Am liebsten hätte Felix Warneken den Affen einen Campingkocher hingestellt und sie selbst kochen lassen. Doch im Tchimpounga-Schutzgebiet in der Republik Kongo wurde ihm schnell klar, dass das einfach zu gefährlich wäre. "Hätte einer der Affen die Gasflasche in die Hände bekommen, hätten wir ein Problem gehabt."

So mussten sich der deutschstämmige Psychologe und seine amerikanische Kollegin Alexandra Rosati etwas anderes ausdenken, um die fundamentale Frage zu klären: Können Affen kochen? Und falls ja: Warum tun sie es so selten?

Der berühmte Kanzi, der gerne als schlauster Affe der Welt bezeichnet wird, läuft dabei außer Konkurrenz. Vor einigen Jahren gingen Fotos um die Welt, die den Bonobo-Schimpansen an einem Lagerfeuer zeigen, wie er Marshmallows röstet und Spiegeleier brät. Eine zweifellos beeindruckende Leistung. Andererseits, so argumentierten Forscher, könnte das auch mehr mit Nachahmung und Dressur zu tun haben als mit echter äffischer Kochkunst. Schließlich lebt Kanzi in der Obhut der Primatologin Sue Savage-Rumbaugh im Great Ape Trust in Des Moines, Iowa, und hat sich vieles von Menschen abgeschaut – er versteht einfache Wörter, kann mithilfe von Symbolen kommunizieren, Feuer machen und eben Eier braten.

Doch lässt sich von ihm auch auf andere Affen schließen? Oder ist Kanzi die große Ausnahme? Anders gefragt: Wie steht es um die kulinarischen Künste von Affen in freier Wildbahn? Das interessiert auch Anthropologen. Schließlich nimmt das Kochen in der Evolution des Homo sapiens eine Schlüsselstellung ein. Erst der Verzehr gekochter Nahrung, postuliert etwa der Anthropologe Richard Wrangham, habe das menschliche Gehirn wachsen lassen. Aus Gebratenem oder Gegartem sind Nährstoffe viel leichter aufzunehmen als aus rohem Fleisch oder Gemüse. Wer kochen kann, braucht weniger Energie für die Verdauung – und kann mehr in geistige Entwicklung investieren.

Doch wann und wo genau trennten sich die Wege von Mensch und Affe? Mussten die Hominiden erst das Feuer unter ihre Kontrolle bringen und dann die Kochkunst erlernen? Oder waren schon die frühen Menschenaffen geborene Köche, denen zum Tafelglück nur das passende Küchenstudio (sprich Lagerfeuer) fehlte?

Mit solchen Fragen im Gepäck reisten die Psychologen Rosati (von der Yale University) und Warneken (von der Harvard University) nach Afrika, um im Kongo eine Serie ungewöhnlicher Experimente durchzuführen. Diese sollten klären, ob unsere nächsten Artverwandten zumindest theoretisch zum Brutzeln in der Lage wären.

Laut der Studie des Psychologenpaares, die soeben in den Proceedings of the Royal Society veröffentlicht wurde, lautet die Antwort eindeutig: Ja, Affen könnten im Prinzip kochen. Zumindest bringen sie dazu alle Voraussetzungen mit.

Erstens zeigen die Schimpansen eine klare Präferenz für gekochte Süßkartoffeln; diese essen sie deutlich lieber als rohe Knollen. Zweitens sind sie durchaus bereit, eine Weile auf ihr Essen zu warten und es nicht roh zu verspeisen, wenn sie es dafür gekocht bekommen. Drittens scheinen sie auch zu verstehen, dass beim Kochen eine Umwandlung stattfindet. Dazu packten die Forscher die rohen Kartoffelstückchen in einen speziellen Topf mit doppeltem Boden, der durch geeignetes Schütteln eine gekochte Kartoffel lieferte.

Warum tun sie es nicht in freier Wildbahn?

Bald hatten die Affen das Prinzip raus. Gab man ihnen rohe Kartoffelstückchen, legten sie diese zielsicher in den "Kochtopf" – und nicht in einen ähnlich aussehenden Kontrolltopf; und sie waren, viertens, sogar zum Transfer in der Lage und packten nach einiger Zeit auch Karotten in das Kochgerät – obwohl die Forscher ihnen das Kochen von Karotten nie vorgemacht hatten. Fünftens demonstrierten die Schimpansen Geduld und Selbstkontrolle – eine wichtige Voraussetzung für die kulinarische Veredelung von Futter. Einige der Affen schafften es gar, rohe Kartoffelstücke zu einer weiter entfernten Kochstelle zu transportieren, ohne unterwegs schon alles aufzuessen.

Sieht man sich die Videos der Experimente an, sind diese Schlussfolgerungen für ungeübte Augen nicht immer ganz eindeutig. Oft wirken die Affen zögerlich und unentschieden. Aber sie lernen ja noch, vielleicht liegt es daran. Der Anthropologe Richard Wrangham zeigt sich jedenfalls von der neuen Studie begeistert: Das sei ein "sehr kreativer Weg, um eine Reihe kognitiver Fähigkeiten bei Schimpansen zu testen" – ebenjener Fähigkeiten, die nötig waren, "um ein Feuer zum Kochen zu verwenden", kommentiert er.

Die Ergebnisse von Warneken und Rosati seien umso bemerkenswerter, als Schimpansen normalerweise "sehr wenig Selbstkontrolle zeigen, wenn es um Entscheidungen geht, die mit attraktivem Essen zu tun haben". Selbst Menschen könnten sich ja beim Kochen mitunter nur schwer zurückhalten, bis das Essen auf dem Tisch stehe. Dass Schimpansen die Geduld aufbrächten, längere Zeit auf gekochte Kartoffeln zu warten, sei "beeindruckend".

Kritischer zeigt sich dagegen Christophe Boesch, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. "Auch Zirkusschimpansen können unglaubliche Dinge vollbringen, genau wie Pferde, Hunde und andere Tiere. Die wissenschaftlich wirklich interessante Frage ist doch, was Tiere spontan tun können." Das aber, so Boesch, werde von der vorliegenden Studie leider nicht angesprochen. Kein einziger wilder Schimpanse sei je dabei beobachtet worden, wie er koche oder Feuer benutze. Für ihn zeigt die Studie – ähnlich wie Kanzis Lagerfeuer-Menü – vor allem, was Tiere in einer "total künstlichen, von Menschen dominierten Welt" alles lernen können.

Damit will sich Felix Warneken allerdings gerade nicht vergleichen lassen. "Wir haben kein Dressurexperiment gemacht", sagt der Entwicklungspsychologe. "Die von uns untersuchten Affen sind in der Wildnis geboren und leben im Tchimpounga-Park halb wild. Wir haben sie auch nicht trainiert, sondern sie mit einer völlig neuartigen Apparatur konfrontiert, die sie vorher nicht kannten." Für Warneken und Rosati belegt ihre Studie damit unzweifelhaft, dass Affen die kognitiven Grundvoraussetzungen fürs Kochen mitbringen.

Bleibt die Frage: Warum tun sie es dann nicht in freier Wildbahn? Wohl aus zwei Gründen, erklärt Warneken: Erstens sind Affen nicht in der Lage, Feuer zu kontrollieren. Zweitens, und das ist fundamentaler, fehlt ihnen der nötige soziale Zusammenhalt. Denn in der extrem hierarchisch organisierten Affenhorde greift sich normalerweise das Alphatier jeden Leckerbissen als Erster. Die anderen Schimpansen tun daher gut daran, sich gefundenes Futter möglichst schnell hinter die Zähne zu schieben. Wer langwierige Kochexperimente anstellt, müsste stets damit rechnen, dass ihm das angegarte Futter weggenommen wird.

So scheitern die Schimpansen am Ende wohl nicht an mangelnden technischen Fähigkeiten, sondern an einem allzu schwach ausgeprägten Sozialsinn. Daraus folgt umgekehrt: Der evolutionäre Erfolg des Homo sapiens beruht nicht auf seiner Technik, sondern auf seiner Kooperationsfähigkeit und dem ungewöhnlich starken sozialen Zusammenhalt mit anderen Menschen.

In Zeiten des harten kapitalistischen Wettstreits kann es nicht schaden, wenn uns die Schimpansen daran immer mal wieder erinnern.

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