Wir Politiker haben Angst": Das bekannte Bodo Ramelow, Thüringens Ministerpräsident, kürzlich in der ZEIT. Er sprach aus, was viele Politiker beschäftigt, worüber die meisten aber kaum reden: Die Anfeindungen gegen sie haben jedes Maß verloren, bei nicht wenigen gehen sogar Morddrohungen ein – von Wutbürgern und Neonazis, von Windkraft-Feinden und Asyl-Gegnern. Auf diesen Seiten äußern sich nunerstmals 27 Politiker öffentlich. Sie beschreiben ein erschreckendes Panorama. Und nicht weniger als einen Angriff auf die Demokratie in Deutschland.

Der Politikerberuf ist nichts für Seelchen. Beleidigungen und Beschimpfungen gehören dazu. Das kann man bedauern, es ist aber kein Grund zu jammern. Die auf diesen zwei Seiten Versammelten sind jedenfalls nicht dafür bekannt, weinerlich zu sein. Sie kennen ihre Berufsrisiken.

Hassattacken oder terroristische Bedrohungen der Familien sind aber etwas anderes. Mit ihnen ist ein Niveau erreicht, das um die Demokratie fürchten lässt. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens, weil die Frage aufgeworfen ist, was da an Wut gegen das politische System in Deutschland umgeht – wer weiß, vielleicht waren Pegida oder AfD erst der Anfang einer unheilvollen Entwicklung. Zweitens, weil man sich fragen muss, wer unter diesen Umständen in Zukunft noch bereit sein wird, sich für die Politik als Beruf zu entscheiden. Die Härtesten? Die Abgebrühtesten? Diejenigen mit dem größten Ego?

Die von uns befragten Politiker suchen nach den Ursachen dafür, dass hasserfüllte Angriffe dermaßen zugenommen haben. Wir haben es augenscheinlich mit einer massenhaften Enthemmung zu tun. Solche Vorgänge verstärken sich selbst: Kommen Tausende zu einer Pegida-Kundgebung, dann ermutigt das andere, ebenfalls die Sau rauszulassen. Im Schutz der Masse werden Feige mutig; dieses Gesetz gilt nicht zuletzt im Internet.

Und schließlich: Es ist ein gewohnter und ziemlich simpler Reflex, stets die Medien für schlechte Stimmung verantwortlich zu machen. Dennoch, auch wir Journalisten müssen wohl noch einmal darüber nachdenken, welches Bild vom typischen Politiker wir der Öffentlichkeit vermitteln.

Martin Dulig: "Neonazis haben dazu aufgerufen, vor meinem Wohnhaus zu demonstrieren. Sie haben auch meinen Sohn attackiert, was das Schlimmste ist für einen Vater: Ich selbst kann mich wehren, aber wenn es gegen die eigenen Kinder geht, wird man hilflos. Und die Hass-Angriffe werden schlimmer, gerade im Internet: je anonymer, desto mehr Hass. So wie Kampfdrohnen beim Töten enthemmen, enthemmt das Internet die Kommunikation."
Dulig, 41, ist Sachsens Wirtschaftsminister (SPD)

Karen Larisch:  "Ich stehe seit 2008 immer mal wieder unter Polizeischutz, weil ich mich in Güstrow als Stadtverordnete gegen Nazis engagiere. Mal fahren die Beamten bei uns nur verstärkt Streife vor dem Wohnhaus, mal werde ich dauerhaft begleitet. Ein normales Leben ist so nicht mehr möglich. Wenn ich am Abend in die Stadt will, muss ich von Freunden abgeholt und später wieder nach Hause gebracht werden. Auch meine Familie und meine Mitarbeitenden wurden eingeschüchtert. Die Bedrohung dominiert unseren Alltag. Sie nagt an mir, sie nagt an uns. Attacken, Hassmails und Morddrohungen haben wir immer wieder angezeigt, einmal mussten Täter auch für einige Zeit in Haft."
Larisch, 45, ist linke Stadtverordnete in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern)

Cem Özdemir: "Die meisten Hass-Kommentare kommen über Facebook. Dies hat seit Pegida deutlich zugenommen, aber auch türkische Nationalisten toben sich aus. Strafrechtlich relevante Beleidigungen und Bedrohungen zeigen wir konsequent an. Das wird dann nicht selten richtig teuer, die Trolls sollen sich also nicht allzu sicher fühlen. Viel mehr sorgt mich allerdings, dass auch engagierte Menschen in der Zivilgesellschaft oder Kommunalpolitik diesem dumpfen Hass ausgesetzt sind."
Özdemir, 49, ist Bundesvorsitzender der Grünen

Reiner Haseloff: "Wer sich im öffentlichen Raum bewegt, wird offenbar zum Freiwild. Als ich mich nach dem Brand in Tröglitz für die Flüchtlingsunterkunft ausgesprochen habe, waren manche Reaktionen so brutal, dass ich die Staatsanwaltschaft informiert habe. Ich persönlich lasse mich davon nicht abschrecken. Aber wir müssen aufpassen, dass nicht noch mehr ehrenamtliche Politiker aufgeben wie damals der Bürgermeister von Tröglitz. Irgendwann ist dann nämlich keiner mehr da."
Haseloff, 61, ist Regierungschef Sachsen-Anhalts und CDU-Mitglied

Bernhard Vogel: "Die gegenwärtige Bedrohung von Politikern erinnert mich an die siebziger Jahre, die Zeit der RAF-Morde. Persönliche Drohungen – auch gegen mich – waren damals an der Tagesordnung. Ich erinnere mich, dass ich eines Abends in meiner Staatskanzlei saß und mir die Frage stellte, wer wohl der Nächste ist, der nicht nur bedroht, sondern tatsächlich ermordet werden würde. Ich weiß, wie quälend solche Gedanken sein können, aber ich kann heute aktiven Politikern nur eines raten: Nehmen Sie Drohungen ernst, bringen Sie sie zur Anzeige, aber lassen Sie sich niemals von Ihrer Arbeit abbringen!"
Vogel, 82, war CDU-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz (1976 bis 1988) und Thüringen (1992 bis 2003)

Karin Prien: "Vor einigen Tagen bemängelte ich, dass nur ganz wenige Hamburger Privathaushalte bislang Flüchtlinge aufgenommen haben – was wohl auch daran liegt, dass der Senat zu wenig Beratung und Unterstützung leistet. Das reichte, um einen rechtsextremen Shitstorm auszulösen. Ein rechtes Blog veröffentlichte einen hetzerischen Artikel über mich, inklusive meiner Mailadresse. Ich wurde quasi zum Abschuss freigegeben. Kurz danach gingen Hunderte zum Teil widerliche Mails bei mir ein, mit islamfeindlichen und rassistischen Texten, auch mit üblen sexuellen Anspielungen. Ein Absender setzte mich auf seine 'Todesliste'. Das alles ertrug ich noch im Stillen. Dann aber riefen Unbekannte in meinem Abgeordnetenbüro und in meiner Rechtsanwaltssozietät an. Sie bedrohten meine Mitarbeiter. Da beschloss ich, das Ganze publik zu machen. Seitdem geht es mir besser."
Prien, 49, ist Abgeordnete der CDU in der Hamburgischen Bürgerschaft

Michael Borner: "Seit Anfang des Jahres kommen diese Mails: 'Du stehst mit Foto und Adresse auf unserer Liste – du bekommst Besuch.' Oder: 'Du bekommst die Schnauze poliert! Wir kriegen dich, du linke Ratte!' Die verbale Gewalt hat in meiner Empfindung deutlich zugenommen – besonders online."
Borner, 48, ist Grünen-Stadtrat in Karlsruhe

Klaus-Peter Hanke: "Zuerst kam der anonyme Anruf, ich habe die Stimme noch im Ohr. Ich wurde beleidigt, die Worte will ich hier nicht wiedergeben. Und dann hat dieser Anrufer mich aufgefordert: Ich solle mich aus der Asyldebatte heraushalten. Als ich am gleichen Tag nach Hause kam, hatte jemand das Tor meines Grundstücks mit einem Panzerschloss verriegelt. Das sollte wohl symbolisch sein: Wir schließen dich aus. Wir greifen auch dein Privatleben an. Der Polizei habe ich aber meine Karte gegeben: Falls sie den Täter ermittelt, soll er sich bei mir melden. Ich gebe niemanden auf. Auch mit ihm würde ich noch einmal reden."
Hanke, 61, ist Oberbürgermeister von Pirna