Ist es überraschend, dass der Westdeutsche Rundfunk (WDR) mehrere Millionen Euro ausgab, um Thomas Gottschalk 2011 als Moderator zu gewinnen? Nein, denn er war nach seinem Ausstieg bei Wetten, dass..? immer noch einer der größten TV-Stars im Land. Überraschend ist aber, was vergangene Woche öffentlich wurde: dass der WDR auch den Absturz des Quotenkönigs mit sehr viel Geld abfederte.

Der Vertrag mit dem Entertainer sah nämlich vor, dass die Gesamtgage von 4,6 Millionen Euro für ein Format namens Gottschalk live auch bei Misserfolg fließt – und Gottschalk live wurde zu einem großen Misserfolg. Nach nur wenigen Monaten setzte der WDR die Sendung im Juni 2012 wegen schlechter Quoten ab, er strahlte gerade mal 70 statt der geplanten 144 Folgen aus. Gottschalk bekam dennoch das volle Honorar, zu großen Teilen fürs Nichtstun.

Die damalige WDR-Intendantin Monika Piel kann in dem Vorgang nichts Anrüchiges erkennen. "Der Vertrag mit Gottschalk lief korrekt und wurde mittels Werbeeinnahmen finanziert", sagt sie der ZEIT.

Rechtlich ist der Deal tatsächlich nicht zu beanstanden. Zudem flossen keine Einnahmen aus Rundfunkgebühren an Gottschalk. Das Honorar stammte zu hundert Prozent aus Werbeeinnahmen. Dennoch wirft der Fall grundlegende Fragen zum Geschäftsgebahren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf. Der finanzierte Gottschalk immerhin einen goldenen Fallschirm und folgte damit einer Praxis, die man sonst nur aus der manchmal realitätsfernen Welt der Topmanager kennt. Dazu kommt die Heimlichtuerei: Ausgehandelt hat den Vertrag nicht der Sender selbst, sondern eine seiner Töchter, die WDR mediagroup GmbH. Das macht zwar auf den ersten Blick keinen Unterschied, weil das Unternehmen zu hundert Prozent dem WDR gehört. Durch die Konstruktion war aber die Zustimmung des Verwaltungs- und Rundfunkrats nicht nötig.

Die Frage, die sich jetzt stellt, lautet nicht: Sollte ein Moderator so viel Geld verdienen? Das regelt der freie Markt, der eben auch für subventionierte Sendeanstalten gilt. Sie lautet vielmehr: Sollte eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt so viel Geld für einen Moderator ausgeben? Und: Muss sie das tun, um wettbewerbsfähig zu bleiben? Braucht es dazu Extra-Kassen wie die der WDR mediagroup?

Innerhalb der ARD-Werbegesellschaften ist die WDR mediagroup die größte, sie erzielte im Jahr 2013 fast ein Viertel der Netto-Umsatzerlöse. Geld, mit dem das Vorabendprogramm zwischen 18 und 20 Uhr aufgehübscht werden soll, so wie mit dem Gottschalk-Format. Verträge, die die WDR mediagroup abschließt, müssen die Gremien der Anstalten nicht genehmigen, auch wenn die Mitglieder aus Rundfunk- und Verwaltungsrat Bescheid wissen, weil viele von ihnen auch im Aufsichtsrat der Werbetochter sitzen.

Ein weiterer Weg, hoch dotierte Verträge mit Moderatoren abzuschließen, ohne die offiziellen Sendergremien damit zu belasten, ist die Degeto. Das ist die Filmeinkaufsorganisation der ARD, die sich an Produktionen wie dem Tatort beteiligt. Der Vertrag mit Dauerquizzer Jörg Pilawa beispielsweise wurde über sie abgewickelt, die Gremien mussten ihn daher nicht absegnen.

Einer der prominentesten und teuersten auf diesem Wege Beschäftigten war Harald Schmidt: Vor mehr als zehn Jahren holte Fritz Pleitgen, damals WDR-Intendant, den Late-Night-Talker von Sat.1 zur ARD. Rund acht Millionen Euro jährlich kostete die Show, die zweimal wöchentlich ausgestrahlt wurde. Auch Schmidts Vertrag lief über die Degeto, und wie bei Pilawa und Gottschalk wurden weder der Rundfunk- noch der Verwaltungsrat um Zustimmung gefragt.

Im Gespräch hat Fritz Pleitgen heute Schwierigkeiten, sich an Details des Schmidt-Deals zu erinnern, er betont jedoch immer wieder, dass ihm dabei schon damals "nicht behaglich zumute" gewesen sei. Es habe ihn gestört, dass die Abwicklung an den Gremien vorbeigelaufen sei, sagt er. Doch Harald Schmidt sei eben "schon eine Nummer", die ARD profitiere von solch einem Moderator.

"Schon eine Nummer" im Showbusiness zu sein bedeutet, einen hohen Marktwert zu haben, der auch dem Sender zugutekommt, in dem diese "Nummer" auftritt. Das sieht man an Moderatoren wie Stefan Raab, der bisweilen den Eindruck vermittelt, das ProSieben-Programm ganz allein zu bestreiten. In einer Stellungnahme zu dem Gottschalk-Fall argumentiert der WDR denn auch mit genau diesem "Marktwert" des beliebten Showmasters, den man mit dem Vertrag damals exklusiv an das Erste gebunden habe.

"Es gibt nun einmal nicht viele talentierte Entertainer", hat ARD-Programmdirektor Volker Herres vor ein paar Jahren einmal gesagt. "Die wachsen nicht auf den Bäumen." Damit suchte er zu rechtfertigen, dass man den wenigen Guten sehr viel Geld zahlt. Monika Piel sagt nun, dass man sich natürlich fragen könne, ob derart hohe Summen für Moderatoren angemessen seien, "das ist ja wie bei Fußballspielern. Andererseits müssen wir auch sehen, was der Markt bietet."

Die Verträge zwischen der WDR mediagroup GmbH und Thomas Gottschalk hatte die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm e. V. (AG DOK) öffentlich gemacht. Ihre Kritik: Gottschalk bekam Millionen fürs Nichtstun, während Dokumentarfilmer schlecht bezahlt würden. Monika Piel entgegnet nun: "Im Vorabendprogramm können wir keine Dokumentationen senden. Das Geld, das wir für Gottschalk ausgegeben haben, wäre nicht in den Einkauf von Dokumentationen geflossen." Soll heißen: Die Dokumentationen hätte entweder kaum jemand angeschaut, oder aber es hätten sich keine Unternehmen gefunden, die in deren Umfeld werben wollten.

Darüber, wie die Öffentlich-Rechtlichen die Gebühren ausgeben, diskutieren Politiker und Öffentlichkeit schon lange. Besonders die Frage, ob sie auch noch Werbeeinnahmen benötigen, ist dabei umstritten. Die Diskussion ging kürzlich wieder los, nachdem bekannt geworden war, dass die Mehreinnahmen durch die im Jahr 2013 eingeführte Haushaltsabgabe allein im vergangenen Jahr 643 Millionen Euro betrugen.