Der Modeschöpfer mag es puristisch. Er trinkt den Kaffee schwarz und ohne Zucker, er raucht eine Zigarette dazu. Vor ihm am Bildschirm flimmern neue Jackenschnitte, geradlinig und immer zuerst farblos. "Die Farbe kommt oft erst kurz vor der Produktion dazu", sagt er. Auf der hellgelben Styroporwand hinter ihm hängen Ausschnitte aus Modemagazinen, so lange, bis sie ihn inspirieren oder langweilen. Es gab Zeiten, in denen Bernd Mühlmann neongelbe Netzshirts trug wie Duran Duran. Heute hat er einen melierten, royalblauen Baumwollpullover angezogen, grob gestrickt, dazu eine anthrazitfarbene Organic-Jeans, die aus der eigenen Kollektion stammt. Eine Schiebermütze sitzt auf dem kurz geschnittenen Haar.

Ein typisches Mühlmann-Stück ist die körpernah geschnittene Jacke mit poliertem Metallreißverschluss, verschließbaren Taschen und einer mit Alcantara besetzten Kapuze. Man würde den Arbeitsplatz, an dem solche Stücke entstehen, an vielen Orten vermuten, in den Modemetropolen der Welt, in Wien zumindest, vielleicht noch in Graz oder Innsbruck. Doch wenn der Designer aus dem Fenster seines Ateliers blickt, sieht er kein Großstadtpanorama. Er blickt in ein Tal: steil absinkende Berghänge und jahrhundertealte Bauernhöfe in schwerem, dunklem Holz. Im seinem Studio pulsiert Elektromusik, draußen plätschert der Winkeltalbach.

Hier in Außervillgraten ist Bernd Mühlmann 1974 geboren und aufgewachsen. Auf 1200 Meter Seehöhe ist das Klima rau, der Winter lang. Das Villgratental liegt in einem Seitental des Osttiroler Pustertals – nur wenige Gegenden Österreichs sind abgelegener und weiter weg von allem.

"Kommen sie zu uns, wir haben nichts", sagte ein Villgrater Bergführer einst einem Reporter der ZEIT, und prompt wurde der Satz zum Werbespruch der lokalen Touristiker. Er stimmt noch immer: Es gibt keinen Skilift und kein Quartier mit mehr als 50 Betten. Straßennamen braucht es nicht, eine Nummer reicht als Adresse aus, "Mühlmann – handmade in the alps", Außervillgraten 191.

Im zweiten Stock entwirft Bernd Mühlmann seine Kreationen, geschneidert werden sie von zwölf Mitarbeitern ein Stockwerk tiefer. Er ist einer der letzten Designer, die in Österreich zeichnen und produzieren. "Wir sind ein Exot", sagt er. Ein erfolgreicher Exot: Mit dem Label, das seinen Nachnamen trägt, erwirtschaftet er eine Million Euro Umsatz im Jahr und hat es bis zur Berliner Fashion-Week geschafft.

Im Jahr 1964 begann der Vater als Maßschneider, gründete einen Konfektionsbetrieb, der für andere Marken in Lohnarbeit nähte und einer der größten Arbeitgeber im Tal wurde. Doch ab Mitte der 1990er Jahre flüchteten die Auftraggeber mit ihren Bestellungen in Billiglohnländer. "Innerhalb eines Jahres war die Arbeit weg", erzählt Bernd Mühlmann.

Bernd, der Zweitgeborene, kehrte damals gerade nach drei Jahren an der Wiener Modeschule Michelbeuern ins Tal zurück. Zuvor hatte er, als einziges der vier Kinder, im Familienbetrieb eine Schneiderlehre absolviert. Schon damals kristallierte sich heraus, wie sehr sich die Vorstellungen zwischen Vater und Sohn unterschieden. Um den Betrieb zu erhalten, brauche es neue Ideen, bekniete Bernd seinen Vater. Aber der scheute Veränderungen, und deshalb weigerte sich der Junior, den Betrieb zu übernehmen.

Der Sohn verließ wieder das Tal, aber ging nur in die nächstgelegene größere Stadt. In Innsbruck wartete er, "bis der Vater anruft", erzählt er und lacht. Ein paar Monate später läutete das Telefon, und er kehrte endgültig zurück, weil er sich für die Zukunft des Familienbetriebes und für die Menschen verantwortlich fühlte.

Gemeinsam strukturierten Vater und Sohn den Betrieb um und reduzierten die Angestelltenzahl auf 20 Schneiderinnen. Der Vater war der Ausführende, der Perfektionist, der Urvillgrater. Der Sohn tickt seit je anders. Er wollte nicht nur Aufträge erfüllen, sondern auch selbst kreativ sein.

Schon während der Lehrzeit schneiderte er für die kleinen Schwestern Kleider und für sich selbst Hemden sowie Skianzüge. Farben und Stoffe kombinierte er auf untraditionelle Weise. In den Anfangsjahren der Betriebsübernahme begann er in freien Stunden zu zeichnen. Es waren zögerliche Versuche, die er unter dem Label Celsius vertrieb. Den Kreationen den eigenen Namen zu verpassen, wagte er noch nicht. "Mit vielem davon war der Vater nicht einverstanden." Oft habe er gefragt, warum das Sakko anders geschnitten sei, als man es im Tal kenne. "Er hat die Modeentwicklung nicht mitgekriegt, aber er hat mich machen lassen."

Mühlmann senior starb 2007, im Jahr darauf gründete der Sohn das Label.