DIE ZEIT: Am 3. Oktober werden Sie zum ersten Mal als Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki im neuen Literarischen Quartett auf dem schwarzen Sofa sitzen und die Sendung moderieren. Ist Ihnen mulmig zumute?

Volker Weidermann: Supermulmig, gleichzeitig freue ich mich kolossal. Und seit der ersten Probesendung im Berliner Ensemble bin ich sehr zuversichtlich, dass es toll wird.

ZEIT: Wer hat da zugesehen?

Weidermann: Nur ein paar Leute vom ZDF. Wahrscheinlich gehört es dazu, dass danach alle sagen, es sei fantastisch gewesen. Das muss man vielleicht nicht alles glauben. Auf jeden Fall hat es großen Spaß gemacht.

ZEIT: Und wovor hatten Sie dann überhaupt Angst?

Weidermann: Die Urangst ist die, dass man sich in den gigantischen Fußstapfen, in denen man da unterwegs ist, verlieren könnte. Dass man da einsinkt. Aber ich habe die Sendung und Marcel Reich-Ranicki immer so bewundert und so viel von seiner Art, über Literatur zu sprechen, gelernt, dass ich das gerne in die Gegenwart transformieren möchte.

ZEIT: Was wollen Sie anders machen als Reich-Ranicki?

Weidermann: Wir haben das tolle Vorbild und wollen das Beste daraus nutzen für heutige Literatur und für uns, die wir in der heutigen Zeit leben.

ZEIT: Das neue Literarische Quartett soll ganz klar in der Tradition des Klassikers stehen?

Weidermann: Unbedingt! Das alte puristische Konzept. Keine Innovation. Bei den Literatursendungen im Fernsehen hat man viel zu oft das Gefühl, zwei Medien passen nicht zusammen, und deswegen denkt man sich Tricks aus. Man geht davon aus, die Zuschauer interessierten sich sowieso nicht für Literatur und deswegen müsse man etwas Fantastisches dazuerfinden, um ihnen das Buch unterzujubeln. Sofas auf Berggipfel fliegen oder Wüstenbücher in Wüsten vorstellen und so weiter. Ich finde es toll, dass beim ZDF jetzt anders gedacht wird, und man wieder sagt, nein, wir glauben, dass sich die Menschen für Bücher interessieren. Und was ist da besser, als einige Literaturenthusiasten zusammenzubringen, um darüber zu sprechen? Wir haben uns viele alte Sendungen des Literarischen Quartetts angesehen. Und es ist wirklich noch immer total atemberaubend und ansteckend.

ZEIT: Das simple Konzept, vier Leute streiten über vier Bücher, ist ziemlich unschlagbar. Warum musste man so ewig warten, bis es wieder aufgelegt wird?

Weidermann: Jeder, der das macht, kann Hohn und Spott erwarten, weil Reich-Ranickis Schatten einfach so groß ist. Solange er noch lebte, konnte man kein Literarisches Quartett ohne ihn machen, das wäre total absurd gewesen. Außerdem waren die Nachfolgesendungen nicht falsch. Elke Heidenreichs Sendung Lesen! hat fantastisch funktioniert im Hinblick auf die Quoten und die Wirkung auf den Buchmarkt.

ZEIT: Das Einmalige am alten Quartett war das absolute Sonnenkönigtum Reich-Ranickis. Ich glaube, das Fernsehen durfte gerade mal die Sendezeit festlegen. Alles andere hat er bestimmt, die Bücher, die Mitstreiter, die Gäste, die Eingangsmusik. Sie mussten eine Probesendung abliefern und sich casten lassen.

Weidermann: Ich bin nicht gecastet, sondern gefragt worden, ob ich mir das vorstellen kann.

ZEIT: Aber die anderen Teilnehmer wurden getestet. Als ich damals zu Reich-Ranicki ins Quartett kam, gab es zwar stundenlange Telefonate über die Bücher, die in der Sendung vorkommen sollten, aber keine Aufnahmeprüfung.

Weidermann: Auch die anderen wurden nicht getestet. Es wurde der Ort getestet, die Konstellation, der ganze Look der Sendung. Das wurde, wie im Fernsehen üblich, in einem Piloten ausprobiert.

ZEIT: Sind die anderen beiden festen Quartett-Teilnehmer, der Schriftsteller Maxim Biller und die Fernsehmoderatorin Christine Westermann, Ihre Wunschkandidaten?

Weidermann: Das sind meine Wunschkandidaten.