Die deutsche Vergangenheit wiegt so schwer, dass am Ende der Kranwagen vom Technischen Hilfswerk kommen muss. In einer Lagerhalle im pfälzischen Bad Dürkheim beschlagnahmen Polizisten vergangenen Mittwoch mehrere Skulpturen von Hitlers Lieblingskünstlern, darunter zwei monumentale, übernatürlich muskulöse Pferde des Bildhauers Josef Thorak, die einst die Reichskanzlei in Berlin zierten. Auch Bronzeskulpturen und drei gigantische Granitreliefs sind darunter, die Arno Breker für die geplante Hauptstadt Germania geschaffen hatte. Es gibt weitere Durchsuchungen im Bundesgebiet, etwa bei einem wohlhabenden Sammler von NS-Kunst und Militaria in Kiel. Die Ermittlungen gegen die insgesamt acht Verdächtigen – fast alle befinden sich im Pensionsalter – wegen Hehlerei mit "rechtswidrig erlangtem Bundesvermögen" werden von dem auf Kunstdelikte spezialisierten Dezernat des Berliner Landeskriminalamts geleitet.

Die NS-Kunst war Informanten der Polizei zum Kauf angeboten worden – die beiden tonnenschweren Pferde von Thorak allein schon zu einem Preis von acht Millionen Euro. Die Skulpturen gehörten der Bundesrepublik als Nachfolger des NS-Staats, argumentiert die Polizei, keine Privatperson könne legal mit ihnen handeln. Doch wie und wann waren sie in private Hände gelangt?

Während des Krieges hatten die Nazis die für die Reichskanzlei bestimmten Thorak-Pferde aus Angst vor Bombenschäden nach Wriezen ausgelagert, das hatte die Berliner Kunsthistorikerin Magdalena Bushart bereits 1988 recherchiert. In Wriezen standen sie ab 1944 in den Steinbildhauer-Werkstätten Arno Breker GmbH, einer Art Dependance von Albert Speers "Generalbauinspektion". Nach dem Krieg schmückten sie dann zusammen mit anderen, jetzt in der Pfalz beschlagnahmten Bronzen von Arno Breker und Fritz Klimsch den Sportplatz einer Rotarmee-Kaserne in Eberswalde – eine grotesk anmutende Zusammenkunft. Die beiden Figuren von Breker seien, so erzählt Bushart, in die Propagandatafeln, die dort wohl anlässlich der Olympischen Spiele in Moskau aufgestellt worden waren, integriert gewesen. Schon im Frühjahr 1989 hatte Bushart den Standort der Skulpturen in einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung beschrieben. Wahrscheinlich kurz danach sind sie dann in den Westen gelangt. Besucher der Kaserne bekamen nach Erscheinen des Artikels von Bushart – und noch vor dem Ende der DDR – auf die Frage nach dem Verbleib der Skulpturen die Antwort, dass sie weggebracht und eingeschmolzen worden seien.

Vor drei Jahren wurde die Kunsthistorikerin dann von einem Mann kontaktiert, der gegen Geld Informationen zum Verbleib der Figuren anbot. "Der Mann behauptete, in der DDR zum Umfeld von Schalck-Golodkowski gehört zu haben", sagte Bushart der ZEIT: "Da ich als Wissenschaftlerin nicht für Informationen zahle, war das Gespräch nicht ergiebig, außer, dass der Mann andeutete, dass die Figuren noch existierten."

An dem jetzigen Fundort in der Bad Dürkheimer Lagerhalle abgestellt hatte sie, so viel ist zumindest klar, der Verdächtige Rainer W., Jahrgang 1941. Die Firma, die Rainer W. früher selbst leitete, ist ein wichtiger Arbeitgeber in Bad Dürkheim. Der Mann, so hört man aus der Pfalz, soll angeblich schon mit einem Panzer durch die Gegend gefahren und mehrfach durch "braune" Sprüche aufgefallen sein. Auf Fragen der ZEIT zu etwaigen Panzerfahrten und der politischen Gesinnung von Rainer W. reagierte dessen Rechtsanwalt nur mit einer allgemeinen Pressemitteilung. Sein Mandant habe die Skulpturen vor mehr als 25 Jahren von der Russischen Armee und den "früheren Herstellern" rechtmäßig erworben. Kunstwerke aus seinem Besitz seien zudem über zwanzig Jahre im Museum Arno Breker auf Schloss Nörvenich ausgestellt worden.

Das Museum in Nörvenich stellt hingegen klar, dass dort auf Wunsch der Witwe Charlotte Breker nur die beiden Bronzen Der Künder und Die Berufung aus dem Besitz des Rainer W. gelagert worden seien: "Herr W. hat die Leihgaben letztlich abgezogen, da er nach Hörensagen kommerzielle Interessen verfolgte."

Wer kauft solche Skulpturen? Es scheint ein sonderliches, an den Helmut-Dietl-Film Schtonk erinnerndes Milieu zu sein, in dem sich dieser Fall abspielt. Dabei hat Arno Breker, der wohl bekannteste unter den von Hitler verehrten Künstlern, nicht nur im Neonazi-Milieu seine Fans. Im Auktionshaus Schloss Ahlden wurde gerade erst der Bronzeguss einer 1935/36 von Breker für die Olympischen Spiele modellierten Figur eines Zehnkämpfers für 125.000 Euro versteigert – wobei dieser Guss 1989 von einem Privatsammler direkt beim Künstler erworben worden war. Die Figur ist politisch längst nicht so verfänglich wie das bei Rainer W. gefundene Relief mit dem Titel Kameraden.

Forscht man in den Auktionsdatenbanken nach, wo heute NS-Kunst von Thorak versteigert wird, trifft man immer wieder auf das angesehene, in München mit sogenannten Militaria und Ritterrüstungen handelnde Haus Hermann Historica. Im Mai 2012 wurde dort eine Rudolf-Hess-Büste von Thorak für 7.500 Euro versteigert, zwei Jahre zuvor ein 1942 aus Marmor gehauener, monumentaler Kopf des Autobahnbauers und Reichsministers für Bewaffnung und Munition Fritz Todt für 6.300. Wer sich im Internet über das Angebot informieren will, muss zunächst ein Passwort beantragen. Hermann Historica vermittle Objekte der Zeitgeschichte "nur unter strengen Auflagen" an Museen, Archive und "ernsthafte Sammler", heißt es dort. Das sei eine "unverzichtbare und wichtige Arbeit", die Museen und Sammlungen die Gelegenheit zum Erwerb von Zeitdokumenten "zum besseren Zeitverständnis" biete und so dazu beitrage, "dass sich Ähnliches nicht noch einmal wiederholen kann". Eine "Tabuisierung" dieses Gebietes würde "nur zu einem intransparenten Markt führen".

Ob die Verdächtigen um Rainer W. zu einem solchen "intransparenten Markt" für NS-Kunst gehören oder ganz legale Sammler sind, müssen jetzt die Ermittler herausfinden. Die Kunsthistorikerin Magdalena Bushart weiß aber schon, wohin sie sich die beschlagnahmten Skulpturen wünscht: "in ein historisches Museum".

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