Am Tresen des Restaurants Redipuglia herrscht wildes Durcheinander, ein Gewimmel und Gewusel. Mehrere Schulklassen gleichzeitig decken sich mit Schokoladeriegeln ein, mit Cola, mit Eis und mit Postkarten, sie kaufen Soldatenfiguren, Maschinengewehre in Miniatur, sie erwerben Flaggen, Mützen und Halstücher. Sie tauschen sich beiläufig über militärische Dinge aus. Drei Lehrerinnen stehen am Eingang, erschöpft und müde sehen sie aus, und drängen die Schüler zum Aufbruch: "Avanti! Avanti!"

Nach und nach und drängen die jungen Leute hinaus ins Freie, wo sich vor ihren Augen ein wahres Totengebirge auftürmt: die Gedenkstätte Sacrario militare di Redipuglia. Von einem riesigen Vorplatz aus führen 22 Treppenstufen, jede mehrere Meter hoch, zu drei Kreuzen an der Spitze. Das Monument birgt die Gebeine von über 100.000 italienischen Soldaten, die an der Südwestfront des Ersten Weltkriegs gefallen sind, wo vor hundert Jahren die mörderischen Kämpfe zwischen den Truppen des Königreichs Italien und Österreich-Ungarns begannen.

Es sind 100.000 von insgesamt über einer Million Toten, die zwischen dem 24. Mai 1915 und dem 4. November 1918 ums Leben kamen. Die allermeisten starben an dem nur 55 Kilometer langen Frontabschnitt entlang des Flusses Isonzo, der sich vom Karst an der adriatischen Küste über Görz und Tolmein bis zum Krn-Massiv in den Julischen Alpen erstreckte. An manchen Tagen kamen hier binnen Stunden Tausende ums Leben.

Das große Schlachten am Karst prägte die Identität der Veteranen

Die Gedenkstätte Redipuglia wurde im September 1938 von Benito Mussolini, dem Duce des faschistischen Italiens, eröffnet. Er selbst hatte am Isonzo gekämpft, nicht weit von Redipuglia entfernt am Monte San Michele. Die Tatsache, dass er hier lebensgefährlich verletzt worden war, schenkte ihm in den Augen seiner Anhänger Glaubwürdigkeit. Viele ehemalige Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges, vor allem die Mitglieder der Sturmtruppen der Arditi, bildeten den Kern der faschistischen Kolonnen, die 1922 in Italien die Macht übernahmen. Für die Veteranen des großen Schlachtens war die Isonzofront eine wesentlicher Bestandteil ihrer Identität.

Mussolini ließ in Redipuglia einen Bahnhof errichten, damit die Italiener in Massen zu der Gedenkstätte pilgern konnten. Es gibt Filmaufnahmen, die den Duce in Redipuglia zeigen. Der Diktator bewegt sich nicht wie einer, der den Gefallenen seinen Respekt erweisen will, sondern wie der Kommandant einer riesigen Totenarmee, die auf seinen Befehl aus den Gräbern aufersteht und auf jedes Schlachtfeld zieht, das er ihr zuweist. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Redipuglia ein Fundament der italienischen Nation – ein sichtbarer Beweis für deren Opferbereitschaft.

Mussolini war lange Zeit Kriegsgegner gewesen, ganz auf Linie seiner sozialistischen Partei, für die der Berufsrevolutionär agitierte. Doch im Oktober 1914 vollzog er eine spektakuläre Wende zum Kriegsbefürworter. "Der Krieg ist die wahre Revolution!", verkündete er nun als Chefredakteur des Avanti, der Zeitung der mächtigen Partito Socialista Italiano, die einen Krieg ablehnte. Man schloss ihn deshalb aus der Partei aus.

Bei Kriegsausbruch im August 1914 verhielt sich Italien, formal im sogenannten Dreibund mit Deutschland und der Donaumonarchie alliiert, noch neutral. Doch die Interventionisten gewannen schnell an Einfluss. Zwar wehrte sich auch die Mehrzahl der Abgeordneten im römischen Parlament gegen einen Kriegseintritt ihres Landes, doch der italienische Ministerpräsident Antonio Salandra witterte eine historische Chance. Er prägte den Begriff vom "heiligen Egoismus" und rang den Entente-Mächten bei Geheimverhandlungen für den Fall eines Sieges großzügige territoriale Zugeständnisse ab: das Trentino bis zur Brennergrenze, Triest sowie Istrien und den dalmatinischen Küstenstreifen, beides mehrheitlich von slawischer Bevölkerung bewohnt.

Die Interventionisten waren vor allem von dem Wunsch beseelt, die letzten noch unter der Herrschaft der Habsburger verbliebenen Regionen ihrer Heimat, die sogenannten unerlösten Gebiete, die terre irredente, vom österreichisch-ungarischen Joch zu befreien. Eines der entscheidenden Motive für die Interventionisten war allerdings auch ein immaterielles, spirituelles. Die noch junge Nation sollte im Krieg endgültig zusammengeschweißt werden. Italien war damals noch nicht einmal fünfzig Jahre alt und tief gespalten zwischen Nord und Süd, zwischen Katholiken und Laizisten. Das Land war aus einem Zyklus an Befreiungskriegen gegen die Habsburgermonarchie hervorgegangen. Krieg für Krieg hatten die Italiener im 19. Jahrhundert dem Wiener Kaiser Territorien entrissen, die Lombardei zuerst, dann Venetien, und nun sollte der Rest hinzukommen.