Stadt, Land, Schluss – Seite 1

DIE ZEIT: Sie haben einen Atlas der verlorenen Städte verfasst. Derzeit wird die Liste immer länger: Aleppo, Hatra, nun auch Palmyra. Können Sie noch Nachrichten schauen?

Aude de Tocqueville: Es ist unfassbar, was gerade passiert. Die Bilder aus Palmyra haben mich sehr traurig gemacht. Vor sechs Monaten erschien mein Buch hier in Frankreich – und nun kann man acht der 44 Städte, unter anderem in Libyen, im Irak, im Jemen, nicht mehr besuchen. Sie sind also doppelt verloren, dieser Teil unserer Vergangenheit, die Schönheit dieser Zivilisation sind uns nicht mehr zugänglich.

ZEIT: Richtig verschwunden sind sie aber nicht. Was meinen Sie genau mit "verlorenen" Städten?

De Tocqueville: Städte, die einst entstanden und dann gestorben sind, verlassen von den Bewohnern und vom Leben. Mir war wichtig, nicht nur Stätten der Antike oder amerikanische Geisterstädte zu zeigen, die wir aus dem Schulunterricht oder aus Filmen kennen, sondern auch Orte, die erst vor Kurzem zugrunde gegangen sind: Sie zeigen uns unsere eigene Zerbrechlichkeit.

ZEIT: Was fasziniert Sie an diesen Stätten?

De Tocqueville: Ich bin eine Vielreisende, man kann sagen, alte Steine sind meine Spezialität. Mich hat überrascht, dass der Atlas in Frankreich so erfolgreich war. Ich fragte mich: Warum brauchen Menschen derzeit dieses Buch? Ich vermute, es gibt einen Bedarf nach Nostalgie und etwas Poesie. Mit dem Buch kann man in jedem Abschnitt durch einen anderen Teil unserer Historie reisen.

ZEIT: Wie kamen Sie denn auf das Thema?

De Tocqueville: Das war, als ich nach Ma’rib im Jemen reiste, um über den französischen Abenteurer Henri de Monfreid zu schreiben. In der vorchristlichen Zeit war Ma’rib die Hauptstadt eines großen Reichs mit dem größten Staudamm der Antike – ich sah nur ein kleines Dorf in der Wüste und Steine, Steine, Steine. Nirgends ein Mensch. Und dann kam auf einmal ein Junge und gab mir einen Stein mit einer Inschrift. Das war wie Zauberei: Eine Metropole tauchte in meiner Fantasie auf.

Das Buch "Atlas der verlorenen Städte" ist im Frederking & Thaler Verlag erschienen. © Frederking & Thaler Verlag

ZEIT: Was lernt man durch den Besuch von Geisterorten?

De Tocqueville: Nun, mein Buch ist kein Reiseführer. Aber ich will zeigen, dass diese Städte voller Leben sind. Nehmen Sie Pompeji – man denkt, es sei eine tote Stadt. Doch die Touristenguides züchten dort sogar Tomaten. In Prypjat bei Tschernobyl gibt es wieder Tiere. Und in Hitlers Badeort Prora auf Rügen befindet sich heute eine Jugendherberge. Alles kommt zurück, es ist ein Kreislauf, das ist auch beruhigend. Die Geisterstädte sind wie ein Echo unseres Daseins.

"Ich bin nicht gerne Touristin"

Babylon, prägende Stadt des Altertums © Karin Doering-Froger /​ Frederking&Thaler Verlag

ZEIT: Wie meinen Sie das?

De Tocqueville: Es gibt Städte wie Pompeji, die die Poesie unserer Zivilisation spiegeln. Andere zeigen menschliche Dummheit, die dunkle Seite unserer Psyche: jene Orte, die von Kriegen ausradiert wurden, oder solche, die unserer Wirtschaftslogik zum Opfer fielen, wie das spanische Seseña, das von einem Spekulanten hochgezogen wurde, der sich dann wegen der Finanzkrise ins Ausland absetzte.

ZEIT: Sie haben 20 Geisterstädte besucht. Folgen Sie dabei einem Ritual?

De Tocqueville: Ich reise immer allein. Anders könnte ich mich nicht auf den Ort einlassen. Und ich mache nie Fotos, habe nicht einmal eine Kamera dabei. Sie wäre wie eine Wand zwischen mir und dem, was ich erlebe. Ich bin nicht gerne Touristin. Wenn ich allein reise, komme ich auch leichter mit Menschen ins Gespräch.

ZEIT: Worüber unterhalten Sie sich?

De Tocqueville: Ich bin dann wie eine Detektivin: Ich frage sie, ob sie den Ort mögen, wie ihr Alltag aussieht. Manchmal essen wir auch zusammen, so wie mit jener Familie in Djémila, einer alten römischen Stadt in Algerien. Die Landschaft ist wundervoll, man sieht nur grüne Bäume, weiße Steine und die Berge. Die Familie lebte so friedlich, war sehr offen – ich bin überzeugt, dass das an diesem wunderschönen Ort liegt. Ich war hingefahren, nachdem ich einen der Essays in Albert Camus’ Hochzeit des Lichts über Djémila gelesen hatte: über das Licht und den Wind in den Ruinen, die Stille und Einsamkeit dort. Ich hoffe, dass sich meine Leser nach der Lektüre auch selbst ein Bild machen wollen.

ZEIT: Hat diese Recherche Ihre Perspektive als Historikerin auf die Geschichte verändert?

De Tocqueville: Sie hat vor allem meinen Blick auf uns Menschen verändert. Wir sind wie der Wind, unsere Existenz schnurrt letztlich zusammen auf: nichts.

Angkor war vom 9. bis zum 15. Jahrhundert das Zentrum des historischen Khmer-Königreiches Kambuja © Karin Doering-Froger /​ Frederking&Thaler Verlag

ZEIT: Machen sich unterschiedliche historische Ansätze auch in verschiedenen Kulturen bemerkbar?

De Tocqueville: Oh ja. Leben und Tod spielen überall eine andere Rolle. Schauen Sie sich Indien an, wo der Tod etwas Positives ist, Teil eines Kreislaufs, kein Verschwinden – den Indern sind ihre Kulturschätze vollkommen egal. Die Amerikaner dagegen haben ihre Goldgräberstädte in Museen verwandelt, dem übermächtigen Drang folgend, ihre Vergangenheit zu glorifizieren. Und die Algerier leben vor allem in der Gegenwart. Das, was war, ist sicher nicht ihre größte Sorge. Und so setzten sie in der Kasbah eben Balken aus Beton und Plastik ein, um die Zerstörung zu stoppen. Furchtbar!

ZEIT: Sie betonen, Ihr Buch sei kein Reiseführer. Aber viele der Orte gelten als Touristenattraktionen. Finden Sie das gut oder schlecht?

De Tocqueville: Sehr gut! Je mehr Menschen diese Städte besuchen, desto besser. Ich habe zwar keine Adressen aufgelistet und gebe keine konkreten Tipps, aber das Buch sollte eine Einladung sein, selbst hinzureisen.

ZEIT: Grenzt das nicht in einigen Fällen an Katastrophentourismus?

De Tocqueville: Im Falle von Prypjat auf jeden Fall. Das ist Voyeurismus, kein guter Tourismus – auch in Varosia, diesem Niemandsland auf Zypern, das die türkische Armee 1974 besetzte. Heute ist es eine verbotene Zone, überall Wachposten und Stacheldraht. Aber direkt daneben steht ein Hotel, das Zimmer "mit Ruinenblick" anbietet, den Blick auf ein geteiltes Land. Die Zyprer fühlen sich von diesem Voyeurismus verletzt.

ZEIT: Im chinesischen Shi Cheng, wegen eines Staudamms überflutet, gibt es sogar Tauchsafaris. Ganz schön morbide.

De Tocqueville: Aber es ist wichtig für die Bevölkerung, auf diese Weise ihren Wurzeln, ihrer alten Heimat nachspüren zu können. Die chinesische Regierung hat das begriffen und ihre Politik geändert: Sie legt nun Wert darauf, die Ruinen unter Wasser zu bewahren.

ZEIT: Wenn Sie nicht gerade reisen, leben Sie in Paris – keine Geisterstadt, aber verlorene Orte gibt es dort sicher auch, oder?

De Tocqueville: Ja, natürlich. Wer durch die Rue Monge geht, ahnt nicht, was hinter den Häusern versteckt liegt. Den Durchgang sieht nur, wer weiß, wonach er sucht. Und auf einmal steht man in einem alten römischen Amphitheater. Heute spielen dort Kinder nach der Schule. Paris ist voller Geisterorte. Es ist wie in Ma’rib: Man sieht nur die Spitze eines Eisbergs.