DIE ZEIT: Herr Rogoff, Wolfgang Schäuble hat einmal gesagt, er bedaure jeden, der sein Englisch ertragen müsse. Verstehen Sie immer, was der deutsche Finanzminister sagt?

Kenneth Rogoff: Auf jeden Fall. Sein Englisch ist sehr gut.

ZEIT: Haben Sie denn auch Verständnis für das, was er sagt?

Rogoff: Wenn Sie mich fragen, ob ich jeder Entscheidung der Bundesregierung in dieser Krise zustimme, dann lautet die Antwort: Nein. Ich hätte einiges anders gemacht.

ZEIT: Was genau?

Rogoff: Ich wäre großzügiger gegenüber Irland und Portugal gewesen. Ich kann die deutsche Furcht nachvollziehen, dass nötige Reformen aufgeschoben werden, wenn man gegenüber den Krisenländern nicht hart auftritt. Aber angesichts der Schwere der Krise hätte ich darüber hinweggesehen. Allerdings räume ich an dieser Stelle gern ein: Es geht auch nicht um mein Geld.

Wolfgang Schäuble: Als Ökonom können Sie viele gute Ratschläge erteilen. Als Politiker muss ich Entscheidungen treffen, und dabei geht es in der Regel um unser aller Geld.

ZEIT: Der britische Economist hält das ökonomische Denken der Deutschen für "veraltet und verfehlt". Und der frühere italienische Ministerpräsident Mario Monti hat beklagt, die Deutschen verwechselten Ökonomie mit Moralphilosophie. Teilen Sie diese Kritik?

Rogoff: Das ist eine vereinfachende Sicht der Dinge. Ich glaube, dass Deutschland sich in der Rolle wiederfindet, die auch der Internationale Währungsfonds (IWF) bei seinen Rettungsaktionen innehatte. Jedes Mal, wenn er ein Land retten musste, war es doch so: Die Regierung schob alle unbequemen Maßnahmen auf den IWF. Wenn die Renten gekürzt wurden, war es: der IWF. Wenn die Arbeitslosigkeit stieg, war es: der IWF. Keine Regierung stellte sich hin und sagte, wir haben über unsere Verhältnisse gelebt und jetzt erleben wir die Konsequenzen. Genau so läuft es nun in den Krisenländern Europas. Nur dass der Sündenbock jetzt Deutschland ist.

ZEIT: Die Kritiker argumentieren vor allem, dass Deutschland mehr Geld ausgeben sollte, um die Konjunktur in Europa zu stützen.

Schäuble: Wir haben mehr Geld ausgegeben. Deutschland hatte nach dem Ausbruch der Krise in den USA das höchste Haushaltsdefizit in der Nachkriegsgeschichte. Wir haben genau das getan, was uns die internationalen Ökonomen immer empfehlen: die Nachfrage gestützt. Aber jetzt läuft die Wirtschaft wieder besser, und deshalb haben wir das Defizit zurückgeführt. Wir machen es genauso, wie John Maynard Keynes es wollte.

ZEIT: Sie sind der wahre Keynesianer?

Schäuble: Zumindest habe ich nicht nur die ersten Seiten gelesen, sondern das ganze Buch.

ZEIT: Wir wollen mit Ihnen über Griechenland sprechen. Was würde dem Land wirklich helfen?

Rogoff:Griechenland braucht einen Schuldenschnitt. Etwas anderes ist angesichts des hohen Schuldenstands überhaupt nicht vorstellbar. Der große Fehler in dieser Krise war es, nicht frühzeitig die Schulden zu streichen.

Schäuble: Kenneth Rogoff kann als Ökonom frei über solche Dinge sprechen, und er ist ein Beobachter. Ich bin Politiker und muss darauf achten, dass meine Worte nicht missverstanden werden können. Ich möchte aber daran erinnern, dass es in Griechenland bereits einen Schuldenschnitt gegeben hat. Im Jahr 2012 haben wir dem Land mehr als die Hälfte seiner Verbindlichkeiten bei privaten Anlegern erlassen. Ich habe sehr lange für diesen Schuldenschnitt gekämpft – gegen den Rat der Europäischen Zentralbank, damals auch gegen den Rat des Internationalen Währungsfonds und gegen den Rat vieler Ökonomen. Sie haben die Situation falsch eingeschätzt, nicht wir.

ZEIT: Sind Sie bereit für einen zweiten Schnitt?

Schäuble: Wir haben doch bereits die Zinsen gesenkt und die Rückzahlungsfristen gestreckt. Ökonomisch gesehen, hat dies wie ein weiterer Schnitt gewirkt. Griechenland hat deshalb im vergangenen Jahr auf seine Staatsschulden einen niedrigeren Zinssatz als Deutschland gezahlt. Das Land hat im Moment dringlichere Probleme als seine Schulden. Griechenland ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Wir haben gesagt, wir helfen euch, aber ihr müsst finanziell wieder auf eigene Beine kommen. Das ist die Philosophie des Rettungsprogramms. Die neue Regierung sagt: Wir wollen den Euro behalten, aber wir wollen das Programm nicht mehr. Das passt nicht zusammen.