Annette Schavan, 59, ist seit einem Jahr deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl. Zuvor war die CDU-Politikerin Bundesministerin für Bildung und Forschung in der Regierung Merkel, von 2005 bis zu ihrem Rücktritt 2013. Im römischen Amt fördert die Katholikin den Dialog zwischen Religion, Wissenschaft und Politik. Sie referierte unter anderem über das Verhältnis der Kirchen zum freiheitlichen Staat.

Friedliches Zusammenleben braucht eine Ordnung der Verlässlichkeit und des wechselseitigen Respektes. Zu ihren Grundlagen gehören die Religionsfreundlichkeit des Staates und die Demokratiefreundlichkeit der Religion.

I. Wer nach den Überzeugungen fragt, die in einer Gesellschaft gelebt werden, der stößt auch auf religiöse Quellen. Religion ist ein Grund der Hoffnung von Menschen und eine Quelle von Haltungen und Werten. Sie ist Teil des kulturellen Gedächtnisses und damit verbundener Bilder und Deutungsmuster.

Von modernen Gesellschaften wird oft gesagt, dass durch die Säkularisierung Religion in die Privatsphäre verdrängt worden sei. Fortschritt wird verstanden als alleinige Relevanz des Neuen, vor dem die Tradition verblasst. Dass die Bereitschaft der Einzelnen schwindet, sich an Institutionen, auch an Kirchen zu binden, wird als Privatisierung von Religion gewertet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Wer so redet, unterschätzt die Bedeutung von religiösen Überzeugungen für die Bürgerinnen und Bürger. Religion ist auch heute nicht nur Privatsache. Sie ist präsent auf der Bühne der Zeit. Und wir spüren im globalen Kontext, dass sie an Relevanz gewinnt. Deshalb kann die Politik nicht gleichgültig bleiben gegenüber religiösen Überzeugungen. Das gilt umso mehr in Gesellschaften, die zunehmend religiös pluraler werden.

II. Wer Pluralität anerkennt, muss kulturprägende Kräfte nicht ignorieren. Eine solche Kraft ist bei uns in Deutschland das Christentum. So hieß es in einer Urteilsbegründung des Bundesverfassungsgerichts zu Kreuz und Kruzifix in staatlichen Pflichtschulen: "Auch ein Staat, der die Glaubensfreiheit gewährleistet und sich zu religiös-weltanschaulicher Neutralität verpflichtet, kann die historisch verwurzelten Wertüberzeugungen nicht abstreifen, auf denen der gesellschaftliche Zusammenhalt beruht. Der christliche Glaube und die christlichen Kirchen sind, wie immer man ihr Erbe heute beurteilen mag, von überragender Prägekraft gewesen. Die Denktraditionen, Sinnerfahrungen und Verhaltensmuster können dem Staat nicht gleichgültig sein." (BVerfGe 93,1,22) Was für Deutschland gilt, gilt auch für Europa.

So unterschiedlich die Beziehungen zwischen Staat und Kirche in den Ländern gestaltet sind: Das Christentum prägt die europäische Geschichte. Allerdings gehört zum christlichen Selbstverständnis heute der Schutz vor staatlichen und religiösen Allmachtsvorstellungen. Das ist, nach Jahrzehnten konfessioneller Bürgerkriege, eine große zivilisatorische Leistung, auf die Ernst-Wolfgang Böckenförde hinwies: die Emanzipation des Staates von religiösen Autoritäten ebenso wie die Emanzipation des Christentums vom Staat und von seiner Funktion als Wächter über den rechten Glauben.

Indem der Staat keine Urteilsinstanz mehr sein will über die Ausübung von Religion, schafft er zugleich die Grundlage für die friedliche Koexistenz der Konfessionen und Religionen. Das heißt: Säkularisierung schafft Religion nicht ab. Sondern, wie Böckenförde sagt: "Die Religion wird in den Bereich der Gesellschaft verwiesen, ohne Bestandteil der staatlichen Ordnung zu sein." Damit ist der Weg geebnet für Religionsfreiheit als Freiheit zur Religion und als Freiheit von Religion. Hier schlägt die Geburtsstunde des modernen Staates, der sich nicht über Religion definiert.

III. Deshalb beginnt auch das Grundgesetz nicht im Namen Gottes. Die Formulierung in der Präambel – "in Verantwortung vor Gott und den Menschen" – ist eine Verantwortungsformel. Sie verweist auf die Grenzen, ja auf die Demut des Staates, der niemals eine perfekte Ordnung sein kann und keine absolute Wahrheit beansprucht. Der Staat ist Menschenwerk. Das ist die Absage an jedes totalitäre System. Nach der Nazibarbarei mit ihrer zerstörerischen Hybris, nach der Ermordung von Millionen Menschen erschien das Christentum als wirksame geistige Kraft, dem Totalitären zu wehren und der Freiheit gerecht zu werden.