Hartmut Graßls grauen Janker hat noch seine Mutter gestrickt. Das silbern geknöpfte Stück Heimat trägt er auch im Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie. Doch besser passt die Tracht hier, bei unserer Wanderung auf einem waldigen Höhenweg am Rande von Ramsau, dem Dorf seiner Kindheit. Der Blick fällt auf die Massive von Hochkalter und Watzmann. In der Morgensonne hält Graßl kurz an und deutet auf einen Bergsattel.

Hartmut Graßl: Dort oben, wo das Schneefeld glitzert, habe ich in den Fünfzigern die Kühe gehütet. Ich konnte mit der Glockenkuh reden, habe Wermuth als Medizin gesammelt und beobachtet, wie die Gamskitze lernten, auf Lawinenkegeln zu balancieren ...

DIE ZEIT: Haben sich die Alpen sehr verändert?

Graßl: Statt der Almwirtschaft gibt es Tourismus, der Berchtesgadener Kessel ist jetzt ein Unesco-Biosphärenreservat. Und die Baumgrenze steigt.

ZEIT: Wegen des Klimawandels?

Graßl: Gewiss, es ist deutlich wärmer geworden. Aber die Bäume breiten sich auch aus einem anderen Grund aus: Der Viehauftrieb lohnt sich nicht mehr. Ich musste als Kind jede kleine Latsche, jede Alpenrose ausreißen, damit die Kühe mehr und besseres Gras bekamen. Heute sagt auch mein Bruder, der hier noch lebt: "Die Touristen geb’n a bessere Milli."

Der Nadelwald duftet frisch, Graßl kennt jede Pflanze im Wald, ob Leberblümchen, Lungenkraut oder Seidelbast. Beim Wandern redet er über das große Thema seines Forscherlebens, die Erderwärmung. Über sein jahrzehntelanges Ringen für eine bessere Klimapolitik und den nahen G-7-Gipfel im oberbayerischen Schloss Elmau. Graßl geht leichtfüßig, doch mit der Gemächlichkeit des zähen Bergsteigers. Bald erreichen wir den Wasserfall am Schwarzecker Bach.

Graßl: Früher haben wir weiter unten heimlich Forellen gefangen. Da schoss das Wasser noch über nackten Fels. Schauen Sie: Jetzt ist alles grün veralgt und vermoost. Ein Zeichen für Überdüngung. Der Stickstoffdünger macht die Wiesen fett, aber oft gelangt Nitrat ins Grundwasser, der Reichtum an Gräsern und Kräutern schwindet.

ZEIT: Was verändert die Alpen stärker: der Klimawandel oder die Landwirtschaft?

Graßl: Beides hängt zusammen. Heute essen wir zu viel Fleisch und halten dafür in Deutschland viel zu viel Vieh für die Fläche, müssen deshalb Sojafutter aus Brasilien importieren – und beschleunigen mit den CO₂-Emissionen aus dieser Art von Landwirtschaft die Erderwärmung. Ihretwegen sind auch die Winter so mild. Als Buben sind wir jeden Morgen mit dem Schlitten durch die verschneiten Serpentinen hinuntergerast! Das geht heute kaum mehr.

ZEIT: Haben die Sommer auf der Alm auch Ihr Interesse fürs Klima geweckt?

Graßl: Nein, Meteorologie habe ich zunächst nur studiert, weil ich mir Physik nicht zutraute. Am Gymnasium hieß es: "Unser lieber Bergbauernbub schafft doch sowieso kein Studium." An der Uni in München war ich aber sofort gut. So konnte ich nach dem Vordiplom in Meteorologie doch noch Physik studieren.

ZEIT: Wann wurde der Klimawandel Ihr Thema?

Graßl: Schon 1961 hat mich mein Meteorologieprofessor Fritz Möller zum Treibhauseffekt geprüft. Damals war noch unklar, wie genau sich der höhere CO₂-Anteil in der Luft auf den Energiehaushalt der Erde auswirkt. Man wusste zu wenig über die Strahlungsintensität in großen Höhen. So habe ich als Doktorand begonnen, die Größenverteilung von Wolkenelementen durch den Blick gegen die Sonne zu bestimmen und Strahlungstransporte zu berechnen. Die Physik hat mich auch politisch aufgeweckt.

ZEIT: Wegen der Atomdebatten damals?

Graßl: Nein, weil wir einen Maulkorb bekamen.