Tatsächlich wirkt sich das kulturelle Kapital einer Familie – und hier vor allem die Bildung der Mutter – weit stärker auf die intellektuellen Fähigkeiten eines Kindes aus als die reinen Einkommensverhältnisse. Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang vom Home-Learning-Environment (HLE), dem "Heim-Lern-Umfeld". Sie zählen dabei nicht nur die Anzahl der Bücher in der Familie, die pädagogisch wertvollen Spielsachen oder die Besuche im Museum. Sie messen auch, auf welche Weise die Eltern mit ihren Kindern spielen und wie sie ihnen vorlesen oder zu ihnen sprechen.

Hier offenbaren sich unterschiedliche kulturelle Welten: In Familien mit niedrigem HLE-Faktor sprechen die Eltern wenig und häufig in knappen, befehlsartigen Sätzen – eher Kommandos, die keine Antwort erwarten. Ihr Vorlesen ist oft eine kommunikative Einbahnstraße. Die höher gebildeten Eltern dagegen reden pausenlos mit ihren Kindern, auf dem Spielplatz, beim Spazierenfahren mit der Kinderkarre, im Supermarkt, zu Hause beim Tischdecken. Sie bilden grammatikalisch anspruchsvollere Sätze und unterstreichen ihre Worte stärker mit Gesten, sie stellen kniffligere Fragen und regen die Kinder an, in die Zukunft oder Vergangenheit zu schauen. Sie diskutieren früh über Ge- und Verbote und nehmen Bücher zum Anlass, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen.

Es macht nicht nur erzieherisch einen Unterschied, ob eine Mutter brüllt: "Räum’s Zimmer auf, sonst setzt’s was!", oder aufmunternd rät: "Wenn ich du wäre, würde ich jetzt schnell mein Zimmer aufräumen, dann können wir hinterher zusammen spielen." Auch für den Spracherwerb und für das Einüben komplexer Vorstellungen haben solche Sätze Folgen, wie Forscher der Universität Berkeley zeigten. Sie lasen Kindern nur den ersten Teil einer Geschichte vor und forderten sie auf, die Geschichte weiterzuspinnen. In wohlhabenden Vierteln konnte jedes zweite Kind vorhersagen, was als Nächstes geschehen würde, in sozial schwachen Stadtteilen vermochte dies nur jedes zehnte.

Würde man den HLE-Faktor der Gustav-Falke-Kinder diesseits und jenseits der Bernauer Straße messen, käme man ebenfalls auf gewaltige Differenzen. Das legen nicht nur die Antworten der Schüler im Morgenkreis nahe, sondern man erkennt es ebenso an deren Verhalten bei Ausflügen. Während die einen Kinder sich im Theater oder in der Bibliothek wie in vertrauter Umgebung geben, schleichen die anderen verschüchtert durch die Räume oder lärmen unangemessen. Geht der Ausflug weiter als ein paar Stationen mit der Straßenbahn, kann es vorkommen, dass ein Weddinger Kind fragt, wie die Stadt heiße, die man gerade besuche.

Die US-amerikanischen Forscher Betty Hart und Todd Risley haben in einem faszinierenden Projekt versucht, den sprachlichen Heimvorteil bildungsbürgerlicher Kinder konkret zu beziffern. Sie beobachteten Familien aus verschiedenen Milieus und zählten über Monate die Anzahl der Wörter, die sich über den Nachwuchs ergießt. Am Ende nannten sie ihre Studie The Early Catastrophe, "die frühe Katastrophe". 30 Millionen Wörter – so viele Wörter mehr hören wohlhabende und umsorgte Kinder bereits in den ersten drei Jahren. Keine Schule dieser Welt kann eine derartige Kluft später auch nur annähernd schließen – mögen sich die Lehrer noch so abmühen.

An der Gustav-Falke-Schule lernen alle Klassen im Ganztagsbetrieb. Neben Sozialarbeitern und Sonderpädagogen unterstützt ein Dutzend freiwilliger Lesepaten die Lehrer dabei, bildungsschwache Kinder zu fördern. In manchen Stunden kümmern sich drei Erwachsene um eine Klasse. Auf Tareks Stundenplan wimmelt es nur so von Abkürzungen wie SAS, LRS, DYS, DAZ. Jedes Kürzel steht für eine andere Förderstunde. Schon jetzt verbringt der Junge nur die Hälfte des Unterrichts in seiner normalen Klassengemeinschaft. Und nachmittags bekommt er Nachhilfe. "Mehr Förderung geht nicht", sagt Stephanie Aschenbrandt. Dennoch wird Tarek schon die erste Klasse wiederholen müssen.

Auch in der Breite vermag die Schule die Unterschiede nicht auszugleichen. Zwar machen alle Gustav-Falke-Schüler große Fortschritte, und einige Erstklässler aus dem Wedding blühen regelrecht auf. Stephanie Aschenbrandt kann von Schülern berichten, die zu Schulbeginn nicht den Anfangsbuchstaben ihres Namens schreiben konnten und später zu den Klassenbesten gehörten. Doch solche Erfolgsmomente erlebt sie nicht häufig.

Im Schnitt bleibt der Leistungsabstand zwischen den Kindern über die Jahre erhalten. "Das ist auch nicht anders zu erwarten", sagt Jörg Ramseger, Grundschulpädagoge an der Freien Universität Berlin, der die Schule mit einem Team evaluiert. Ramseger sieht es bereits als Erfolg der Schule an, dass die Schere zwischen den Kindern diesseits und jenseits der ehemaligen Grenze nicht weiter auseinandergeht: "eine beachtliche Leistung".

Als Schicksalskorrekturanstalt ist die Schule also allenfalls bedingt geeignet. Ihr formelles Curriculum kommt gegen das informelle Lernpensum der ersten Jahre in der Familie nicht an. Vorschulische Lernprogramme könnten da schon mehr Erfolg haben. Aber bislang kann die Vorschulerziehung den sozialen Graben nicht überwinden. Denn gerade Kinder aus Akademikerfamilien besuchen häufiger und länger eine Kita als solche aus bildungsarmen Familien. Zudem ist die Betreuung, Erziehung und Bildungsvermittlung in Einrichtungen mit einem höheren Migrantenanteil meist schlechter als anderswo. Das hat eine große nationale Kita-Evaluation, die Nubbek-Studie, ergeben. Dabei benötigten gerade benachteiligte Kinder mehr Anregung in den Kitas – die genau für diese Aufgabe die besten Erzieherinnen und weit mehr Geld vom Staat bekommen müssten. Eine schlecht ausgestattete Kita in einem bürgerlichen Quartier schadet keinem Kind, in einem Brennpunktviertel ist sie eine Katastrophe.

Die wichtigsten Weichen freilich werden in der Familie gestellt. Damit Kinder schlau werden, braucht es keine Intelligenztrainings oder Kurse in Frühenglisch und Baby-Yoga. Entscheidend ist, was die Eltern im Alltag tun, intuitiv, ohne Programm – und was sie unterlassen.

Matthias Brockstedt fragt die Eltern bei der Einschulungsuntersuchung häufig nach dem TV-Konsum ihrer Kinder – und notiert die Zeit später auf deren Zeichnungen. Die privilegierte Prinzessin durfte nur ab und zu am Wochenende eine Sendung schauen. Der arme Kopffüßler dagegen saß mehr als drei Stunden vor dem Bildschirm – tagtäglich.

* Die Namen aller Kinder wurden geändert

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