DIE ZEIT: Herr Tschohl, haben Sie etwas zu verbergen?

Christof Tschohl: Natürlich! Wer nichts zu verbergen hat, hat kein Sozialleben. Aber es ist nicht alles böse, was verborgen werden sollte.

ZEIT: Sie haben aber ein iPhone, zumindest damit verbergen Sie nichts.

Tschohl: Richtig. Wenn ich nur damit kommunizieren würde, wäre nichts vertraulich. Man muss sich das auf der technischen Ebene bewusst machen. Wenn man nur ein Gerät benutzt, das noch dazu nicht allzu sicher ist, dann exponiert man sich völlig. Es braucht vertrauliche Räume, die man sich aber selbst mit technischen Hilfsmitteln erschließen muss.

ZEIT: Zum Beispiel?

Tschohl: Ich kann einzelne Dinge verschlüsselt kommunizieren, mithilfe von bestimmten Programmen. Das bekannteste ist Lavabit, der E-Mail-Dienst, über den Edward Snowden seine Unterlagen weitergeleitet hat.

ZEIT: Jetzt sprechen Sie über Hilfsmittel für Spezialisten. Technisch nicht so Versierten nützt das gar nichts.

Tschohl: Stimmt schon, das Angebot ist auf Experten zugeschnitten. Das ändert sich jedoch mit steigendem Datenschutzbewusstsein. Aber selbst Spezialisten können sich derzeit nirgendwo sicher sein, dass ihre elektronische Kommunikation nicht von einem Geheimdienst überwacht wird.

ZEIT: Datenschützer wie Sie klagen über wachsende Unsicherheit. Dabei sind mehr als 1,4 Milliarden beim Facebook registriert, fast jeder, auch Sie, nutzt ein Smartphone. Der Mehrheit scheint es egal zu sein, die eigenen Daten preiszugeben.

Tschohl: Ich glaube nicht, dass die Masse der Leute der Meinung von Mark Zuckerberg ist, dem Gründer von Facebook, der meinte, Privatsphäre sei ein veraltetes Ideal. Die Nutzung von Facebook ist nicht automatisch eine freiwillige Aufgabe der Privatsphäre. Wer weiß denn schon, was mit den Daten passiert. Deshalb ist beim Datenschutz die Rolle der Bildung so wichtig, das lässt sich gar nicht hoch genug einschätzen. Die Datenschutzprobleme, mit denen wir zu tun haben, lassen sich nicht nur mit einem besseren Rechtsschutz bewältigen. Es braucht einerseits eine bessere technische Kompetenz der Menschen und andererseits auch grundlegende Dinge: Man muss lesen und schreiben können. Man muss verstehen, was ein Anbieter wie Google mit den Daten macht. Das ist eine Frage der Allgemeinbildung. Wir werden es nicht schaffen, dass wir Leute ohne Bewusstsein für Datenschutz vor sich selbst schützen. Und derzeit fehlt dieses Bewusstsein.

ZEIT: Österreich bekommt ein neues Staatsschutzgesetz, das Sicherheitsbehörden weitreichende Befugnisse gibt. Das Bankgeheimnis, noch bis vor Kurzem ein Dogma, fällt. Das alles kommt sehr rasch. Warum?

Tschohl: Es wird die Gunst der Stunde genützt. Es ist kein Zufall, dass diese Dinge immer dann in Bewegung geraten, wenn es einen Anlass gibt, wie zum Beispiel einen Terroranschlag. Mein Eindruck ist auch, dass von politischer Seite versucht wird, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit durchzubringen, um die Kapazitäten derer zu überfordern, die sich das anschauen und vielleicht Gegenwehr leisten.

ZEIT: Sind Sie schon überfordert?

Tschohl: Das größte Problem derzeit ist, dass man bei dem Tempo den Überblick verliert. Jede Maßnahme isoliert zu sehen erzeugt ein völlig anderes Bild über den Eingriff in die Grundrechte als die Gesamtschau. Man hat etwa auf der einen Seite alle Bankdaten zur Verfügung und auf der anderen Seite die ganzen Telekomdaten. Wenn man diese Datensätze über eine Person allerdings miteinander verknüpft, kriegt man ein ungleich aussagekräftigeres Profil über den Menschen, als wenn nur eine Seite betrachtet wird.