Wenige Stunden vor seinem Tod trifft sich Heinz-Joachim Neubürger mit einem Freund beim Italiener. Der wird später sagen, dass Neubürger auf ihn an diesem Abend etwas fahrig gewirkt habe, ansonsten sei ihm nichts Besonderes aufgefallen. Sie bestellen Fischfilet und eine Flasche Lugana. Gegen halb elf steigt Neubürger in die Straßenbahn und fährt nach Hause. Später setzt er sich noch mal ins Auto und fährt in Richtung Süden. Wenige Kilometer von Neubürgers Haus in München-Harlaching entfernt steht eine große Eisenbahnbrücke, unter den Gleisen verläuft ein Fußgängerüberweg. Aus 31 Metern Höhe stürzt sich Neubürger in den Tod.

Heinz-Joachim Neubürger war einmal Finanzvorstand der Siemens AG. Den Mächtigen der deutschen Industrie galt er als einer ihrer Besten. So gut, dass viele ihn schon als Vorstandsvorsitzenden des Münchner Konzerns sahen. Sogar den Chefposten der Deutschen Bank traute man ihm zu.

Doch dazu kam es nicht. Ende 2006 wurde Siemens von einer Korruptionsaffäre erschüttert, die sich zum größten Schmiergeldskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte auswuchs. Neubürger und andere Ex-Vorstände wurden beschuldigt, von dem gigantischen System schwarzer Kassen im Konzern gewusst und es sogar gedeckt zu haben. Keiner wehrte sich so vehement gegen die Vorwürfe wie der einstige Finanzchef. Bis zuletzt kämpfte er um seine Unschuld.

Die Geschichte von Heinz-Joachim Neubürger ist die vom Aufstieg und vom Niedergang eines Mannes, der alles für sein Unternehmen gegeben hat, bis ihm nichts mehr blieb, nicht einmal seine Ehre. Sie ist auch ein Lehrstück über die Gnadenlosigkeit des öffentlichen Prangers.

Neubürgers Suizid ist nur der jüngste in einer Reihe von Selbstmorden unter Topmanagern. Am 26. Januar 2014 erhängte sich der ehemalige Deutsche-Bank-Manager William Broeksmit in seiner Wohnung in London. Am selben Tag stürzte sich Tata-Motors-Chef Karl Slym aus dem 22. Stock eines Luxushotels in Bangkok. Im August 2013 erhängte sich der Finanzchef der Zurich-Versicherung, Pierre Wauthier, in seinem Haus in der Schweiz. Einen Monat zuvor war Carsten Schloter, Chef des Telekommunikationskonzerns Swisscom, zu Hause tot aufgefunden worden.

So unterschiedlich die Fälle im Einzelnen sind, sie alle fallen in eine Zeit, in der der Druck auf Manager enorm gestiegen ist. Investoren fordern mehr denn je gute Zahlen. Analysten, Regulierer, Aufsichtsräte, Kunden verlangen Rechenschaft, weltweit und jederzeit. Und wer wie Neubürger erst mal unter Verdacht gerät, wird öffentlich schnell verurteilt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Die Geschichte von Heinz-Joachim Neubürger ist deshalb so tragisch, weil es kurz vor seinem Tod so ausgesehen hatte, als hätte sein Kampf ein Ende gefunden, mit dem der Manager hätte leben können. Nachdem die Münchner Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen längst eingestellt hatte, schloss Neubürger im Sommer 2014 auch mit Siemens einen Frieden, einen Vergleich, bei dem er zwar 2,5 Millionen Euro an den Konzern zahlen, aber keine persönliche Schuld auf sich nehmen musste. Am 27. Januar 2015 segneten die Aktionäre der Siemens AG diese Vereinbarung mit 99,6 Prozent der Stimmen ab – und der Konzern zog nach mehr als acht Jahren einen Schlussstrich unter den dunkelsten Abschnitt seiner jüngeren Firmengeschichte. Acht Tage später, in der Nacht des 5. Februar 2015, machte Neubürger Schluss: mit 62 Jahren.

Warum?

Heinz-Joachim Neubürger wird 1953 in Marl im Ruhrgebiet geboren. Der Vater ist leitender Angestellter, die Mutter Hausfrau, deutsche Mittelschicht. Der Sohn zeigt früh, dass er höher hinaus will: Abitur, Kaufmannslehre, MBA an der französischen Kaderschmiede Insead. Danach heuert er bei der Investmentbank J.P. Morgan an. Nach Stationen in New York, Frankfurt und Tokio wird Heinrich von Pierer, der damalige Siemens-Chef, auf den jungen Banker aufmerksam, der für ihn den Bau eines Kernkraftwerks in der Türkei finanziert – "und zwar ausgesprochen kreativ und obendrein hundertprozentig verlässlich", wie Pierer in seiner Biografie Gipfel-Stürme lobt. Der junge Neubürger, das ahnte Pierer schon damals, wird es einmal weit bringen.

Also holt Pierer ihn 1989 in seine Finanzabteilung, die bei Siemens immer schon eine besondere Stellung hat. Lange galt der Konzern als "Sparkasse mit angeschlossener Elektroabteilung". 1998 übernimmt Neubürger das Finanzressort. Mit gerade mal 45 Jahren sitzt er auf einem der einflussreichsten Posten der deutschen Industrie.

"Sanieren, verkaufen, schließen oder kooperieren" lautet Neubürgers abgewandelter Leitspruch der General-Electric-Legende Jack Welch. Der Finanzchef möchte den Investoren gefallen, nicht den Ingenieuren, die Siemens am liebsten auf ewig konservieren würden. Er richtet den Traditionskonzern stärker auf die Kapitalmärkte aus und macht die langweilige Siemens-Aktie zum Börsenliebling. Das beeindruckt Pierer. Zusammen bilden sie ein ideales Gespann: Pierer repräsentiert den Konzern nach außen, Neubürger fädelt die Deals im Hintergrund ein.

Viele sehen ihn schon als den zukünftigen Mr. Siemens, doch dann macht Pierer einen anderen im Vorstand zu seinem Nachfolger: Klaus Kleinfeld, der zuvor das US-Geschäft saniert hatte. Neubürger, der Finanzchef bleibt, kann mit dem machtbewussten Kleinfeld nicht. Es kommt zum Zerwürfnis. Im Frühjahr 2006 verlässt er den Industriekonzern nach 17 Jahren und heuert bei der US-Beteiligungsfirma Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) in London an. Neubürger geht als geschätzter Mann.

"Er war einer der besten Finanzvorstände, den die deutsche Wirtschaft je hatte", sagt Joachim Faber, der frühere Allianz-Vorstand und heutige Aufsichtsratschef der Deutschen Börse. "Ein Mann der Prinzipien, dazu ein absoluter Profi", urteilt Heinrich von Pierer heute. "Wir waren nicht immer einer Meinung, und wenn nicht, dann hatte er oft recht", sagt Siemens-Chef Joe Kaeser, der viele Jahre unter Neubürger gearbeitet hatte, bevor er ihn als Finanzvorstand beerbte.

Akkurat, integer, prinzipientreu

Nach Neubürgers Tod erscheinen großformatige Traueranzeigen in überregionalen Tageszeitungen: Als "Vorbild an Integrität und Kompetenz" würdigen ihn die Alumni von J.P. Morgan. Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Börse loben "seine klaren Wertvorstellungen und sein ausgeprägtes Rechtsempfinden". Freunde schreiben: "Seine Geradlinigkeit und Verlässlichkeit waren uns Kompass und Maßstab."

Akkurat, integer, prinzipientreu, diese Begriffe fallen immer wieder, wenn man Freunde, einstige Kollegen und Geschäftspartner nach Neubürger fragt. Seine erwachsene Tochter erzählt, wie sie als Kind einmal Ärger mit dem Vater bekam, als sie vom Bäcker zurückkam, mit zehn Pfennig Restgeld zu wenig in der Tasche. Sie hatte sich einen Schlumpf aus Weingummi gekauft, ohne vorher zu fragen. Penibel, ja pedantisch könnte man das nennen oder in höchstem Maße korrekt. "Ich bin ein Ordnungsfanatiker", sagte Neubürger einmal selbst über sich.

Sein Selbstbild wurde jäh erschüttert, als die Siemens-Korruptionsaffäre im November 2006 mit einer Großrazzia durch 200 Fahnder und Staatsanwälte ans Licht kam. Die Ermittler stießen auf rund 4300 illegale Zahlungen und mehr als 330 dubiose Projekte – von Kraftwerksturbinen im Irak bis hin zu fälschungssicheren Ausweisen in Argentinien. 1,3 Milliarden Euro flossen zwischen 2001 und 2007 über dunkle Kanäle und schwarze Kassen an ausländische Amtsträger und sogenannte Geschäftsberater.

Bei Siemens ließen die Ermittler keinen Stein auf dem anderen. Der Konzern, der aufgrund seiner Notierung an der New Yorker Börse empfindliche Strafen von amerikanischen Behörden befürchten musste, beauftragte die US-Sozietät Debevoise & Plimpton mit der Aufklärung. 100 Anwälte rückten bei Siemens ein, durchforsteten Millionen von Dokumenten, führten 1750 Interviews. Und kosteten am Ende 850 Millionen Dollar.

Auch die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelte und nahm fast die komplette ehemalige Führungsriege ins Visier: Heinrich von Pierer, der inzwischen Aufsichtsratschef war, sowie zehn Ex-Vorstände, unter ihnen Heinz-Joachim Neubürger. Ihm wurde vorgeworfen, von Ungereimtheiten im Konzern gewusst zu haben und Hinweisen auf auffällige Zahlungen nicht nachgegangen zu sein.

Das US-Justizministerium hat die Korruptionsermittlungen in einem ausführlichen Bericht zusammengefasst. Namentlich genannt wird Neubürger darin nicht, aber es ist klar, dass mit "Officer C" er gemeint ist, der "Finanzvorstand von Siemens von 1998 bis 2006". Insgesamt 19-mal taucht dieser Officer C in dem Bericht auf.

An einer Stelle wird Neubürger zur Last gelegt, Warnungen über Bestechungsgelder in Nigeria nicht hinreichend nachgegangen zu sein. Im Herbst 2003 war aufgefallen, dass die Telekommunikationssparte von Siemens mehr als vier Millionen Euro Honorar in bar an jene "Geschäftsberater" am Ort gezahlt – sprich: sie geschmiert – hatte. Neubürger sei darüber informiert worden, habe die Sache an den Finanzchef der Sparte delegiert, sie dann aber nicht weiterverfolgt. Vor der Münchner Staatsanwaltschaft gab er später zu Protokoll, in diesem Fall hätten bei ihm "rote Ampeln aufleuchten müssen".

Die US-Ermittler vermerken in ihrem Bericht aber auch Entlastendes: Im Juli 2004 etwa hielt Neubürger eine Rede vor hochrangigen Siemens-Managern, in der er als Erster im Zentralvorstand eine "starke und direkte Botschaft aussandte, dass Korruption nicht toleriert würde und den Siemens-Prinzipien von Integrität zuwiderlaufe". Der Finanzchef schlug strengere Kontrollen und härtere Strafen für Mitarbeiter vor, die sich nicht an die Regeln hielten.

Klar ist, dass bei Siemens lange eine tief verwurzelte Korruptionskultur geherrscht haben musste. Zwar war die Bestechung ausländischer Amtsträger bis 1999 nach deutschem Gesetz nicht verboten – die Aufwendungen konnten sogar von der Steuer abgesetzt werden –, doch auch danach tat die Konzernführung zu wenig, um das Unternehmen vor Korruption zu schützen. Einen schlagkräftigen Kontrollapparat, wie Siemens ihn heute hat, bauten die Manager nicht auf.

Heinrich von Pierer hat dafür die politische Verantwortung übernommen. Im April 2007 legte er den Aufsichtsratsvorsitz nieder. Auch Neubürger hätte zurücktreten müssen, wäre er nicht schon früher aus dem Unternehmen ausgeschieden. Doch wer im Einzelnen schuldig oder unschuldig ist, darüber entscheiden in einem Rechtsstaat Gerichte.

Juristisch zerfielen die Vorwürfe gegen Neubürger zu Staub. Im Juli 2011 stellte die Münchner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen nach viereinhalb Jahren ein. Zu einer Anklage kam es nie. Neubürgers Verhalten wurde nicht einmal als Ordnungswidrigkeit gewertet. Im Gegenzug spendete er 400.000 Euro für gemeinnützige Zwecke.

Rechtlich war Neubürger unschuldig, beruflich stand er trotzdem vor dem Nichts. Seinen Job bei KKR war er inzwischen los. Ehemalige Arbeitskollegen behaupten, er sei bei Klienten wegen der Korruptionsvorwürfe nicht länger vermittelbar gewesen. Vertraute im Umkreis der Familie sagen, sein Job sei der Finanzkrise zum Opfer gefallen. Fest steht, dass der große Dealmaker, dem der Posten in London wie auf den Leib geschneidert war, nicht länger mitspielte. Mit 54 Jahren war seine Karriere – vorbei. Alles, was Neubürger konnte und wofür er geschätzt wurde, hatte er verloren. Am Ende blieb ihm noch ein Aufsichtsratsmandat bei der Deutschen Börse. Ein Nebenjob.

Wie ein Kainsmal hatte sich der Siemens-Skandal auf Neubürgers Biografie verewigt: Er war ein Manager mit Makel.

Was mit Neubürger geschehen sei, nennt Joachim Faber, der mit ihm im Aufsichtsrat der Deutschen Börse saß, "eine untragbare Diskreditierung und Kriminalisierung". Faber kritisiert, dass Manager heute unter Generalverdacht stünden. "Der kleinste Fehler in der Vergangenheit wird aufgespießt und nach den Maßstäben von heute bewertet." Auch wenn damals noch ganz andere Standards gegolten hätten.

Andererseits, müssen Menschen mit Millionengehältern das nicht aushalten können? Sind ihre dicken Boni nicht auch Schmerzensgeld? "Es wäre gesellschaftlich sicher verträglicher, wenn alle Manager, sagen wir, 30 Prozent weniger verdienten", antwortet Faber, "die Kritik an den Gehaltsniveaus darf aber nicht dazu führen, dass man sie wegen der kleinsten Verfehlung öffentlich aufs Schafott führt." Faber ist nicht der Einzige, der ein regelrechtes Jagdfieber auf vermeintlich kriminelle Manager beobachtet. Aber kann das Zusammenspiel aus Konzernjuristen, Staatsanwälten und Journalisten gar eine tödliche Wirkung entfalten?

"Das Urteil hat ihn völlig umgehauen"

Im Januar 2010 verklagte der Siemens-Konzern, den die Korruptionsaffäre insgesamt 2,5 Milliarden Euro gekostet hatte, seinen früheren Finanzchef auf 15 Millionen Euro Schadensersatz. Der Aufsichtsrat unter Leitung von Gerhard Cromme wollte vor den Siemens-Aktionären und den US-Behörden demonstrieren, dass man die ehemaligen Spitzenmanager nicht verschonte. Mit neun von elf Ex-Vorständen hatte sich Siemens bereits auf einen Vergleich geeinigt. Auch Neubürger wäre zu einem Vergleich bereit gewesen, hätte das Unternehmen von ihm nicht eingangs vier Millionen Euro verlangt, deutlich mehr als von den meisten anderen Beschuldigten. Diese Summe konnte Neubürger nicht nachvollziehen, sie kam ihm willkürlich vor. Der Manager hatte etwas Kategorisches, wie beim Gummischlumpf seiner Tochter ging es ihm ums Prinzip: Sollte doch ein Richter darüber urteilen, ob er Schadensersatz zahlen sollte oder nicht.

Neubürger verschätzte sich gewaltig: Im Dezember 2013 verurteilte ihn das Landgericht München in erster Instanz wegen vernachlässigter Aufsichtspflichten zur Zahlung der vollen 15 Millionen Euro. Die Richter gingen von Organhaftung aus: Sie machten Neubürger also nicht für seine persönlichen, sondern für Versäumnisse des gesamten damaligen Siemens-Vorstands verantwortlich. Ein solches Urteil hatte es in Deutschland noch nicht gegeben. Es schreckte die gesamte Unternehmenswelt auf: Würde es rechtskräftig werden, wäre in Deutschland kein Manager mehr sicher. Er müsste künftig mit seinem Privatvermögen für Missstände im Unternehmen haften. "Das Urteil hat ihn völlig umgehauen", sagt ein Freund, der anonym bleiben möchte, über Neubürger.

Was in dem Manager nach dem Richterspruch vorgegangen sein muss, kann am besten ein Psychologe erklären. Thorsten Kienast war einst ärztlicher Direktor der privaten Max Grundig Klinik im Schwarzwald, heute betreibt er eine Privatpraxis in Hamburg. Zu ihm kommen Manager mit Ängsten, Depressionen und Selbstmordgedanken. Neubürger war kein Patient von Kienast, aber der Psychotherapeut kennt ähnliche Fälle. "Jemand, der so tief fällt, dem bleiben nur noch seine eigenen Ideale", sagt er. Glaubt man den Todesanzeigen, dann war Neubürger von dem Selbstbild geleitet, ein geradliniger und prinzipientreuer Mensch zu sein. "Als ihm dieses Ideal öffentlich abgesprochen wurde, muss ihn das in seinem Wertesystem vernichtend getroffen haben", sagt Kienast. So jemandem bleibt wenig, was ihn im Innersten zusammenhält.

Noch hielt es Neubürger zusammen. Er ging in Berufung. Die 15 Millionen Euro konnte er nicht stehen lassen. Sie hätten ihn nicht nur finanziell ruiniert, sie hätten ihn auch zum Gesicht des Siemens-Skandals gemacht, zum korruptesten Manager mit der härtesten Strafe. Also verhandelte Neubürger mit Siemens hinter den Kulissen doch über einen Vergleich. Selbst der Konzern fand das Urteil offenkundig zu hart, 15 Millionen von Neubürger zu kassieren, nannte Aufsichtsratschef Cromme auf der Hauptversammlung im Januar "unangemessen". Siemens war bereit, sich mit einem Sechstel der ursprünglich verlangten Summe zufriedenzugeben: 2,5 Millionen Euro.

Ein Suizid, sagt Kienast, habe nie nur eine Ursache. Bei Neubürger kamen mehrere Dinge zusammen: Durch die Bestechungsvorwürfe sah er seine eigenen Ideale verraten. Der Ruf des korrupten Managers war an ihm haften geblieben, er selbst aber sah sich als ehrlicher Kaufmann. Dieser Widerspruch muss ihn zerrissen haben. Zudem stand er vor den Trümmern seiner Karriere. In dem Abschiedsbrief, den Neubürger hinterlassen hat, schrieb er – das erzählen Personen, die ihn gelesen haben –, dass er keine Kraft mehr gehabt habe. Der Streit mit Siemens hatte ihn aufgezehrt. "Nach acht Jahren Kampf konnte er einfach nicht mehr", sagt der anonyme Freund, der den Brief ebenfalls kennt.

Und doch wäre Heinz-Joachim Neubürger heute vielleicht noch am Leben, hätte sich, gleich nachdem der Kampf mit Siemens beendet war, nicht ein neues Schlachtfeld aufgetan. Im November 2014 erhob die Athener Staatsanwaltschaft Anklage gegen 64 Personen wegen Bestechung und Geldwäsche, unter ihnen Neubürger.

Der Vorwurf: Siemens soll in den neunziger Jahren knapp 70 Millionen Euro Schmiergeld an die griechische Telekommunikationsgesellschaft OTE gezahlt haben, um an einen Milliardenauftrag zu kommen. Athen könnte den Massenprozess im Streit mit Europa ausschlachten, um dem Wahlvolk zu zeigen, dass man mit einstigen Spitzenmanagern nicht zimperlich umgehe, erst recht nicht mit deutschen. Wird der Prozess, der noch in diesem Jahr beginnen soll, zu einer Abrechnung mit Deutschland, wäre für Neubürger nicht nur alles von vorn losgegangen. Es hätte auch alles noch schlimmer enden können.

"Griechenland war nicht das Fass, aber es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", sagt Thomas Ganswindt, der ebenfalls zu den Beschuldigten im Griechenland-Prozess zählt. Der ehemalige Siemens-Vorstand, der 2006 zehn Tage lang in Untersuchungshaft genommen wurde, saß schon in München auf der Anklagebank, bevor sein Strafprozess gegen Geldauflage eingestellt wurde. An einem Vormittag im März nimmt Ganswindt in einem Café in der Maxvorstadt Platz, wo zu dieser Stunde Studenten und junge Mütter Zeit vertrödeln. Den Mantel behält er während des Gesprächs an, als könnte er jederzeit die Flucht ergreifen, selbst vor Kinderwagen.

Ganswindt ist der Mensch, der sich in den Angeklagten Neubürger zum Schluss wohl am besten hineinversetzen konnte. Beide waren noch jung, als die Korruptionsvorwürfe aufkamen, beide wollten noch etwas werden. Also boten sie Siemens die Stirn und kämpften vor Gericht um ihre Rehabilitation. Ganswindt war vermutlich der Letzte, der mit Neubürger gesprochen hat. Er war es, der am Abend des Selbstmords gemeinsam mit ihm beim Italiener saß.

"Er hat für seine Arbeit gelebt, deshalb hat er so gelitten, als er kaltgestellt wurde", sagt Ganswindt. Ob Neubürger Hobbys hatte? Da muss er überlegen: "Indien vielleicht." Bevor Neubürger Finanzchef wurde, schickte ihn Siemens für eine Zeit lang nach Mumbai. Er kehrte als Fan des Landes zurück, später studierte er in London ein wenig indische Kunstgeschichte. "Aber eigentlich kannte er keine Freizeit", sagt Ganswindt. "Bei Siemens arbeitete er 200 Prozent, danach stürzte er sich in den Rechtsstreit." Neubürger wälzte Akten, vertiefte sich ins Prozessrecht. Sein großes Thema wurde die sogenannte D&O-Versicherung, das ist eine Art Haftpflichtversicherung, die Unternehmen für ihre Manager abschließen. In einer Rede auf dem Juristentag in Hannover prangerte Neubürger die Mängel dieser Managerhaftung an, in einem Gastbeitrag in der Börsen Zeitung forderte er Reformen. Er blieb ein manischer Arbeiter.

Niemand sah den Suizid kommen

Den Preis, den er dafür zahlte, waren eine gescheiterte Ehe und Kinder, die er kaum aufwachsen sah. Über seine beiden erwachsenen Töchter habe Neubürger manchmal gesprochen, erzählt Ganswindt, "aber das war mehr aus einer Distanz".

Niemand sah den Selbstmord kommen. Als Ganswindt am Tag nach dem Abendessen davon erfuhr, erzählt er, sei sein erster Gedanke gewesen: Jemand muss ihn von der Brücke gestoßen haben! "Er hat immer den Eindruck vermittelt, als ertrage er das alles tapfer", sagt Neubürgers Anwalt Eberhard Wahle. Wenige Tage vor seinem Tod hatte Neubürger ihn und zwei weitere Anwälte per Mail zu einem gemeinsamen Abendessen in Stuttgart eingeladen, um das Ende des Rechtsstreits mit Siemens zu feiern. Er freue sich, schrieb er, auf ein Wiedersehen im März "unter erfreulicheren Umständen als unsere Treffen in der Vergangenheit". Dazu kam es nicht mehr.

Neubürger machte die Dinge, das erzählen Menschen, die ihn in den letzten Jahren erlebt haben, mit sich selbst aus. Er kehrte seine Gefühle auch dann nicht nach außen, als es innen längst brodelte. Offenbar war der Manager zum Schluss ganz allein.

Vielleicht war das Neubürgers eigentliches Versäumnis in all den Jahren: dass er sich neben der Arbeit kein Leben bewahrt hatte, das ihn in der Stunde der tiefsten Verzweiflung aufgefangen hätte. Doch darüber urteilen kann kein Gericht der Welt, das steht nur seiner Familie zu.

An einem Nachmittag im Mai sitzen drei Frauen aus der besseren Gesellschaft im Café Reitschule am Englischen Garten in München, hinter der Glasscheibe traben gestriegelte Rappen geräuschlos über die Sägespäne der Reithalle. Es sind Neubürgers zweite Ehefrau, eine erfolgreiche J.P.-Morgan-Managerin, die er schon aus seiner Zeit bei Siemens kannte, und seine beiden Töchter, Ende 20 und Anfang 30. Sie haben lange darüber nachgedacht, ob sie sich auf ein Treffen mit der ZEIT einlassen wollen. Bis zum Schluss haben sie gezweifelt und wägen ihre Worte nun so genau, als müssten sie vor Gericht aussagen. Sie reden, ohne etwas über den Verstorbenen zu erzählen. "Mein Mann war immer bemüht, eine Diskussion zur Sache und nicht zu seiner Person zu führen", sagt die Witwe. Alles, was über diesen Satz hinausgeht, soll nicht an die Öffentlichkeit.

Die zweite Flasche Mineralwasser ist getrunken, ohne dass die Frauen Einblick gewähren in das Verhältnis zu ihrem Mann und ihrem Vater. Deshalb kann man als Außenstehender nur ahnen, wie sehr auch sie unter der öffentlichen Jagd auf ihn gelitten haben müssen. Und wie sehr sie erst unter dem Tod dieses Mannes leiden, der sich ihnen im Moment der völligen Hoffnungslosigkeit nicht anvertraute.

Es gibt in dieser Geschichte aber doch noch eine Stunde der Wahrheit. Am Nachmittag des 20. März 2015 versammeln sich an die 500 Trauergäste in der St.-Michael-Kirche in der Münchner Fußgängerzone. Die Jesuitenkirche zwischen Marienplatz und Stachus war Vorbild für den barocken Kirchenbau in Süddeutschland und einst das geistliche Zentrum der Gegenreformation in Bayern. An diesem Ort ist München besonders katholisch.

Auf der Kirchenbank hat sich die Siemens-Prominenz von heute und einst niedergelassen: Siemens-Chef Joe Kaeser sitzt da, Finanzvorstand Ralf Thomas und Personalchefin Janina Kugel sind gekommen, die Familienerben Nathalie und Peter von Siemens, Heinrich von Pierer, Thomas Ganswindt sowie viele ehemals beschuldigte Ex-Vorstände. Auch viele frühere Mitarbeiter von Neubürger sind da. Die Männer tragen feine Mäntel, die Frauen edle Schals, manche Hut.

Neubürger sei manchmal in die Michaelskirche gekommen, um der Orgelmusik zu lauschen, erzählt der Pater. Zu seinem Gedenken spielt der Organist heute Fauré, eine Sopranistin singt das Ave Maria von Bach und Gounod. Joachim Faber von der Deutschen Börse hält eine Rede.

Die erste Ehefrau, von der sich Neubürger noch während seiner Zeit bei Siemens getrennt hatte, und die zweite Ehefrau, mit der er zuletzt in London lebte, sitzen in der ersten Reihe. Daneben haben die beiden Töchter Platz genommen, die eine blond, die andere brünett.

Die Töchter treten vor den Altar und beginnen ihre Rede mit einer Entschuldigung: Die Anwesenden mögen es ihnen verzeihen, wenn sie heute keine gemeinsamen Erlebnisse mit dem verstorbenen Vater teilten. Stattdessen wollten sie drei Bitten an die Gemeinde richten, die sie im Wechsel vortragen.

Die erste Bitte: "Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Kinder, auch wenn Ihre Kinder diese Zeit nicht einfordern." Sie hätten den Vater nie bei der Arbeit gestört, weil sie keine weitere Verpflichtung für ihn sein wollten. Später, als er dann mehr Zeit gehabt hätte, seien sie zu beschäftigt gewesen, erwachsen zu werden. "Das war ein Fehler."

Die zweite Bitte: "Sagen Sie Ihren Kindern, dass Sie sie lieb haben und stolz auf sie sind." Als sie ihre Mutter gefragt hätten, ob der Vater sie liebe, sei ihre Antwort gewesen: "Euer Vater arbeitet so viel, weil er euch so lieb hat." Er habe der Familie materielle Sicherheit bieten wollen. "Doch was", fragen die Töchter nun, "sind alle materiellen Güter gegen einen Vater, der uns nicht mehr zum Traualtar führen kann?"

Schließlich Bitte Nummer drei: "Sprechen Sie mit Ihren Kindern über Ihre Gefühle." Ihr Vater habe Probleme stets mit sich selbst ausgemacht, seine Sorgen kaum jemandem anvertraut. Der letzte Appell, den die Töchter von Heinz-Joachim Neubürger an die versammelte Managerzunft richten, lautet: "Bitten Sie Ihre Familie um Hilfe!"