Religion macht Politik: Das kann gefährlich werden, für beide Seiten. So wie im Fall von Óscar Arnulfo Romero, dem legendären Erzbischof San Salvadors. Todesschwadronen der Militärregierung ermordeten ihn 1980 während einer Messe. Zuvor schon hatte Johannes Paul II. den katholischen Linksabweichler gemaßregelt. Nun jedoch, zu Pfingsten 2015, ließ Franziskus ihn seligsprechen. Und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem der polnische Papst ihm misstraut hatte: Romero war ein Frontmann der lateinamerikanischen Befreiungstheologie.

Deren große Kritik galt der Armut unserer Zeit – dass sie menschengemacht ist, kein Schicksal; und dass die Kirche zu lange auf der Seite des Reichtums stand, obwohl die Bibel Partei für die Armen ergreift. Romero verdammte das soziale Unrecht in Lateinamerika und machte damit eine doppelte Front auf: Seine Thesen missfielen den Militärs ebenso wie der Kirche. Zwar hatte sich die Kirche El Salvadors mehr um die Armen gekümmert als der Staat, doch Rom übte sich im Beschwichtigen des Konflikts zwischen Kirchenvolk und Campesinos auf der einen Seite und Militärs auf der anderen. Diese wiederum suchten die Nähe zur Kirchenspitze, um ihre Gewalt gegen die Opposition zu legitimieren.

Doch die Befreiungstheologen zeigten klare Sympathien für die politische Linke. Das machte sie bei Johannes Paul II. als Kommunisten verdächtig, und der Pole bekämpfte nun mal den Kommunismus. Deshalb dauerte es, bis Rom Romero, den katholischen Volkshelden, ehrte. Nach Jahren heftigen Streits hatte Papst Benedikt im Jahr 2012 den Seligsprechungsprozess eingeleitet. Jetzt konnte ein lateinamerikanischer Papst den Romero-Fans seines Heimatkontinents einen Wunsch erfüllen – und sich selbst auch. Der Argentinier Jorge Maria Bergoglio hatte 2007, als Erzbischof von Buenos Aires, gesagt: Wäre ich Papst, ich würde Romero heiligsprechen!

Heilig: Das ist der nächste Schritt. Bis dahin agiert Franziskus einfach weiter im Geiste Romeros, der schrieb: "Unsere Kirche ist selbst dafür verantwortlich, dass viele Menschen sie als Verbündete der Mächtigen sehen. Doch die Kirche versucht, sich zum Evangelium zu bekehren. Das ist der Kampf, den wir kämpfen."

Soeben sind erstmals auf Deutsch Romeros Briefe erschienen: "Oscar A. Romero – Vom Handlanger der Macht zum Anwalt der Armen" (Katholisches Bibelwerk).