Die billigste Arbeitskraft, die Sie kriegen können: Roboter", "Jeder sollte einen Roboter haben" und: "Reduzieren Sie die Kosten Ihres Produkts, bestellen Sie noch heute einen Roboter!" Der tschechische Schriftsteller Karel Čapek hat diese Werbeslogans 1920 formuliert, sie hängen in seinem Drama R.U.R. auf Werbeplakaten an einer Wand im Firmenbüro. Das Stück handelt von einem Unternehmen, das Roboter als billige Arbeitskräfte verkauft. Die künstlichen Menschen beherrschen vier Sprachen, sie können zum Beispiel "Geehrter Herr! Dear Sir! Monsieur! Ctěný pane!" schreiben, alles kein Problem.

Karel Čapek war derjenige, der den Begriff Roboter zum ersten Mal verwendete. Heute, fast hundert Jahre später, sind die menschlichen Maschinen kein Dramenstoff mehr. In der Autoindustrie sind sie längst alltäglich, mit der Digitalisierung lernten sie sogar, miteinander zu kommunizieren, man nennt das Industrie 4.0. Nun gehen sie noch einen Schritt weiter. Sie erlangen, was man bei Menschen als Schlüsselqualifikation bezeichnet: Sprachkompetenz. So verändern sie weitere Industrien. Medien 4.0 sozusagen.

Saim Alkan könnte mit Čapeks Plakaten werben. Sein Unternehmen Aexea ist eines von dreien in Deutschland, das Software für computergenerierte Texte anbietet, aktuell in elf Sprachen. Aexeas Slogan von 2015 lautet: "Let us do the writing for you". Das klingt, als sei Schreiben nur eine lästige Fingerübung, die man endlich den Maschinen überlassen könne.

Wenn es um Maschinen als Arbeitskraft geht, ist der Mensch misstrauisch, erst einmal zumindest. Als Antwort auf die Industriemoderne etwa drehte Charlie Chaplin 1936 den Film Moderne Zeiten. Darin lässt er sich an eine Maschine anschließen, die ihn, um Zeit zu sparen, während der Arbeit mit Essen füttert. Am Ende dreht die Maschine durch, und Chaplin wird vom Räderwerk verschluckt. Skepsis gibt es auch heute: Artikel, die in letzter Zeit zum Thema computergenerierte Texte erschienen sind, tragen Überschriften wie "Nehmen Roboter allen Journalisten den Job weg?" oder "Dieser Text ist selbst gemacht". Es klingt nach Angst und Trotz, die Frage schwingt mit: Sie, liebe Leser, brauchen uns doch noch, oder?!

Saim Alkan sagt: "Menschen, die arbeiten, machen Fehler. Automatisierung steigert die Qualität." Dann führt er sein Lieblingsbeispiel an, einen Wetterbericht, abgedruckt in einer Regionalzeitung. Den Artikel hat Alkan in eine PowerPoint-Präsentation integriert, ein Satz ist gelb markiert: "In der Nacht scheint nur selten die Sonne." Einer Maschine wäre das wohl nicht passiert, die Fehlerquote seiner Software, sagt Alkan, liege bei unter 0,1 Prozent.

Wenn von Textautomatisierung die Rede ist, fällt oftmals das Wort Roboterjournalismus. Das ist insofern falsch, als dass in den die Technik nutzenden Unternehmen – im Gegensatz zu Čapeks Drama – keine Roboter sitzen und eifrig tippen. Doch vielleicht braucht der Mensch dieses Bild, weil wir nicht begreifen können, dass man nicht mehr Verstand und Hände benötigt, um etwas aufzuschreiben.

"Dieser Text wurde durch einen Algorithmus verfasst", stand am 17. März 2014 unter einer Meldung auf der Webseite der LA Times. Am frühen Morgen hatte die Erde unter Los Angeles gebebt, die Nachricht darüber war wenige Minuten später zu lesen – geschrieben von einer Software. Quakebot heißt der Algorithmus, ein Digital-Redakteur der Zeitung hat ihn programmiert.

Auch andere Medien nutzen Algorithmen, um Texte zu erzeugen. Die amerikanische Nachrichtenagentur AP lässt aus Quartalszahlen Meldungen erstellen. Auf forbes.com sind manche Texte mit dem Zusatz "Von Narrative Science" versehen, dem amerikanischen Marktführer für computergenerierte Texte. In Deutschland zeigt die Berliner Morgenpost aktuelle Feinstaubwerte für die Hauptstadt an, die Texte hat ein Computer formuliert. Und auf fussifreunde.de, einer Webseite von Radio Hamburg, schreibt eine Software Fußballberichte.

Der Grund, aus dem Saim Alkan heute Textsoftware verkauft, ist ein wirtschaftlicher. Bis vor sieben Jahren war sein Unternehmen eine normale PR-Agentur, doch als Konkurrenten Texte deutlich billiger anboten, schauten er und seine Kollegen, wie die Industrie in solchen Fällen reagiert – und kamen auf die Fließband-Produktion. "Der nächste Schritt ist immer die Automatisierung", sagt Alkan.

Anfangs verwendete Aexea die Software ausschließlich für eigene Texte, seit einem Jahr bietet das Unternehmen sie auch Dritten an. Der Kunde bestimmt dann, wie ein Text aufgebaut sein und sprachlich klingen soll, gemeinsam mit Aexea-Entwicklern trainiert er die Software.

Alkan ist studierter Wirtschaftsingenieur. Statistik, sagt er, habe an der Uni zu den Fächern gehört, die er nicht mochte. Das hat sich geändert. Heute helfen ihm Daten, Geld zu verdienen. Je mehr es davon zu einem Thema gibt, umso leichter lässt sich die Textproduktion automatisieren.

Umfangreiche Datensätze liegen beispielsweise zum Sport vor, vor allem zum Fußball, weil der Deutsche Fußballbund die Vereine verpflichtet, bis spätestens 60 Minuten nach einem Spiel Zahlen zu übermitteln: zu Zuschauern, Spielern, Toren und Torminuten, Gelben und Roten Karten. Damit der Computer aus diesen Zahlen einen Text formulieren kann, muss er sie lesen können – er muss Regeln lernen. Diese Regeln bringt ihm der Mensch bei.

Der Computer lernt zum Beispiel, dass ein 2 : 0 im Fußball ein normales Ergebnis ist, ein 10 : 0 dagegen ein außergewöhnliches. Dass man bei einem 2 : 0 von "besiegen" sprechen kann, bei einem 10 : 0 von "vernichten". Der Computer kann auch Wetterberichte mit einem Ergebnis kombinieren, Regen und ein 10 : 0 zum Beispiel ergeben, dass das Spiel eine "Regenschlacht" war. Die Software kann sogar selbst lernen, ohne Hilfe. Enden etwa mehrere Spiele mit einem 10 : 0, weiß sie, dass dieses Ergebnis als nicht mehr als außergewöhnlich einzustufen ist.

Computer schreiben sachlicher als Menschen

Große Datensätze gibt es auch zu Finanzen, Wetter und Tourismus. Der erste Text, den Saim Alkans Software aus Daten generierte, hatte vier Absätze, es war eine Zielortbeschreibung für einen Reiseort, noch heute lässt sie sich im Netz finden. "Hier können Sie die typischen Spezialitäten Espetada, am Spieß gegrilltes Rindfleisch und den Tiefseefisch Espada genießen", heißt es. Anfangs lieferte der Computer 1500 Texte in einer Nacht, wenig später schon mehr als 7000, inzwischen sind es bis zu 90 Millionen am Tag – Nachrichten zu Wetter, Sport und über Prominente zum Beispiel oder Texte für E-Commerce-Anbieter. Alkan sagt: "Einen handgeschriebenen Text können Sie heute nicht mehr von einem computergenerierten unterscheiden."

Eine Studie des Kommunikationswissenschaftlers Mario Haim von der Ludwig-Maximilians-Universität in München gibt Alkan – mit Bezug auf einfache Meldungen – recht. Knapp tausend Probanden hat der Forscher Nachrichten aus den Bereichen Sport und Finanzen vorgelegt, die entweder Computer oder Menschen geschrieben hatten. Das Ergebnis: Die Leser machten kaum einen Unterschied aus. Einzig: "Computergenerierte Texte werden als sachlicher und glaubwürdiger empfunden, Texte von Journalistenhand hingegen sind angenehmer zu lesen", sagt Haim.

Die Tatsache, dass ein Text, geschrieben von einem Menschen, genauso gut oder schlecht sein kann wie der von einem Etwas ohne Herzschlag, ist geeignet, die Medienbranche zu verunsichern. Wieder ein Algorithmus mehr, der sie bedroht. Dabei hat man, zumindest im Journalismus, den schlechten Start mit diesem Internet noch nicht verdaut. Informationen aus dem Netz sind für Leser weitgehend kostenfrei. Dazu kann jeder nun mitmachen, per Blog, YouTube, Twitter, Instagram. Was Journalismus in diesen Zeiten ausmacht, wie er wieder mehr Geld verdienen kann und ob er überhaupt überlebt, sind für die Branche existenzielle – und oftmals sehr negativ aufgeladene – Fragen. In Onlineredaktionen sitzen derweil Journalisten, die mit der hohen Nachrichten-Schlagzahl mithalten müssen, weil News alles sind. Ob sie gute oder schlechte Arbeit leisten, bewerten ihre Chefs vor allem anhand der Klicks. Man kann an Charlie Chaplins Moderne Zeiten denken.

Man kann aber auch einen Schritt weiter gehen und sich überlegen, wie Algorithmen die Arbeit des Menschen in Zukunft erleichtern und sie besser machen können – auch im Journalismus.

Anfang März erschien auf der Onlineseite der New York Times ein Artikel zum Einfluss des Ortes, an dem man aufwächst, auf die spätere Entwicklung im Leben. Wissenschaftler der Harvard-Universität hatten Dutzende Orte Amerikas entsprechend bewertet. Andrew DeVigal, der an der Universität Oregon den Bereich innovativen Journalismus leitet, las diesen Text – vor allem, erinnert er sich, weil es um seinen Wohnort ging. "Ich war überrascht, dass die Times von dort berichtet", sagte er in einem Interview. "Der Artikel war wie für mich gemacht."

Das war er wirklich. So wie er für Leser in New York, Michigan oder Chicago – für jeden Amerikaner – gemacht war. Die New York Times- Seite erkennt, von wo aus der Rechner des Lesers auf die Seite zugreift – und passt Absätze des Artikels an diesen Ort an. Geschrieben haben den Text Journalisten, personalisiert hat ihn ein Algorithmus.

Für Zeitungsredakteure und auch für deren Leser könnte sich diese Entwicklung als segensreich erweisen. Warum sollte sich nicht ein Algorithmus um schnelle News kümmern, derweil sich der Mensch um die Einordnung bemüht, kommentiert und analysiert, indem er Weltwissen nutzt, das ein Computer nicht hat? Indem er andere Menschen trifft und begleitet, um daraus eine Reportage zu schreiben, eine Textform, die vom Menschsein lebt?

Es könnte auch in Deutschland schon bald so weit sein, denn Saim Alkan präsentiert derzeit Zeitungen seine Software. Er will nicht sagen, mit wem er schon gesprochen hat. Zählt er jedoch die Städte auf, in denen er war, kann man vermuten, dass er mit allen größeren Verlagshäusern im Gespräch ist. Tageszeitungen in Deutschland, die aufgrund des wirtschaftlichen Drucks immer mehr Agenturnachrichten abdrucken, könnten mit seiner Hilfe künftig ortsbezogen individualisieren und in Newslettern die Sprache den Lesern anpassen, um mehr von ihnen zu erreichen.

Der Sport-Informations-Dienst (sid) testet Alkans Software schon, dort macht sie aus Tabellen Texte zu Spielen. Die Mitarbeiter seien anfangs misstrauisch gewesen, erzählt Jens Wagner, der bei der Agentur die Technik leitet. "Ich konnte sie aber beruhigen", sagt er. Die Software schreibe nämlich Texte, die bislang keiner schreibt. Sie sind ein Mehrwert für die Leser. Keine Bedrohung für Journalisten.