Dichter, traut euch ins Zentrum!

Es gab einmal eine Zahl, die Enzensbergersche Konstante hieß: Auf etwas mehr als tausend Leser schätzte der Dichter Hans Magnus Enzensberger 1989 den potenziellen Radius eines Gedichtbandes in Deutschland. Wer all diese Menschen erreicht, hat einen lyrischen Bestseller vorgelegt, man darf applaudieren. In diesen Verhältnissen hat man sich seither eingegroovt. So ist sie eben, die Lyrik, klein, drollig, zu vernachlässigen.

Als Dichter nimmt man dieses Image zähneknirschend hin – so lange jedenfalls, bis auf einer Lesung der Moderator in pädagogisch engagiertem Ton verkündet, es müsse mehr Lyrik gelesen werden, und ob das nun auch in der hintersten Reihe angekommen sei. Dann weiß man endgültig, dass man nicht auf einer Literaturveranstaltung, sondern auf einer Tierschutzvereinssitzung gelandet ist. Das Unangenehme daran ist, dass man selbst das aussterbende Tier darstellt, das partout gerettet werden soll. Das Publikum schaut barmherzig zu einem auf, und in solchen Momenten frage ich mich, warum diese Armen denn bloß Lyrik lesen müssen.

Vom Aussterben bedroht wirkt die Szene nicht: Neue Festivals und Lesebühnen ziehen mit Dichtung ein junges Publikum an, das sich manches etablierte Literaturhaus wünscht, Lyrikverlage werden gegründet, Slogans wie "Poesie als Lebensform" und "Poetisiert euch", auf Jutebeutel gedruckt, machen die Dichtung zum hippen Accessoire. Und neben all dem Jugendkult bleibt die zärtliche Erhabenheit einer Friederike Mayröcker hoch geachteter Bezugspunkt genauso wie die störrische Neugier einer Elke Erb. Erb, Jahrgang 1938, meistens vertieft in ein Gespräch mit jungen Lyrikern, ist selbst der beste Beweis für die Generationendurchlässigkeit der Szene.

Doch der Brückenschlag vom spezialisierten zum breiten Publikum misslingt ein ums andere Mal. Eine Hürde stellt dabei auch der Buchhandel dar, der Lyrikbände meist nur äußerst vorsichtig einkauft und sich dabei gern auf Goethe und Brecht verlässt. Ohne Verkauf jedoch bleibt jedes Lyrikprogramm ein Zuschussgeschäft, in engagierten Kleinverlagen oft aus der privaten Tasche der Verleger finanziert. Die Tatsache, dass Lyrik ökonomisch so wenig abwirft, hält obendrein das Vorurteil aufrecht, es handele sich um eine ohne Subvention längst abgelegte kulturelle Praxis. Die Förderung von Lyrik und die von Braunkohle werden dann gern in dieselbe Amtsstube verbannt. Tür zu. Ende der Beschäftigung.

Nun sind Außenseiterrollen, ob man will oder nicht, auch identitätsstiftend und schaffen einen solidarischen Gruppenzusammenhalt. Sie schützen vor persönlichen Niederlagen, weil große Erfolge schon vorab ausgeschlossen sind: der Fehler liegt dabei nicht beim Einzelnen, sondern im System. Dadurch bietet die Rolle Deckung, auch vor allzu harten Angriffen, auf den Schwächsten schlägt man nicht ein. Was aber passiert, wenn plötzlich ein Gruppenmitglied aus der Rolle des Außenseiters herausfällt? Wenn ein Dichter um einen der vordersten Plätze der Spiegel-Bestsellerliste konkurriert? Wenn die Aussage "Lyrik verkauft sich nicht" revidiert werden muss zu der Einsicht: "Meine Lyrik verkauft sich nicht"?

Vermutlich waren das nicht die vorrangigen Fragen für die sieben Juroren, als sie mit literaturbetrieblicher Wucht, nämlich der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse an den Dichter Jan Wagner, in diesem Frühjahr die Lyrik, nein, exakt einen Lyriker wieder in das allgemeine Interesse eingliederten. Ein paar Wochen lang war der ausgezeichnete Band, die Regentonnenvariationen, in aller Munde und verkaufte sich seit der Nominierung bislang 40.000 Mal.

"Es ist gut, die Bestätigung zu haben, dass man mit Lyrik sogar im Ökonomischen landen kann, weil die Lyrik immer angezweifelt wird von Menschen, die sich ausschließlich um Zahlen kümmern", sagt Julia Graf, Wagners Lektorin beim Verlag Hanser Berlin. Das Gedicht ist als Ware wiederentdeckt – vielleicht das Wundersamste an diesem Bücherfrühling. Ob dies auch Breitenwirkung hat, darf man vorsichtig anzweifeln. Zumindest bislang sind die Verkäufe anderer Gedichtbände, selbst im selben Verlagshaus, durch den Wagnerschen Erfolg nicht merklich gestiegen. Dennoch, kaum läuft das Marktgeschehen an, erkennt man auch seine Janusköpfigkeit: Denn sosehr die Marginalisierung von Lyrik zu missbilligen ist, so genießt Literatur jenseits von Verkaufsdruck immer auch den Vorteil größerer ästhetischer Freiheit. Jetzt, da sich der Betrieb das bislang autonomste Literaturgenre angeeignet hat, könnte der Erfolg des einen auch zu einem Angriff auf das Selbstverständnis der anderen werden.

"Klein, drollig, zu vernachlässigen"

Prompt gibt es denn auch Distanzierungen. Wagners Texte seien so konventionell, dass sie zeitgenössische Dichtung überhaupt nicht widerspiegelten. "Sehr restaurative Themen", kritisiert Kollegin Sabine Scho gegenüber der taz, und Yevgeniy Breyger ätzt in einem Beitrag auf fixpoetry: "In Wagners Welt des Gedichts existieren das Ding und das Karma des Dings. Dieser substantielle Trottel glaubt, es würde ausreichen, die Seife fallen zu lassen, ohne sich zu bücken." Milder ist Mara Genschel. "Wagners Lyrik erfüllt das, was man von konsumierbarer Literatur erwartet", sagt sie in einem Gespräch. Die Prämierung findet sie deshalb auch nicht spektakulär. "Ein formal riskanter Prosaband wäre die größere Sensation gewesen."

"Zu glauben, dass eine auf den ersten Blick zugänglichere Oberflächenstruktur bedeutet, es sei keinerlei Abgründigkeit vorhanden, ist ein Missverständnis", sagt Wagner selbst, wenn man ihn auf die Kritik anspricht. Ein solches Missverständnis kann jedoch zum politischen Vorwurf werden. In seiner Spiegel Online-Kolumne ist für Georg Diez ein Weidenkätzchen Signal genug, um eine ungebrochene Idylle anzunehmen, was er in extrem politischen Zeiten reaktionär findet. Dass im betreffenden Gedicht Erstickung inmitten einer Kriegsszenerie beschrieben wird und das Weidenkätzchen die Brutalität aufs Schauderhafteste konterkariert, unterschlägt er. So kommt man schnell zum verharmlosenden Generalurteil "klein, drollig, zu vernachlässigen".

Wenn professionelle Leser nicht vermögen, was jeder Schüler mit Goethes Heideröslein gelernt haben sollte, zeigt sich darin das eigentlich Verheerende. Denn wie soll sprachlich auf "extrem politische Zeiten" reagiert werden, wenn beim Rezipienten der Umgang mit Sprache durch Beschleunigung, Informationsflut und Aufmerksamkeitsheischerei kontinuierlich verflacht? Dass sich Lyrik, ob konventionell oder experimentell, dieser Entsensibilisierung widersetzt, zeigt auch ihre politische Dimension. Nur wie weit ist es her mit dem kritischen Potenzial von Sprachirritation, wenn sie kaum jemanden mehr erreicht? Was ist eine Avantgarde, die zwar noch als ästhetische Vorhut neues Terrain erkundet, doch keine Truppe mehr hinter sich hat?

Zur Beruhigung: Lyrik hat noch nie mit Sofortwirkung gelärmt wie eine Diez-Kolumne, dafür aber entfaltet sie Langzeitwirkung. Ein Gedichtband wird ja, wenn überhaupt, meist erst dann gelesen, wenn die Romane desselben Erscheinungsjahrs schon wieder vergessen sind. Allerdings: Viele Bände werden schlicht überhaupt niemals gelesen, und so mutet es mitunter hilflos an, wenn mit großer Geste das Gesellschaftskritische einer Arbeit betont wird, die die Gesellschaft überhaupt nicht erreicht. Natürlich, es gibt Revolutionen, die im Kleinen beginnen, es gibt aber auch Revolutionen, die im Kleinen bleiben, im überspezialisierten Fachdiskurs. Auch das kann man restaurativ nennen.

"Ist es schlimm, dass das Gedicht, das Orchideenfach der Literatur, zu jedem Zeitpunkt der Geschichte Orchideenfach war?", fragte vor knapp zwanzig Jahren der 2005 verstorbene Dichter Thomas Kling in einem Essay. Nein, ist es nicht, nur muss nicht, schon gar nicht von Lyrikern selbst, in jeder Generation von Neuem die Randständigkeit als Lebensprinzip der Poesie propagiert werden, als wäre eine Außenseiterposition per se heroischer Widerstand. Um über die Ränder unserer immer auch sprachlichen Gesellschaftsfiktion zu schreiben, braucht man nicht zwingend am Rand des öffentlichen Diskurses zu stehen.

Wenn einer plötzlich vom Rand ins Zentrum gestoßen wird, kann man das runterbügeln als literaturbetriebliche Show, man kann sich aber auch einlassen auf die Irritation, die das Publikum hier mal den Lyrikern zumutet. Wer sich ständig hinter intellektuellen Überlegenheitsgesten versteckt, verliert irgendwann die Orientierung. Eine Vorhut aber, die verschreckt auf weitem Feld steht, wirkt so traurig wie der einzige noch lebende Dodo-Vogel, der sich nach seinen ausgestorbenen Artgenossen umschaut. Seine letzten Worte waren vermutlich: "Es gibt keine Avantgarde, es gibt nur Abgehängte!"