Schon um sieben Uhr in der Früh versammeln sich über hundert Männer und eine Handvoll Frauen vor einem Uhlenhorster Angelgeschäft. Offiziell nehmen sie nicht an einem Angel-, sondern nur an einem Fotowettbewerb teil. Mit ihren kurzen Ruten, runden Keschern und kleinen Rucksäcken sehen die Gestalten im fahlen Morgenlicht aus wie eine versprengte Kampfeinheit.

Seit Mitternacht ist die Schonzeit für Hecht und Zander in Hamburg beendet. Die Regeln des Tages sind an der Tür angeschlagen; sobald der Reporter aber einen Blick drauf wirft, zischt jemand von der Seite: "Nicht veröffentlichen!" Als ein älterer Herr fragt, ob er auch ohne Anmeldung mitmachen dürfe, wird er weggeschickt. Er könnte ja von der Tierschutzorganisation Peta sein, die hier gefürchtet ist.

Streetfishing, das heute auf dem Programm steht, ist nicht verboten. Doch während in den Nachbarländern große Wettkämpfe stattfinden, steht hierzulande das Tierschutzrecht dagegen. Das hat auch mit der Art und Weise zu tun, wie die Streetfisher angeln.

Eine junge Generation von Fischern hat die Städte als Angelplatz erobert. Angefangen hat es in Paris, am berühmten Kanal Saint-Martin. In den vergangenen zehn Jahren ist Streetfishing über die Niederlande nach Deutschland geschwappt.

An diesem Samstag werden insgesamt mehr als 200 Streetfisher, zumeist in Gruppen, an Alster, Elbe und Bille angeln gehen und dabei Fotos von ihren Fängen machen. Die schönsten Bilder bekommen einen Preis.

Gegen Viertel nach sieben öffnen sich die Türen des Angelgeschäfts. Die Teilnehmer drücken herein, vorbei am Kaffee und direkt zu den Kisten mit Ködern im Sonderangebot. Die meisten Männer tragen Basecap und Kapuzenpulli statt des klassischen Angleroutfits aus Hut und Weste.

Kaum jemand kennt die Szene besser als Torsten Rühl, ein stabiler Mann mittleren Alters. Er wohnt am Niederrhein, hat eine Frau und zwei Kinder. Alle zwei Wochen kommt er zum Fischen nach Hamburg. Er verkauft Angelzubehör an Läden nördlich der A 2, Hamburg liegt da meist auf seinem Weg. Torsten, ein einsilbiger Typ, hat sich bereit erklärt, den Reporter auf seine Angeltour mitzunehmen.

Weite Teile von Alster, Elbe und Bille sind freie Gewässer

Mit dem Auto fährt er von Spot zu Spot, wie bei Streetfishern die voreinander oft geheim gehaltenen Angelplätze heißen. Im Wagen läuft NDR2. Torsten summt leise mit. Überquert er eine Brücke, verrenkt er den Kopf. Vielleicht sitzen ja Angler am Wasser.

"In Duisburg angeln wir direkt hinterm Puff", sagt er und parkt unter einer Eisenbahnbrücke in Rothenburgsort. Er öffnet den Kofferraum, schnallt sich eine Kiste voller Köder um die Hüfte und hängt sich eine Kamera um den Hals. Dann nimmt er eine Rute in die linke und einen Spundwandkescher in die rechte Hand. Es ist kurz vor neun, Torsten wirft einen Gummiköder in das Schleusenbecken vor ihm. Holt ihn wieder ein. Wirft ihn wieder aus. Und holt ihn wieder ein. Dann checkt er WhatsApp. Warum angelt er? "Entspannung", sagt Torsten. Über uns donnert eine S-Bahn hinweg.

Nach kurzer Zeit bekommen wir Besuch: Die City-Angler aus Berlin sind Torstens WhatsApp-Nachrichten gefolgt und steigen aus einem grünen Opel Vectra mit Doppel-Auspuff. Während zwei von ihnen in einen Vorgarten pinkeln, klatschen die anderen Torsten zur Begrüßung ab. Streetfishing verbindet, und so steht der Niederrheiner Familienvater bald neben Heister Bon Jaralve, einem 25-jährigen Berliner mit philippinischen Wurzeln, der Nike-Sneakers und ein Oberlippenbärtchen trägt.