Giovanni di Lorenzo: Herr Franz, wissen Sie, wen ich hier im September 2013 zu Gast hatte, dort auf Ihrem Stuhl?

Christoph Franz: Werden die Namen hier eingeritzt?

Di Lorenzo: Natürlich, in meinem Herzen. Sepp Blatter war hier.

Christoph Franz: (lacht)

Di Lorenzo: Als jemand, der so viele Jahre Erfahrung hat mit großen Unternehmen hat, möchte ich Sie fragen, was ich schon einmal den Chef von Siemens gefragt habe: Wenn es in einem Unternehmen Korruption gibt, merkt das der Chef gar nicht?

Franz: Ich glaube, es kommt sehr stark darauf an, wo das passiert. Ich habe einmal in meinem Berufsleben die Erfahrung gemacht, dass es tatsächlich weit oben in der Hierarchie Korruption in erheblichem Umfang gegeben hat.

Di Lorenzo: In einem Unternehmen, für das Sie damals gearbeitet haben?

Franz: Ja, genau. Das war damals nicht erkennbar von außen. Korruption ist ja nichts, was am Schwarzen Brett hängt. Ich sage hier ganz offen: Wenn man – wie Roche – weltweit in 150 Ländern operiert, dann kann man nicht davon ausgehen, dass man das immer und überall im Griff hat. Und das Problem sind ja im Zweifelsfalle gar nicht die Verhaltensmuster hier in der Schweiz oder in anderen europäischen Ländern, sondern vorwiegend in den Ländern, in denen Korruption zur alltäglichen Geschäftspraxis gehört. Und man darf nicht vergessen, in der Wirtschaft galt lange: Man passt sich den lokalen Praktiken an.

Di Lorenzo: Bestechungsgelder waren in Deutschland sogar steuerlich absetzbar...

Franz: ... als nützliche Aufwendung, was bei den damaligen Spielregeln eigentlich nur konsequent war. Als multinationales Unternehmen haben wir einen klaren Standard hoher ethischer und Compliance-Anforderungen etabliert – und wir setzen alles daran, diesen Standard überall durchzusetzen.

Di Lorenzo: Klar, ein schwarzes Schaf ist schwer zu erkennen. Aber wenn es, wie nun bei der Fifa, Leute sind, die schon einen einschlägigen Ruf hatten, glauben Sie wirklich, dass der Chef aus allen Wolken fällt, wenn da eine ganze Fuhre von der Polizei aus dem Hotel abgeholt wird?

Franz: Das ist extrem schwer einzuschätzen. Aber es wird natürlich unter solchen Umständen schwieriger, die eigene Glaubwürdigkeit zu wahren. Wir dürfen aber eines nicht vergessen: Hier handelt es sich um Leute, die in ganz anderen Teilen der Welt sitzen, nicht im Nachbarbüro. Insofern ist die Intensität des Umgangs miteinander wahrscheinlich viel geringer. Zudem wurden diese Personen in ihren jeweiligen Ländern und Regionen gewählt und dann als Delegierte entsandt, also nicht durch die Organisationsleitung bestimmt.

Di Lorenzo: Soll ich Ihnen sagen, was der Siemens-Chef damals auf meine Frage geantwortet hat?

Franz: Bitte.

Di Lorenzo: Er hat mich dreißig Sekunden lang angelächelt, weil es seinen Vorgänger betraf.