Acht Antworten – Seite 1

Niemand wundert sich, wenn Kinder nach ihren Eltern kommen. Die Nase – ganz der Vater! Das Lachen – wie die Mutter. Auch staunt man nicht, wenn Neugierde und Schwermut oder die Anfälligkeit für Diabetes und Herzleiden vererbt werden. Weist jemand allerdings darauf hin, dass auch die Intelligenz der Menschen genetisch geprägt ist, rührt er an ein Tabu. Wird die Behauptung gar mit politischen Thesen verbunden, ist der Teufel los. Lernforscher sprechen daher lieber etwas verschämt von den "kognitiven Grundfähigkeiten", wenn sie Intelligenz meinen. Doch wie hängen diese von unseren Genen ab? Was lässt sich daraus ableiten – und was nicht? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Zusammenhang von Intelligenz und Vererbung.

1. Was ist Intelligenz?

Tatsächlich gibt es eine Unzahl von Definitionen für Intelligenz. In der Wissenschaft durchgesetzt hat sich der Begriff general intelligence, kurz g, der auf den britischen Psychologen Charles Spearman zurückgeht. Ihm war Anfang des vorigen Jahrhunderts aufgefallen, dass sich die Leistungen einzelner Probanden bei geistigen Kernkompetenzen stark ähneln. Deshalb postulierte er, dass sie alle durch einen gleichen Faktor angetrieben werden müssen. Diese "generelle Intelligenz" ist zwar nicht deckungsgleich mit den verschiedenen Aspekten menschlichen Denkens, aber es repräsentiert sie sehr zuverlässig.

Man kann es auch so ausdrücken wie der amerikanische Psychologe Edwin Boring: "Intelligenz ist das, was Intelligenztests messen." Tatsächlich wird heute der "g-Faktor" anhand verschiedener Aufgaben gemessen. Dabei werden Grundleistungen des Gehirns abgefragt, etwa abstraktes Denken, Merkfähigkeit oder räumliches Vorstellungsvermögen, in denen g wirksam wird. Aus den Ergebnissen errechnet man dann den Intelligenzquotienten IQ. Bemerkenswert ist, dass Menschen mit hohem IQ häufiger als andere auch über hohe Kreativität verfügen und Überdurchschnittliches in künstlerischen Bereichen leisten.

Hirnforschung - Was macht ein Gehirn intelligent?

2. Was heißt hochbegabt?

Testet man genügend Menschen mit vergleichbarem Hintergrund, bildet die Gesamtheit der Ergebnisse eine sogenannte Normalverteilung, die die Form einer Glockenkurve hat: In der Mitte liegen die meisten Werte, zu den Rändern hin nimmt die Häufigkeit immer mehr ab. Dabei wird dem Scheitelpunkt der "Glocke", der also der durchschnittlichen Intelligenz entspricht, definitionsgemäß der IQ-Wert 100 zugeschrieben. Nach den Regeln der Statistik befinden sich dann über 95 Prozent der Probanden zwischen dem IQ-Wert von 71 und 130. Dieser Bereich ist die normale Schwankungsbreite der Intelligenz. Wer unter 71 liegt, gilt als geistig behindert, wer über 131 getestet wird, zählt statistisch zu den Hochbegabten (was nicht garantiert, dass er oder sie auch Herausragendes leistet).

3. Was sagt der IQ aus?

Intelligenz ist tatsächlich ein wichtiger Erfolgsfaktor im Leben. Der IQ hat großen Einfluss auf beruflichen Erfolg und Einkommen. Ebenso sind intelligente Menschen körperlich gesünder, psychisch stabiler und dadurch im Schnitt mit einem höheren Alter gesegnet. Der IQ ist eine erstaunlich stabile Eigenschaft: Die Werte in der Kindheit bleiben über das ganze Leben ziemlich unverändert. Dabei ist ein hoher IQ ein zusätzlicher Vorteil im Alter, wie der Kognitionspsychologe Ian Deary durch Zufall herausfand. Vor Jahren entdeckten er und seine Mitarbeiter stapelweise verstaubte IQ-Tests in alten Aktenschränken. Es waren die Ergebnisse des Scottish Mental Survey aus den Jahren 1932 und 1947. Je über 70.000 Schulkinder waren damals getestet worden. Die Forscher konnten über 1.500 der inzwischen 78 und 93 Jahre alten Probanden überreden, den Test zu wiederholen. Das Ergebnis war verblüffend: Nicht Ausbildung, körperliche Fitness oder Lebensstil waren entscheidend für die geistige Leistung im hohen Alter – sondern die Intelligenz mit elf Jahren. Selbst 80 Jahre nach ihrem Test in der Schule hatten die klugen Kinder auch im Alter kaum an IQ eingebüßt, die weniger Begabten hingegen abgebaut. Hohe Intelligenz in der Jugend schützt vor geistigem Verfall im Alter, lautet das Fazit der Forscher. Dazu zitiert Ian Deary gerne Fred Astaire: "Mit dem Erfolg beginnt man am besten früh."

Wird Intelligenz vererbt?

4. Wird Intelligenz vererbt?

Wie es um die Erblichkeit der "kognitiven Grundfähigkeiten" bestellt ist, beschäftigt die Psychologie und Humangenetik, solange es beide Disziplinen gibt. Dennoch ist die genetische Basis von IQ-Unterschieden bis heute nicht aufgeklärt. Das liegt dran, dass die kognitiven Fähigkeiten des Gehirns zwar genetisch gesteuert sind, jedoch nicht nach den simplen Mendelschen Regeln, die man im Biologieunterricht lernt. Zudem stehen die Gene wie bei anderen komplexen Eigenschaften im steten Wechselspiel mit der Umwelt, die auf Menschen einwirkt. Gene haben also einen massiven Einfluss, sind aber nicht allein bestimmend.

Das lässt sich an einem einfachen, aber ähnlichen Beispiel erklären: der Körpergröße. Auch sie ist kein Ja/Nein-Merkmal (wie etwa die Bluterkrankheit), das man entweder hat oder nicht. Bei der Körpergröße geht es, wie bei der Intelligenz, vielmehr um quantitative Unterschiede. Die Differenz zwischen Lionel Messi (1,69 Meter) und Dirk Nowitzki (2,13 Meter) ist dabei zum Großteil genetisch bedingt. Das heißt zwar nicht, dass die Erbanlagen diese Eigenschaft genau bestimmen; die Gene setzen aber ein oberes (und unteres) Limit. Innerhalb dieser Grenzen hängt es dann von anderen Faktoren ab – etwa von Ernährung oder Umweltreizen –, wie sich ein Mensch individuell entwickelt.

5. Wie misst man den Anteil der Gene?

Die wichtigste Datenquelle für die Messung von Erblichkeitsfaktoren sind Studien mit Zwillingspaaren. Man untersucht etwa, wie sich das Denkvermögen von Zwillingen entwickelt, die kurz nach ihrer Geburt getrennt wurden und bei Adoptiveltern aufwuchsen. Sie teilen ähnliche Gene, aber nicht dieselbe Umwelt. Ebenso kann man die Intelligenzwerte von eineiigen Zwillingen (mit identischen Erbanlagen) mit jenen zweieiiger Zwillinge (deren Gene nur zu 50 Prozent identisch sind) vergleichen. Auf diese Weise erhält man dann statistische Aussagen über den Vererbungsgrad der Intelligenz.

Allerdings gilt es dabei einiges an Kleingedrucktem zu beachten: So ist etwa eine Aussage wie "Die Hälfte meiner Intelligenz liegt in meinen Genen" ebenso unsinnig wie die Angabe "Meine Durchschnittsgröße ist 1,85 Meter". Mithilfe der Statistik lässt sich jeweils nur die Differenz zwischen klugen und weniger klugen Menschen erfassen. Auch muss man sich vor Verallgemeinerungen hüten. Die Ergebnisse einer entsprechenden Studie gelten nur für die untersuchte Population. Übertragen lassen sie sich allenfalls auf ähnliche Gruppen, die denselben sozioökonomischen Status, denselben kulturellen Hintergrund und das Alter teilen. Wer allerdings aus IQ-Vergleichen zwischen den Kindern türkischer Migranten und denen von deutschen Wohlstandsbürgern auf genetische Unterschiede zwischen beiden Gruppen schließt, missachtet die Gesetze der Statistik. Auf diese Weise geriet auch der ehemalige Bundesbanker und Bestsellerautor Thilo Sarrazin auf den Holzweg. Die IQ-Differenz zwischen Bevölkerungsgruppen kann auch auf verschiedenen Umweltbedingungen beruhen.

6. Wie groß ist der Einfluss der Gene?

Wenn man diese Einschränkungen beachtet, sind die Ergebnisse der Zwillingsstudien eindeutig. Über das ganze Leben betrachtet, sind etwa 50 Prozent der IQ-Unterschiede auf die Vererbung zurückzuführen, über die anderen 50 Prozent wissen Forscher noch wenig. Die Gene determinieren zwar nicht komplett die Intelligenz, haben aber einen erheblichen Einfluss. Dass also Politiker wie der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel während der Sarrazin-Debatte jeglichen Zusammenhang von Intelligenz und Vererbung bestritten, mag politisch opportun gewesen sein. Biologisch war es falsch.

Letztlich ist die Intelligenz eines Gehirns ein Produkt seiner Nervenzellen, der Anzahl und Architektur ihrer Verbindungen und der Rechengeschwindigkeit in den Neuronennetzen. Dabei sind schätzungsweise 10.000 Gene an Aufbau und Funktion des Großhirns beteiligt. Allerdings reagieren viele der Erbanlagen erst auf äußere Einwirkungen, die darüber bestimmen, ob die Gene an- oder abgeschaltet werden, ob sie häufiger oder seltener in Aktion treten. Das heißt: Die Codes in den Genen liegen zwar bei jedem Menschen fest. Dennoch verändern die Umwelteinflüsse über diese Gene ständig die Tätigkeit des Gehirns.

7. Welche Gene machen intelligent?

Dieses Thema ist den Humangenetikern ausgesprochen unangenehm. Bei allen komplexen Eigenschaften stecken die Wissenschaftler nämlich in derselben Malaise: Sie entdecken zwar viele relevante Stellen im Erbgut, doch deren einzelne Beiträge zur Erblichkeit sind äußerst gering.

Bislang hatten die Genetiker keinerlei biologische Erklärung für die statistische Verteilung und Vererbung des IQ zu bieten. Nun hat das Forscherteam von Ian Deary 13 Stellen im Erbgut identifiziert, die zusammengenommen ein Prozent der statistischen Unterschiede erklären, das entspricht zwei IQ-Punkten in individuellen Intelligenztests. Vielleicht aber sind es gar nicht die Gene selbst, die den Unterschied zwischen Minderbemittelten und Superhirnen ausmachen; sondern eher die Steuerelemente im Erbgut, die bestimmen, ob und wie häufig eine Erbanlage abgelesen, also wirksam wird. Hochintelligente Menschen können womöglich ihre Gene besser einsetzen und ein leistungsfähigeres Großhirn aufbauen.

Forscher haben zudem entdeckt, dass die Bedeutung der Gene sich im Laufe des Lebens drastisch verändert: Testet man Kleinkinder, lässt sich nur ein Fünftel der IQ-Differenzen auf genetische Disposition zurückführen. Bei 13-Jährigen ist es bereits die Hälfte, bei Erwachsenen steigt die Erblichkeit schließlich auf 70 Prozent und mehr. Vielleicht liegt es daran, dass unser Gehirn bis zum 30. Lebensjahr reift und die genetische Veranlagung sich dabei immer stärker ausprägt. Manche Forscher, wie Robert Plomin, vermuten auch, dass Menschen sich jeweils die Umwelt suchen, die ihrer Veranlagung entspricht.

8. Haben kluge Eltern kluge Kinder?

Nicht unbedingt, es gilt vielmehr das Paradox, dass hochintelligente Eltern in der Regel Kinder mit niedrigerem IQ bekommen – und wenig intelligente Menschen im Schnitt klügere Nachkommen. Dieser Effekt nennt sich Regression zur Mitte. Seine Ursache ist, dass die Erblichkeit der Intelligenz eben nur 50 Prozent beträgt. Wäre sie null, hätten die Eltern keinen Einfluss, die Intelligenz ihrer Kinder läge im Durchschnitt bei einem IQ von 100. So jedoch kann ein kluges Paar, bei dem beide einen IQ von 120 haben, bei seinen Kindern statistisch einen IQ von 110 erwarten – genau zwischen normalem Mittel und elterlichem Wert. Eltern mit einem IQ von 80 dagegen haben im Schnitt Kinder mit einem IQ von 90. Bekommen diese Kinder ihrerseits (mit gleich intelligenten Partnern) Nachwuchs, liegt deren IQ dann bei 95, also fast auf Normalniveau.

Deshalb ist auch die Angst unbegründet, dass materiell und intellektuell unterprivilegierte Schichten, die mehr Kinder bekommen, die Geistes- und Innovationskraft einer Gesellschaft unterminieren – oder dass sich "Deutschland abschafft", wenn vermeintlich minderbegabte Migranten mit vielen Kindern ins Land kommen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio