Der Himmel und das Gras haben unendlich viel Platz in der Mitte Kasachstans. Hungersteppe hat jemand diese Gegend genannt, und der Name passt. Keine Bäume unterbrechen den Blick zum Horizont, es gibt keine Gipfel, keine Abwechslung. Von den Tieren, die hier überleben können, sind die Saiga-Antilope die erstaunlichsten.

Jedes Frühjahr schließen sie sich zu Herden von mehreren Zehntausend zusammen und bringen binnen zehn Tagen ihre Kälber zu Welt. Eigentlich ist der Mai der Monat des Lebens für die Saigas. In diesem Jahr war er der Monat eines Massensterbens.

Wenigstens 120.000 Tiere sind innerhalb von zwei Wochen verendet, die Zahl ist wohl noch nicht endgültig. Das entspricht fast der Hälfte der gesamten Weltpopulation. Für die Art, die auf der roten Liste als "stark gefährdet" geführt wird, ist das eine Katastrophe.

Als Steffen Zuther, Ökologe der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, sich am 10. Mai in seinen Geländewagen setzte, wollte er eigentlich den Start der Geburtssaison dokumentieren. Stattdessen sah er schon auf dem Weg zur Herde tote Tiere am Straßenrand liegen. "Normalerweise würde man dort ein oder zwei liegen sehen, aber es waren viel mehr", sagt Zuther. Als er die Herde erreichte, hatte das Sterben schon begonnen. Die Kalbeplätze der Antilopen, normalerweise ein "Meer aus Saigas", wie Zuther sagt, sind zu einem gigantischen Totenbett geworden. Es ist, als wären die Tiere aus der Steppe zum kollektiven Sterben zusammengekommen.

Woran, weiß niemand. Die Saigas leiden an einer mysteriösen Krankheit, die sie binnen weniger Stunden derart schwächt, dass sie nicht mehr laufen können. Die Antilopen liegen am Boden, bekommen Durchfall, und Blut mischt sich in den Kot. Das Atmen fällt ihnen immer schwerer, Schaum läuft ihnen aus dem Maul, und nach wenigen Stunden sind sie gestorben. Manche Kälber saugen noch Milch aus dem Euter ihrer toten Mütter, doch wenig später sind auch sie nicht mehr am Leben. Die Symptome deuten daraufhin, dass ein oder mehrere Krankheitserreger am Werk sind.

Das kasachische Agrarministerium ließ auf einer Pressekonferenz verkünden, dass das Bakterium Pasteurella verantwortlich sei. Der Keim kann schwere Infektionen verursachen. Doch er lebt auch in gesunden Tieren – als alleinige Erklärung taugt er also nicht.

"Es muss irgendeine Art von Stress geben, der das Immunsystem schwächt, damit Pasteurella solch verheerende Auswirkungen hat", sagt Richard Kock, Tierarzt und Professor am Londoner Royal Veterinary College. Er will der Ursache des Ausbruchs auf den Grund gehen. Als er von der Katastrophe hörte, kaufte er sich ein Flugticket. Er musste sich beeilen, denn in der Vergangenheit dauerten solche Massensterben selten länger als zehn Tage. Kock kam rechtzeitig. Er obduzierte 15 Tiere und entnahm ihnen Gewebeproben, die derzeit in Labors in Kasachstan und England untersucht werden. "Wir beginnen, ein vollständiges Bild zu sehen, aber wir müssen warten, bis wir alle Details zusammenhaben", sagt der Tierarzt.

Viel spricht dafür, dass eine Infektionskrankheit nicht die alleinige Ursache ist, sondern mehrere Faktoren zusammengekommen sind. "Wir hatten ein sehr feuchtes Frühjahr. Das kann die Vegetation so verändert haben, dass die Saigas proteinreichere Nahrung aufgenommen haben", sagt Til Dieterich von der Baku State University in Aserbaidschan. Diese Ernährung kann das Gleichgewicht im Verdauungstrakt stören und Krankheitssymptome verursachen. Dieterich kennt die Region gut, er lebt und arbeitet hier seit Jahren. Er hält es für möglich, dass das Massensterben nicht Folge einer Infektion ist, sondern zur Ökologie der Art gehört. Denn die Saigas sind extrem reproduktiv. Die Kühe werden schon mit sieben Monaten geschlechtsreif und bringen im ersten Jahr ein Kitz zur Welt, danach jeweils Zwillinge. Unter optimalen Bedingungen kann eine Herde um 60 Prozent in einem Jahr wachsen.

Trotzdem stand die Art 2003 kurz vor ihrer Ausrottung. Von den mehr als eine Million Saiga-Antilopen, die vor ein paar Jahrzehnten durch die Steppe zogen, waren nur noch 21.000 übrig geblieben. Elf Jahre später war die Zahl der Tiere dann wieder auf rund 275.000 angewachsen – ein erstaunlicher Schutzerfolg. "Wenn wir Glück haben, sind jetzt vielleicht noch 100.000 Antilopen übrig", sagt Richard Kock. Immer noch genug, um eine stabile Population aufzubauen.

Noch gibt es keine endgültigen Opferzahlen. Die Behörden vergraben die toten Tiere in der Steppe und zählen sie dabei. Das Agrarminsterium hat erklärt, das Sterben sei vorbei, allerdings gibt es unbestätigte Berichte von weiteren Herden, die an der rätselhaften Krankheit leiden.

Die Wilderei war bislang die größte Bedrohung für die Art. Die Saigas gehören zwar zu den schnellsten Landtieren, aber den Geländewagen und Motorrädern der einheimischen Jäger können sie nicht entkommen. Die Wilderer schießen die männlichen Tiere und schneiden ihnen die Hörner aus dem Kopf. 80 US-Dollar pro Stück bringen die Trophäen auf dem Schwarzmarkt.

Die Kombination aus Wilderei und dem Massensterben werfen die Schutzbemühungen um Jahre zurück. "Das zu sehen bricht einem das Herz", sagt Richard Kock. Für die Steppe wäre es fatal, wenn die Saigas verschwinden würden. Die großen Herden, die zwischen Sommer- und Winterquartier umherziehen, verteilen Pflanzensamen in der Region, sorgen mit ihrem Kot dafür, dass Nährstoffe wie Stickstoff zurück in den Boden gelangen, und halten die Vegetation kurz. Sie sind ein zentraler Schutz des gesamten Ökosystems.

Kock hofft, dass seine und Zuthers Untersuchungen zur Rettung der Tiere beitragen können. Nie zuvor waren Wissenschaftler so nahe an dem Mysterium: Was tötet die Saiga-Antilopen?