelmsburg", wie ihn Bewunderer nennen.

Doch Robert liegt nach einem Herzinfarkt schwer krank in einer Klinik. "Er ist unersetzbar", sagt Giovanni. Deshalb versucht Giovanni es erst gar nicht mit einem anderen Gitarristen und nimmt stattdessen einen Drummer und einen Pianisten mit auf die Bühne. Beim Elbjazz-Auftritt kommen die von der NDR Bigband. Mit ihnen spielen sie Stücke aus dem Album "Django Deluxe & NDR Bigband: Driving", einer der aufregendsten Jazz-Platten der letzten Monate.

"Virtuos-filigraner Sinti-Swing und opulenter Bigband-Sound im kongenialen Zusammenspiel", lobt Dirk Brietzke im Onlineportal About Jazz. Der promovierte Hamburger Historiker, Autor und Jazzkenner ist seit Jahren mit der Wilhelmsburger Szene vertraut. "Die von Django Reinhardt inspirierte Musik ist hier Teil des Lebens, wird oft spontan musiziert", sagt er.

Dass das Album der drei Sinti-Swinger mit der NDR Bigband so gut wurde, ist vor allem das Verdienst des Chefdirigenten Jörg Achim Keller. Der Meister-Arrangeur hatte schon das Kunststück fertiggebracht, Songs von Tom Waits mit einem großen Orchester für die Sängerin Rebekka Bakken einzurichten. Nun ließ er sich von den Django-Deluxe-Musikern die eigenen Festlegungen der Stücke schicken. "Da hat er dann Big-Band-Arrangements praktisch draufgeschrieben", erklärt Giovanni Weiss. Das Resultat sind orchestrale Einwürfe, die den Sinti-Sound bereichern, aber nie beherrschen. Zum Beispiel nahm Keller das Schlagzeug so weit zurück, dass Roberts Gitarre und Jeffreys Bass eindeutig den Rhythmus bestimmen. "Jörg Achim Keller", sagt Giovanni, "wusste von Beginn an, wie wir klingen wollen."

Giovanni Weiss begann mit fünf Jahren Gitarre zu lernen. Seine Familie war zu jener Zeit in ein Haus in Wilhelmsburg gezogen. Das schließt freilich – bis heute – monatelange Reisen im Wohnwagen im Sommer nicht aus. Die Weissens handeln mit Altmetall und Antik-Waren. Bass-Bruder Jeffrey leitet den Wilhelmsburger Schrottbetrieb Hamburger Recyclingpartner HRP, bei dem Giovanni immer wieder aushilft. Selbst bekannte Jazzer brauchen eben Zusatzjobs!

Weil Giovanni die Schule nur sporadisch besuchte, machte er nie einen Abschluss. Statt Aufsätze zu schreiben und Mathe zu pauken, übte er auf seiner Gitarre und wurde zu dem, was man in der Musikwelt ein Wunderkind nennt. Dabei kannte er bis zu seinem zwölften Lebensjahr keinen anderen Gitarristen als Django Reinhardt. Dann fanden die Weiss-Brüder eine Platte von George Benson; sie spielten ihn nach. Und begannen, die Vielfalt des Jazz zu entdecken.

Als Giovanni 17 war, ermunterten ihn Musiker, sich an der Hochschule für Musik und Theater zu bewerben. Er wurde unter Hunderten von Bewerbern ausgewählt und lernte bei Dozenten wie dem damaligen NDR-Bigband-Chef Dieter Glawischnig und dem inzwischen für sein Lebenswerk mit einem Echo geehrten Wolfgang Schlüter. "Er war technisch hervorragend", erinnert sich Vibrafon-Virtuose Schlüter an den jungen Gitarristen aus Wilhelmsburg. Giovanni Weiss wurde sogar ein Stipendium des Berklee College in Boston angeboten. Doch die Eltern waren gegen ein Studium in Amerika.

Giovanni machte auch ohne US-Erfahrung seinen Weg. 2012 brachte Django Deluxe die erste CD heraus und benannte sie nach ihrem Wohnort Wilhelmsburg. Nun wurde die Jazzszene über Hamburg hinaus auf den Lead-Gitarristen aufmerksam; im folgenden Jahr bekam Giovanni Weiss in der Fischauktionshalle in St. Pauli den Echo Jazz als bester Gitarrist überreicht. "Das ist nicht nur für mich, sondern für unser ganzes Volk eine großartige Auszeichnung", bedankte sich der Musiker.

Hat der Preis sein Leben verändert? "Ja, es gab schon ein paar mehr Gigs", sagt Giovanni. Und bei den Gigs ein bisschen mehr Geld. Der Preis selbst war undotiert. Jazzmusik bleibt eben etwas für Liebhaber.

CD: Django Deluxe / NDR Bigband: "Driving" (MPS / Edel).