Das Ende des Kuhhandels – Seite 1

Am Ende steht ein Kunde vor dem Kühlregal eines Supermarkts und entscheidet sekundenschnell, welchen Karton Milch er in seinen Einkaufskorb legt. Vielleicht greift er aus Gewohnheit immer zur selben Marke. Oder ein Karton gefällt ihm besonders gut. Oft nimmt er einfach die billigste Milch.

Im Kühlregal des Rewe-Supermarkts in der Hamburger Innenstadt ist das eine Milch der Eigenmarke "ja!". "Frische fettarme Milch. 1,5 Prozent Fett" steht auf dem Karton. Das Preisschild am Regal wirbt mit: "Clever sparen!" Der Liter kostet 55 Cent. Kann eine Milch so billig sein und trotzdem unter guten Bedingungen produziert werden?

Nein, sagt Hans Möller. Seine Milch steht im Kühlregal ein Stück weiter. Sie heißt "Frühlingsmilch" und kostet 1 Euro 59. Möller ist einer von drei Landwirten aus Schleswig-Holstein, die sich "De Öko Melkburen" nennen, das ist Plattdeutsch für "Die Öko-Milchbauern". Sie produzieren die "4 Jahreszeiten Milch", eine Biofrischmilch, die nach der jeweiligen Jahreszeit benannt ist. "Mindestens 3,7 Prozent Fett" steht auf dem Karton. Das Preisschild des Supermarkts wirbt mit dem Slogan: "Aus Liebe zur Heimat". Davon, ob sich genug Kunden für diese Milch aus der Heimat finden, hängt die Zukunft der Öko-Melkburen ab. Es ist ihre einzige Chance, um auf einem Markt zu überleben, den längst wenige große Molkereikonzerne dominieren.

Lentföhrden, ein 2500-Einwohner-Dorf bei Kaltenkirchen, knapp 40 Minuten sind es mit dem Auto von Hamburg aus über die A 7. Es ist sechs Uhr morgens, die ersten zehn Kühe stehen im Melkstand. Zweimal täglich werden Möllers Tiere gemolken, frühmorgens und spätnachmittags, Tag für Tag.

Hans Möller, 49 Jahre alt, läuft mit langen Schritten hinter den lehmverschmierten Hinterteilen seiner Kühe her und erklärt den Weg der Milch. Er bleibt stehen, beugt sich vor und greift mit der rechten Hand die Zitze eines milchprallen Euters. Mit einem Griff lässt er ein paar Tropfen warme Milch in seine linke Hand spritzen. Er nickt. Alles in Ordnung. Jede Kuh wird erst per Hand angemolken, um die Milch zu prüfen. Danach bekommen die Kühe ein Melkgeschirr ans Euter. Was die Bauern früher von Hand in die Eimer molken, übernehmen heute eine Vakuumpumpe und ein Pulsator.

Nach einer Dreiviertelstunde sind 140 Liter Rohmilch im Tank. Dort werden sie nun auf fünf Grad gekühlt, bis die Meierei sie abholt.

"Für die großen Konzerne ist Milch heute nur noch ein Rohstoff, den sie möglichst billig wollen", sagt Möller. "Wie er produziert wird, ist denen vollkommen egal."

Seine Tiere können das ganze Jahr raus, fünf Hektar Weideland liegen direkt am Hof. Ein Stück entfernt hat er noch einmal 25 Hektar für die Sommermonate, wenn die Kühe komplett draußen bleiben. Sie fressen Gras, im Herbst und Winter bekommen sie Heu und ergänzend Getreideschrot, aber nie jenes Kraftfutter, das oft aus gentechnisch veränderten Pflanzen besteht. Schon vor zwölf Jahren, lange vor der großen Biowelle, hat Hans Möller seinen Betrieb auf ökologische Landwirtschaft umgestellt, als einer der Ersten in der Region. Er wurde damals belächelt, die beiden Söhne wurden in der Schule gehänselt.

Sein Vater war Milchbauer, sein Großvater auch und davor sein Urgroßvater. Ein Familienbetrieb, wie es viele in Deutschland gibt. Beziehungsweise gab. Immer mehr müssen aufgeben, die Zahl der Milchbetriebe hat sich von 2000 bis 2014 fast halbiert. "Wachsen oder weichen" heißt ein viel zitiertes Motto in der Branche. Es sind fast immer die kleinen, die nicht mehr mithalten können. Betriebe wie der von Hans Möller. 30 Milchkühe hat er, dazu 70 Kälber und Jungtiere.

Wachsen oder weichen?

Der Milchmarkt ist hart, manche sagen auch: brutal. Die Bauern müssen von dem Preis leben, den ihnen die Molkerei pro Liter bezahlt. Die Molkerei verkauft die Milch an die Supermarktketten. Und die wiederum verhandeln erbarmungslos, feilschen um jeden Cent, weil sie selbst in einem harten Verdrängungswettbewerb stecken. Je weniger die Milch in der Kühltheke kostet, desto weniger Geld landet auch bei den Bauern, Möller nennt das "Preisdiktat". Er will es mit seinen beiden Mitstreitern durchbrechen.

Er versucht es zur richtigen Zeit, denn der Milchmarkt verändert sich gerade grundlegend. Bis Ende März dieses Jahres war EU-weit durch die Milchquote geregelt, wie viel ein Bauer pro Jahr produzieren darf. Die Quote war vor 1984 eingeführt worden, um den damaligen Überschuss zu beenden, die berühmten Milchseen und Butterberge. Jetzt dürfen die Milchbauern so viel produzieren, wie sie wollen. Manche haben das Ende der Quote herbeigesehnt, die großen Betriebe vor allem, die weiter wachsen sollen. Hans Möller befürchtet, dass dadurch die Preise noch weiter fallen werden.

Milchbauer Möller redet über seine Milch, als ob er einen Wein degustiert

Am Tag, an dem die Quote fällt, sitzt Möller am Frühstückstisch. Gerade hat er Nachrichten gehört, zwei Milchbauern kamen zu Wort, der eine hat wie er einen kleinen Hof, der andere einen mit mehreren Hundert Kühen. Möller, eigentlich ein ruhiger Mann, kommt kaum dazu, sich einen Kaffee einzuschenken und sein Brot zu schmieren. "Der Große stockt jetzt direkt auf", sagt er. "Und der Kleine? Der gibt auf!" Er schüttelt den Kopf. Es muss sich für Möller anfühlen, als hätte er gerade noch seinen Kopf aus der Schlinge gezogen.

Möller lieferte seine Milch lange für eine Biolinie an eine Genossenschaftsmeierei in Trittau. 2011 wurde diese von einem großen Molkereikonzern übernommen und der Standort geschlossen. Die Biolinie fand eine neue Meierei, Möllers Milch ging nun nach Witzwort bei Husum. Er bekam gut 40 Cent pro Liter. Das deckte gerade einmal seine Kosten, leben konnte er nicht davon. Er bot Ferienwohnungen auf dem Hof an, arbeitete nebenbei als Versicherungsfachwirt. Er rechnete aus, wie viel er pro Liter Milch bekommen müsste, um etwas zu verdienen. Er kam auf 50 Cent. Er wusste auch, dass hochmoderne Stallbetriebe mit Hunderten Milchkühen für die Hälfte seiner Kosten produzieren konnten, manche von ihnen arbeiteten längst mit Melkrobotern. Also was tun? Wachsen oder weichen?

Möller entschied sich für einen dritten Weg. Er besprach sich mit Landwirten aus der Umgebung, die genau die gleichen Probleme hatten. Aus der Not heraus entstand die Idee, eine eigene Marke zu entwickeln.

Sie setzten auf den entscheidenden Faktor, der darüber entscheidet, unter welchen Bedingungen Lebensmittel entstehen: auf den Verbraucher. Jeder Deutsche trinkt pro Jahr im Schnitt fast 55 Liter Milch, also ungefähr einen Liter die Woche. Wenn man ihm ein gutes, regionales Produkt lieferte, dann würde er auch etwas dafür ausgeben, glaubten die Milchbauern. Zu fünft gründeten sie De Öko Melkburen.

"Unsere Milch ist eine lebendige Milch", sagt Hans Möller und schenkt ein Glas ein. Lebendig, damit meint er: Die Milch wird nur pasteurisiert, also auf 72 Grad erhitzt, um schädliche Keime abzutöten. Danach wird sie direkt als Frischmilch abgepackt. Sie ist gekühlt mindestens zehn Tage haltbar. Öffnet man einen Karton Jahreszeiten-Milch, hat sich darin oft Rahm abgesetzt. Das bedeutet nicht, dass die Milch schlecht ist. Es bedeutet, dass sie nicht homogenisiert wurde. Wird Milch industriell verarbeitet, werden die Fettkügelchen durch hohen Druck zerstört, damit der Rahm sich nicht absetzen kann.

Möllers Milch ist anders.

Heute wird hektoliterweise H-Milch verkauft, ultrahocherhitzte Milch, die man nicht einmal kühlen muss. Für Möller ist das "tote Milch". Er sagt: "Die Milch muss wieder einen Stellenwert bekommen." Dafür will er kämpfen. Die Vitamine! Die Fettsäuren! Die Mineralstoffe! Möller kann über seine Milch reden, als ob er Wein degustiert. Die Wintermilch? "Eine schwere, kräftige Milch." Die Frühlingsmilch, die jetzt auf seinem Frühstückstisch steht? "Leichter und süffiger", sagt er.

Bauernhofidylle in der HafenCity

Dem Kunden kann er das alles nicht erzählen. Der steht vor dem Regal und entscheidet – auch nach dem Aussehen der Verpackung. Die Hamburger Design-Agentur Mutter entwarf Kartons in Manufaktur-Optik, darauf die Jahreszeiten-Kuh, eine Kuh, in deren Silhouette ein Landschaftsfoto der jeweiligen Jahreszeit zu sehen ist. So eine Kuh ist neu in den Regalen. Neu ist auch, dass auf dieser Milchpackung genau erklärt wird, wie die Kühe von März bis Mai immer länger auf die Weide kommen und ihre Milch deswegen immer mehr Omega-3-Fettsäuren enthält.

In Ottensen und Winterhude verkauft sich die Jahreszeiten-Milch gut

Im April 2012 wurde in der Meierei Horst die erste Jahreszeiten-Milch abgefüllt. Es waren gerade mal 100 Liter, die in der ersten Woche in ein paar Naturkostläden angeboten wurden. In den Monaten darauf fuhren die Melkburen die Bioläden und Supermärkte ab; zur Klimawoche in Hamburg reiste Hans Möller mit Mausi an, die er seine "Promotion-Kuh" nennt. Mausi ließ sich streicheln, Kinder molken per Hand. Bauernhofidylle in der HafenCity.

Probleme gab es genug. Zwei der fünf Melkburen stiegen aus, der eine wollte keine Biomilch mehr produzieren, der andere sich nicht in die Vermarktung einbringen. Dann stand die Meierei Horst, in der die Melkburen ihre Milch produzierten, plötzlich vor dem Aus. Noch einmal investierten die Landwirte, sie halten jetzt die Mehrheit an der Meierei. Damit hatte das Projekt Jahreszeiten-Milch inzwischen eine halbe Million Euro gekostet. Und noch immer hatte kein Großhändler die Milch ins Programm genommen.

Es dauerte eineinhalb Jahre, bis im Herbst 2013 endlich der Einkäufer einer Supermarktkette auf Möllers Hof vorfuhr. Wir nehmen eure Milch ins Sortiment, sagte er.

Mittlerweile sind drei Jahre seit der ersten Abfüllung vergangen. 2014 haben die Melkburen gut 300.000 Liter für die Jahreszeiten-Milch an ihre Meierei geliefert. Noch macht das Unternehmen keinen Gewinn, Ende dieses Jahres soll es endlich so weit sein. Auch dank des Verkaufs von Joghurt, den sie seit Kurzem im Angebot haben. Im nächsten Jahr sollen Butter, Sahne und Quark folgen.

Hans Möllers Schwager liefert die Milch dreimal die Woche aus. Dann fährt er kreuz und quer durch Hamburg und lässt sich vom Navi durch eine Stadt lenken, die er kaum kennt, in der die Menschen aber mehr von der Jahreszeiten-Milch trinken als auf dem Land in Schleswig-Holstein. Es ist ein Glück für die drei Melkburen, dass sie so nah an Hamburg wohnen. Denn es sind vor allem Großstädter, die sich ihr gutes Gewissen etwas kosten lassen. In Stadtteilen wie Ottensen, Winterhude oder Eimsbüttel läuft die Milch gut. Hier greifen Kunden zu, die es sich leisten können und wollen, einen Euro mehr auszugeben für eine Milch, die nachhaltig produziert wird. Und die vielleicht auch für die leise Sehnsucht bezahlen, die sie nach einem heimeligen Landleben haben, wo eine Kuh noch Mausi heißt.

"Unsere Kunden kaufen auch die Geschichte", sagt die Verkäuferin einer Biobäckerei im Grindel-Viertel. Bei ihr stand Mausi schon mal neben dem Geschäft. Die Kinder kamen und streichelten sie.