Nach zweimonatigen Verhandlungen – dem Maximum, das nach israelischem Recht zugelassen ist – hat der alte und neue israelische Ministerpräsident vorletzte Woche seine neue Regierung in der Knesset vorgestellt. Ein sichtlich erschöpfter und resigniert wirkender Benjamin Netanjahu trat ans Rednerpult. "Wir werden für Frieden eintreten", sagte er zur Einleitung. Sofort brach lautes Gelächter los. "Von was für einer Art Frieden reden Sie?", rief ein Mitglied der Opposition.

Tatsächlich dürfte es für Netanjahu schwer werden, irgendjemanden – die Israelis, die Palästinenser, vor allem aber die internationale Staatengemeinschaft – davon zu überzeugen, dass er auf ein Friedensabkommen hinarbeitet. Schließlich hat er schon vor den Wahlen Abstand von einer Zwei-Staaten-Lösung genommen. In den Leitlinien seiner Regierung ist keine Rede davon, einen palästinensischen Staat zu schaffen. Seine Koalitionspartner, allen voran die national-religiöse Partei "Jüdisches Heim", fordern sogar das Gegenteil: eine Annexion von Teilen des Westjordanlandes und eine Ausweitung der jüdischen Siedlungen.

Mit einer Mehrheit von nur einer einzigen Stimme in der Knesset vertritt Netanjahus Koalition einen so aggressiven politischen Kurs wie sonst kaum eine Regierung in der Geschichte Israels, vielleicht ist sie sogar die am weitesten rechts stehende aller Zeiten.

Weil Netanjahu genau weiß, wie seine Regierung auf internationale Politiker wirkt, versuchte er, seine Gegner von der Linken mit ins Boot zu holen: die Zionistische Union unter Vorsitz von Izchak Herzog. Diese Strategie verfolgte Netanjahu bereits bei seinen letzten beiden Regierungen: 2009 war es Ehud Barak von der Arbeitspartei, der als Verteidigungsminister der Regierung beitrat, 2013 Zipi Livni, die zur Justizministerin ernannt wurde und die die Verhandlungen mit den Palästinensern leitete. Beiden linksgerichteten, in der Welt angesehenen Politikern gelang es, der internationalen Gemeinschaft mehr Zeit für die zwecklosen Friedensverhandlungen abzuringen. Letztlich dienten Barak und Livni, die freundlichen Gesichter, aber nur dazu, das Image der Regierung Netanjahu aufzubessern, während der Premier daheim die Besatzung ausdehnte.

Herzog ist nicht in diese Falle getappt. In einer scharfen, leidenschaftlichen Rede griff er Netanjahu stattdessen an: "Kein anständiger führender Politiker würde sich je an diesem Zirkus beteiligen, den Sie allein mit dem Ziel veranstaltet haben, Ihre Herrschaft zu festigen."

Und so graut vielen Linken in Israel zwar vor der neuen Regierung; gleichzeitig aber hoffen sie paradoxerweise, Netanjahus Truppe möge einen so aggressiven Kurs vertreten wie nur möglich. Sollen sie ihre Ziele ruhig unnachgiebig verfolgen. Weil nur dies sie vor den Augen der Welt demaskieren wird. Die Siedlungen ausweiten? Die Unabhängigkeit des Obersten Gerichtshofs schwächen? Die Besetzung der palästinensischen Gebiete verstärken? Nur zu! Wir werden ja sehen, wie lange es mit dieser Politik gut geht.

Hinter dieser Einstellung steht die Logik – nun ja, die Hoffnung –, die Regierung werde Israel in eine solch heftige Kollision mit der internationalen Gemeinschaft führen, dass es schließlich zu einem Umschwung der öffentlichen Meinung im Land kommen müsse.

Wie sehr sich Israel schon jetzt auf einem solchen Kollisionskurs befindet, ist unübersehbar. Seit den Wahlen haben die Vereinigten Staaten und die Europäische Union gefordert, Netanjahu möge – in Wort und Tat – beweisen, dass seine Regierung sich zur Zwei-Staaten-Lösung bekennt. US-Präsident Barack Obama, dessen Beziehung zum israelischen Premierminister nach Netanjahus unwillkommener Rede vor dem US-Kongress einen Tiefpunkt erreichte, äußerte sich vor wenigen Tagen unverhohlen pessimistisch über die Aussichten auf eine Wiederbelebung des Friedensprozesses. Im März sprach Obama gar von "echten politischen Differenzen" zwischen ihm und Netanjahu, die sich auf die US-Politik auswirken würden. Später warnte das Weiße Haus, dass die USA ohne klares Bekenntnis der israelischen Regierung zur Zwei-Staaten-Lösung nur schwer in der Lage wären, internationale Initiativen zur Palästinafrage bei den Vereinten Nationen zu stoppen. Frankreich will eine entsprechende Resolution bald schon in den UN-Sicherheitsrat einbringen – mit dem Ziel, neue Verhandlungen mit den Palästinensern zu erzwingen.

Unterdessen forderten 16 europäische Außenminister (der deutsche war nicht darunter) vor Kurzem eine Kennzeichnung für Produkte aus Siedlungen im Westjordanland, Schweden und der Vatikan haben Palästina als Staat anerkannt, und die Palästinenser entfachen ihren diplomatischen Kampf neu: vom Beitritt zu internationalen Organisationen bis hin zum Einsatz für einen Ausschluss Israels aus der Fifa.

Innenpolitisch wird sich Netanjahus Koalition, bei der die meisten Parteien ideologisch ziemlich auf einer Linie liegen, vermutlich eine ganze Weile halten können. Außenpolitisch hat der Premierminister zwar Zeit gewonnen, doch die politischen Führungen zahlreicher Nationen – darunter Israels wichtigster Verbündeter – scheinen die Geduld verloren zu haben. Die Frage ist: Sind sie auch bereit, ihren Worten Taten folgen zu lassen und Israel unter Druck zu setzen? Tamar Tsvaigrach

Tamar Tsvaigrach ist Redakteurin der israelischen Zeitung "Ha'aretz". Aus dem Englischen von Bettina Röhricht.