Wenn Taleb al-Farres dürfte, würde er in Darmstadt wohnen. In Darmstadt lebt sein Vater. In Darmstadt lebt seine Mutter. In Darmstadt leben seine Brüder. Taleb al-Farres könnte in der Dachgeschosswohnung seines Bruders unterkommen, zwei Zimmer, Küche, Bad. Es gibt in Darmstadt ein Bett für ihn.

Vielleicht würde Talebs großer Bruder, der seit zehn Jahren an der TU Darmstadt studiert, ihm deutsche Vokabeln beibringen. Vielleicht würde seine Mutter Kibbeh kochen, Klöße aus Couscous und Fleisch, Al-Farres’ Leibgericht. Vielleicht würde es sich anfühlen wie früher, in seinem Elternhaus in Aleppo. Taleb al-Farres könnte in Darmstadt abends seinen Kummer teilen: wegen seiner Frau, die noch in Syrien wohnt und die er jeden Tag vermisst. Vor zwei Monaten hat sie einen Sohn zur Welt gebracht. Lawrence haben sie ihn genannt, weil das ein Name ist, der auch auf Deutsch funktioniert: Lorenz.

Wenn Al-Farres von der Bundesrepublik Deutschland als Flüchtling anerkannt wird, will er seine Frau und sein Kind nachholen. Bis dahin sieht er seinen Sohn nur auf dem Handydisplay, auf den verwackelten Fotos, die seine Frau ihm per WhatsApp schickt. Vor ein paar Tagen ist in Aleppo allerdings die Internetverbindung zusammengebrochen. Seitdem weiß er nicht, wie es ihr und dem Jungen geht. Er weiß nur, dass in Aleppo Bomben fallen. Wenn Taleb al-Farres dürfte, könnte er abends in Darmstadt mit seiner Mutter und den Brüdern darüber sprechen.

Doch der junge Mann darf nicht. Die Arithmetik des deutschen Asylsystems hat ihn nicht dorthin geschickt, wo seine Eltern und Brüder wohnen, sondern nach Rheinland-Pfalz, in ein Asylbewerberheim in Speyer, wo er niemanden kennt. Al-Farres lebt in einem von acht gelben Containern, in einem Gewerbegebiet. 15 Quadratmeter ist der Container groß, Al-Farres teilt ihn sich mit drei anderen Syrern. Im Zimmer stehen: zwei Stockbetten, vier Stahlspinde, ein Tisch, zwei Stühle, Rucksäcke, Koffer, Schuhe, Einkaufstüten, Pappkisten. In den Kisten verstauen die Männer ihre Vorräte: Blumenkohl, Lauch, einen Sack Zwiebeln. In Speyer lebt Taleb al-Farres in einer staatlich finanzierten Notunterkunft. In Darmstadt hätte er Platz. Und er käme dort kostenfrei unter.

Al-Farres ist 30 Jahre alt, er sieht jünger aus, wie ein Student. Seine Wangen sind glatt rasiert und das Haar ist akkurat geschnitten. Er trägt Turnschuhe und knielange Jeans. Dass er in Speyer gelandet ist, liegt an der Formel, nach der Flüchtlinge in Deutschland verteilt werden: dem Königsteiner Schlüssel. Der Schlüssel ist älter als die Bundesrepublik, er wurde im März 1949 erfunden. Er war damals nicht für die Verteilung von Menschen gedacht, sondern für die Verteilung von Geld, genauer: von Forschungsfördermitteln.

Damals trafen sich in Königstein im Taunus die Regierungschefs der westdeutschen Länder. Sie berieten, wie sich die Kosten der deutschen Forschungszentren so verteilen ließen, dass jedes Land seinen gerechten Beitrag zahlt. Man einigte sich auf eine einfache Formel: Man gewichtete die Bevölkerungszahl eines jeden Landes zu einem Drittel und die Steuereinnahmen zu zwei Dritteln. Arme Länder mit kleiner Bevölkerungszahl gaben wenig. Reiche Länder mit großer Bevölkerungszahl gaben viel.

Der Königsteiner Schlüssel bewährte sich. Man nutzte ihn bald auch für die Finanzierung von Fernstraßen, von Bahngleisen und für Computerprogramme. Darunter auch ein Programm, mit dem deutsche Behörden die Entsorgung von Sondermüll kontrollieren. Heute werden mithilfe des Königsteiner Schlüssels nicht nur die Ausgaben für Fernverkehr und Sondermüll verteilt, sondern auch für Flüchtlinge. Für Menschen wie Taleb al-Farres.

In diesem Jahr werden in Deutschland nach Schätzungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge knapp 500.000 Flüchtlinge erwartet, eine halbe Million Menschen. Die meisten muss laut dem Königsteiner Schlüssel das Land Nordrhein-Westfalen aufnehmen: 21,24052 Prozent. Die wenigsten werden nach Bremen geschickt: 0,94097 Prozent. Deutschland nimmt es sehr genau mit den Quoten; bis auf die fünfte Nachkommastelle werden sie vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge angegeben. Doch die Akkuratesse trügt. Der Königsteiner Schlüssel ist keine ausgefeilte Formel. Er ist ein grobes Instrument. Er verursacht absurde Kosten. Und er verhindert, dass Familien, die während der Flucht zerrissen wurden, in Deutschland wieder zusammenfinden.

So penibel Flüchtlinge in Deutschland verteilt werden, so chaotisch verläuft oft ihre Flucht. Die Arbeiterwohlfahrt Berlin hat kürzlich den Fall einer syrischen Mutter dokumentiert, die mit ihren vier minderjährigen Kindern auf dem Landweg nach Deutschland floh. Ein Kind schaffte es mit der Mutter bis nach Berlin. Zwei Kinder wurden in Griechenland aufgegriffen und kamen erst Monate später nach, ein Sohn tauchte aus Angst vor den Behörden unter – und irgendwann in München wieder auf.

Häufig fliehen Familien nicht gleichzeitig, sondern peu à peu. Meist, weil die Schleuser hohe Summen verlangen und das Geld nicht für alle reicht. So wie bei Familie Al-Farres: Der jüngste Sohn floh vor dreieinhalb Jahren, als der Krieg gerade begann. Die Eltern kamen vor gut einem Jahr, Taleb al-Farres im Dezember 2014. Solange sein Asylverfahren läuft, darf er nicht bei seiner Familie leben. Er lebt nun dort, wo er durch den Königsteiner Schlüssel gelandet ist: in einem gelben Container in Rheinland-Pfalz. Um seine Familie zu besuchen, braucht Al-Farres eine Erlaubnis von der Ausländerbehörde und ein Regionalbahnticket nach Darmstadt. Mehr als 40 Euro kostet die Fahrt von Speyer nach Darmstadt und zurück. Für jemanden, der von 330 Euro im Monat lebt, ist das sehr viel Geld. Seit einem halben Jahr wartet Al-Farres auf seinen Asylbescheid. Manche Verfahren dauern Jahre.

Wie viele Familien es sind, die nicht zueinanderdürfen, wird nirgends erhoben. Sicher ist nur: Taleb al-Farres ist keine Ausnahme. Die ZEIT hat bei mehr als einem Dutzend Asylberatern in ganz Deutschland nachgefragt, in Berlin und Baden-Württemberg, in Hamburg und Rheinland-Pfalz, in Niedersachsen, Bremen und Nordrhein-Westfalen. Bei der Diakonie und der Arbeiterwohlfahrt, bei Flüchtlingsräten und freien Beratungsstellen. Überall berichten die Berater von Menschen, die Angehörige in Deutschland haben, bei denen sie aber nicht wohnen dürfen.

Sie erzählen von einem jungen Paar aus der Ukraine – die Ehefrau im achten Monat schwanger –, das nach Bayern musste, obwohl die Schwester des Mannes in Kiel eine Wohnung hat und die beiden dort aufnehmen würde. Von einem 18-jährigen Syrer, der im Krieg seinen rechten Arm verlor und nach Ingelheim in Rheinland-Pfalz geschickt wurde, obwohl sein Bruder in Nordrhein-Westfalen wohnt und ihm beim Waschen und Anziehen helfen könnte. Von einer traumatisierten Irakerin, die nach Neumünster in Schleswig-Holstein musste – obwohl ihr Bruder sich um sie kümmern würde. Der Bruder hat einen deutschen Pass und lebt seit Jahren in Köln. "Solche Fälle haben wir häufig", sagt Christian Heller, Asylverfahrensberater der Diakonie im fränkischen Zirndorf. Dann nennt Heller eine Zahl, die zumindest erahnen lässt, wie viele Menschen betroffen sind: Allein aus Zirndorf, einem einzigen von Hunderten von Heim-Standorten in Deutschland, wollten im vergangenen Jahr 211 Flüchtlinge zu ihren Verwandten in ein anderes Bundesland ziehen.

"Der Königsteiner Schlüssel ist ein maschinelles Verfahren, das nicht berücksichtigt, dass es Menschen sind, die da verteilt werden", sagt Christian Heller.

"Es ist ein absurdes, lebensfremdes System", sagt sein Kollege Andreas Michels von der Flüchtlingsbetreuung der Awo in Berlin.

Die Beraterin Fiene Wolf von der Diakonie in Ingelheim nennt den Königsteiner Schlüssel einen "willkürlichen Verschiebebahnhof".

Im Bundesinnenministerium vertraut man dem Schlüssel. Man sieht dort keinen Anlass, an ihm zu rütteln, auch nach mehr als 60 Jahren nicht. "Der Schlüssel hat sich seit Jahrzehnten bewährt", sagt der Ministeriumssprecher Harald Neymanns. "Es gibt keinen Grund, den zu überdenken. Das wäre ein Riesenfass, das man da aufmachen würde."

Fragt man Harald Neymanns, warum Taleb al-Farres nicht zu seinen Eltern darf, sagt er, es handele sich um einen Einzelfall. Und er verweist auf ein Schlupfloch, das die deutsche Asylgesetzgebung in solchen Fällen bietet: den "Antrag auf länderübergreifende Umverteilung". Was Neymanns nicht sagt: Das Schlupfloch gilt nur für Härtefälle, für minderjährige Kinder und ihre Eltern, für Ehepartner, für besonders kranke und pflegebedürftige Menschen. Es gilt nicht für Tanten, die zu ihren Nichten wollen, für Brüder, die ihre Schwestern vermissen, für Eltern, die ihre erwachsenen Kinder unterstützen möchten – oder andersherum.

"Umverteilungsanträge helfen nur bei den wirklich heftigen Fällen, wenn die Menschen suizidal sind zum Beispiel", sagt Christian Heller, der Asylberater aus Zirndorf. Für Männer wie Taleb al-Farres – volljährig, stark, gesund – ist das Schlupfloch nicht gedacht. Deshalb sitzt er jetzt in Speyer in einer Küche voller fremder Männer, dreht Zigaretten aus trockenem Tabak und trinkt Instantkaffee aus einer Tasse mit Teddybärmotiv. Jemand hat mit Edding "Freedom" an Al-Farres’ Zimmertür geschrieben. An der Tür gegenüber klebt die syrische Flagge, mit Wasserfarbe auf dünnes Papier gemalt. Über der Waschmaschine hängt eine Kuckucksuhr. Wenn Taleb al-Farres Deutsch lernen will, geht er raus in den Garten. "In der Küche ist es zu laut", sagt er. 80 Kilometer weiter im Norden sitzen Al-Farres’ Eltern und warten auf ihren Sohn.

Das ist das humanitäre Defizit des Schlüssels. Dazu kommt das Problem mit dem Geld.

Niemand rechnet aus, was es kostet, die Alleingelassenen zu versorgen. Die, die auf die Hilfe ihrer Verwandten dringend angewiesen wären. Wer behindert ist, traumatisiert oder schwanger, braucht besondere Unterstützung: Betreuer, Therapeuten und Pfleger. Sie alle kosten den Staat Geld. Ein Teil davon ließe sich einsparen, wenn man Asylbewerber, die in Deutschland Familie haben, bei ihren Verwandten wohnen ließe.

Niemand rechnet aus, was es kostet, Sozialleistungen für Flüchtlinge zu zahlen, die in Gegenden landen, in denen sie keine Arbeit finden. Niemand rechnet aus, was es kostet, sie in Städte zu schicken, in denen die Mieten hoch sind und Wohnraum rar.

Wenn Flüchtlinge nach dem Königsteiner Schlüssel einem Bundesland zugeteilt wurden, kommt der nächste Schlüssel ins Spiel: Dann werden sie einer Kommune zugewiesen. In Nordrhein-Westfalen etwa berechnen sich die Aufnahmequoten nach Einwohnerzahl und Fläche. Die Bevölkerungszahl wird dabei mit 90 Prozent gewichtet, die Fläche nur mit zehn Prozent. Für Großstädte ist das ein Problem. Fast fünf Prozent aller Flüchtlinge, die in Deutschland Asyl begehren, landeten etwa in seiner Stadt, sagt Stefan Ferber, der das Kölner Wohnungsamt leitet. Wenn die Schätzungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge stimmen, wären das in diesem Jahr fast 25.000 Menschen. "Es gibt in Köln kaum noch Platz", sagt Ferber, der auch für die Unterbringung verantwortlich ist. Günstige Immobilien sind in Köln schwer zu finden, Freiflächen für Container auch. "Was hier noch frei ist, ist Landschaftsschutzgebiet", sagt Ferber. Weil er nicht weiß, wo er die Flüchtlinge sonst unterbringen soll, schickt Ferber sie mittlerweile ins Hotel. Mehr als 2.000 Flüchtlinge habe die Stadt seit 2012 an Hotels und Pensionen vermittelt, sagt er. Für viel Geld.

Ferber hätte Möglichkeiten, die hohen Ausgaben zu vermeiden. Doch der Verteilungsschlüssel steht dem im Weg: Im vergangenen Jahr bekam Ferber ihn zu spüren. Da erhielt er ein Angebot vom Erzbistum Köln, ein leer stehendes Altenheim, günstig zu mieten und gut geeignet für die Unterbringung von Asylbewerbern. Ferber musste es ausschlagen. Denn das Heim liegt zwar im Erzbistum Köln, aber nicht mehr auf Kölner Stadtgebiet. Ferber schickte die Flüchtlinge stattdessen in Notunterkünfte, in Zelte, Turnhallen und alte Industriehallen. Und wenn selbst da nichts mehr ging, schickte er sie ins Hotel. Das Altenheim vor den Toren Kölns steht bis heute leer.

Es ist nicht so, dass andere Verteilverfahren in Deutschland juristisch nicht möglich wären. Den Königsteiner Schlüssel etwa zwingt das Asylverfahrensgesetz den Bundesländern nicht auf. Nur solange sie kein besseres Verfahren finden, sind sie verpflichtet, ihn anzuwenden.

Dabei gäbe es sehr wohl Ideen, um den Verteilungsschlüssel zu verfeinern. Warum erweitert man den Kreis der humanitären Härtefälle nicht auch auf Brüder, Schwestern und erwachsene Kinder? Auf Großeltern, Onkel und Tanten? Warum zieht man bei der Berechnung der Schlüssel nicht die Mietspiegel hinzu? Oder die Arbeitslosenquote eines Landes? Bei der Bundesagentur für Arbeit hielte man das für eine gute Idee: "Es wäre besser, bei der Verteilung auch die Arbeitsmarktlage in einer Region zu berücksichtigen", sagt Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur. "Es macht ja keinen Sinn, Asylbewerber zwangsweise in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit zu schicken, während sie andernorts gebraucht werden." Jobs als eine Variable bei der Verteilung, das käme den Asylbewerbern entgegen, meint Becker: "Viele haben mir in persönlichen Gesprächen gesagt, dass sie darüber erstaunt seien, dass sie hier über längere Zeiträume fürs Nichtstun Geld bekämen. Sie wollen unbedingt für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen."

Für ein Quotensystem, das sensibler und effizienter wäre, müsste man lange Gleichungen aufstellen. Man müsste ökonomische und soziale Faktoren abwägen, man müsste Ausnahmeregelungen beschließen, womöglich müsste man an einigen Stellen einen erhöhten Verwaltungsaufwand stemmen. Zuallererst aber müsste man etwas tun, was für das Innenministerium zurzeit undenkbar scheint: Man müsste das Fass aufmachen.

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