Lieber Herr Guardiola,

ich mache mir Sorgen um Sie. Vielleicht kennen Sie Stefan Zweigs Schachnovelle, und wenn nicht, nehmen Sie sich doch einen Abend Zeit, die Lektüre wird Sie faszinieren, Zweig muss Ihre Existenz vorausgeahnt haben. Es geht in der Schachnovelle um einen Gefangenen, der in seiner Zelle aus Brotresten Schachfiguren knetet, bis er ein komplettes Schachspiel beisammen hat. Dann beginnt er, gegen sich selbst zu spielen. Bald verzichtet er auf Figuren und Brett und spielt "blind". Sein Bewusstsein spaltet sich in ein "Ich schwarz" und ein "Ich weiß". Der Mann beschreibt seinen Zustand so: "Ich konnte nur Schach denken, nur in Schachbewegungen, Schachproblemen; manchmal wachte ich mit feuchter Stirn auf und erkannte, daß ich sogar im Schlaf unbewußt weitergespielt haben mußte ..."

Wenn Sie am Rand des Spielfeldes stehen und Ihre Mannschaft mit bloßen Händen zum gegnerischen Strafraum schaufeln, ein Mann, der den dauernden Sturm sät, ahnt man: Hier kämpft jemand einen Kampf, von dem wir keine Ahnung haben. Er spielt, da er den Gegner restlos durchschaut, gegen sich selbst.

Sie haben einmal gesagt, aus Niederlagen lerne man mehr als aus Siegen, das Siegen mache dumm; gleichwohl wünschen Sie sich nichts so sehr wie den großen Sieg. Das alles lässt die philosophische Klemme ahnen, in der Sie stecken. In einer Branche, welcher der Emotional Leader Olli Kahn das Motto liefert ("Es muss ja immer weida gehen!"), in dieser besinnungslos aufs nächste und schwerste Spiel konzentrierten Wundermeute des Geldfußballs sehnen Sie sich nach der zweckfreien Vollendung, nach dem nicht mehr zu übertreffenden schönen Spiel.

Stefan Zweigs Protagonist fand für seinen Zustand einen Begriff, er nannte ihn "Schachvergiftung". Herr Guardiola, Sie sind mir nicht böse, gell: Könnte es sein, dass Sie an Fußballvergiftung leiden?

Vielleicht haben Sie allerdings schon begonnen, das Gift zu besiegen. In den letzten Wochen der Saison wirkten Sie, als begännen Sie, das Glück der Fehlbarkeit zu genießen. Als könnten Sie es kaum erwarten, beispielsweise die Fußballstadt Darmstadt kennenzulernen und sich, erquickt von einer ergiebigen Weißbierdusche, in den Steppen unseres ballverliebten Landes zu verlieren.

"Beauty is like success: we can’t love it for long." So heißt es in Graham Greenes Roman The Heart of the Matter: Nicht der Erfolg ist es, den wir lieben, sondern das Scheitern. Der Erfolg erinnert zu sehr an die Schönheit: Man erträgt sie nicht lang.

Insofern, Herr Guardiola: Willkommen in Deutschland. Vielleicht sind Sie gerade erst angekommen.

Herzliche Grüße,

Ihr Peter Kümmel