Im Januar 2010 verklagte der Siemens-Konzern, den die Korruptionsaffäre insgesamt 2,5 Milliarden Euro gekostet hatte, seinen früheren Finanzchef auf 15 Millionen Euro Schadensersatz. Der Aufsichtsrat unter Leitung von Gerhard Cromme wollte vor den Siemens-Aktionären und den US-Behörden demonstrieren, dass man die ehemaligen Spitzenmanager nicht verschonte. Mit neun von elf Ex-Vorständen hatte sich Siemens bereits auf einen Vergleich geeinigt. Auch Neubürger wäre zu einem Vergleich bereit gewesen, hätte das Unternehmen von ihm nicht eingangs vier Millionen Euro verlangt, deutlich mehr als von den meisten anderen Beschuldigten. Diese Summe konnte Neubürger nicht nachvollziehen, sie kam ihm willkürlich vor. Der Manager hatte etwas Kategorisches, wie beim Gummischlumpf seiner Tochter ging es ihm ums Prinzip: Sollte doch ein Richter darüber urteilen, ob er Schadensersatz zahlen sollte oder nicht.

Neubürger verschätzte sich gewaltig: Im Dezember 2013 verurteilte ihn das Landgericht München in erster Instanz wegen vernachlässigter Aufsichtspflichten zur Zahlung der vollen 15 Millionen Euro. Die Richter gingen von Organhaftung aus: Sie machten Neubürger also nicht für seine persönlichen, sondern für Versäumnisse des gesamten damaligen Siemens-Vorstands verantwortlich. Ein solches Urteil hatte es in Deutschland noch nicht gegeben. Es schreckte die gesamte Unternehmenswelt auf: Würde es rechtskräftig werden, wäre in Deutschland kein Manager mehr sicher. Er müsste künftig mit seinem Privatvermögen für Missstände im Unternehmen haften. "Das Urteil hat ihn völlig umgehauen", sagt ein Freund, der anonym bleiben möchte, über Neubürger.

Was in dem Manager nach dem Richterspruch vorgegangen sein muss, kann am besten ein Psychologe erklären. Thorsten Kienast war einst ärztlicher Direktor der privaten Max Grundig Klinik im Schwarzwald, heute betreibt er eine Privatpraxis in Hamburg. Zu ihm kommen Manager mit Ängsten, Depressionen und Selbstmordgedanken. Neubürger war kein Patient von Kienast, aber der Psychotherapeut kennt ähnliche Fälle. "Jemand, der so tief fällt, dem bleiben nur noch seine eigenen Ideale", sagt er. Glaubt man den Todesanzeigen, dann war Neubürger von dem Selbstbild geleitet, ein geradliniger und prinzipientreuer Mensch zu sein. "Als ihm dieses Ideal öffentlich abgesprochen wurde, muss ihn das in seinem Wertesystem vernichtend getroffen haben", sagt Kienast. So jemandem bleibt wenig, was ihn im Innersten zusammenhält.

Noch hielt es Neubürger zusammen. Er ging in Berufung. Die 15 Millionen Euro konnte er nicht stehen lassen. Sie hätten ihn nicht nur finanziell ruiniert, sie hätten ihn auch zum Gesicht des Siemens-Skandals gemacht, zum korruptesten Manager mit der härtesten Strafe. Also verhandelte Neubürger mit Siemens hinter den Kulissen doch über einen Vergleich. Selbst der Konzern fand das Urteil offenkundig zu hart, 15 Millionen von Neubürger zu kassieren, nannte Aufsichtsratschef Cromme auf der Hauptversammlung im Januar "unangemessen". Siemens war bereit, sich mit einem Sechstel der ursprünglich verlangten Summe zufriedenzugeben: 2,5 Millionen Euro.

Ein Suizid, sagt Kienast, habe nie nur eine Ursache. Bei Neubürger kamen mehrere Dinge zusammen: Durch die Bestechungsvorwürfe sah er seine eigenen Ideale verraten. Der Ruf des korrupten Managers war an ihm haften geblieben, er selbst aber sah sich als ehrlicher Kaufmann. Dieser Widerspruch muss ihn zerrissen haben. Zudem stand er vor den Trümmern seiner Karriere. In dem Abschiedsbrief, den Neubürger hinterlassen hat, schrieb er – das erzählen Personen, die ihn gelesen haben –, dass er keine Kraft mehr gehabt habe. Der Streit mit Siemens hatte ihn aufgezehrt. "Nach acht Jahren Kampf konnte er einfach nicht mehr", sagt der anonyme Freund, der den Brief ebenfalls kennt.

Und doch wäre Heinz-Joachim Neubürger heute vielleicht noch am Leben, hätte sich, gleich nachdem der Kampf mit Siemens beendet war, nicht ein neues Schlachtfeld aufgetan. Im November 2014 erhob die Athener Staatsanwaltschaft Anklage gegen 64 Personen wegen Bestechung und Geldwäsche, unter ihnen Neubürger.

Der Vorwurf: Siemens soll in den neunziger Jahren knapp 70 Millionen Euro Schmiergeld an die griechische Telekommunikationsgesellschaft OTE gezahlt haben, um an einen Milliardenauftrag zu kommen. Athen könnte den Massenprozess im Streit mit Europa ausschlachten, um dem Wahlvolk zu zeigen, dass man mit einstigen Spitzenmanagern nicht zimperlich umgehe, erst recht nicht mit deutschen. Wird der Prozess, der noch in diesem Jahr beginnen soll, zu einer Abrechnung mit Deutschland, wäre für Neubürger nicht nur alles von vorn losgegangen. Es hätte auch alles noch schlimmer enden können.

"Griechenland war nicht das Fass, aber es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", sagt Thomas Ganswindt, der ebenfalls zu den Beschuldigten im Griechenland-Prozess zählt. Der ehemalige Siemens-Vorstand, der 2006 zehn Tage lang in Untersuchungshaft genommen wurde, saß schon in München auf der Anklagebank, bevor sein Strafprozess gegen Geldauflage eingestellt wurde. An einem Vormittag im März nimmt Ganswindt in einem Café in der Maxvorstadt Platz, wo zu dieser Stunde Studenten und junge Mütter Zeit vertrödeln. Den Mantel behält er während des Gesprächs an, als könnte er jederzeit die Flucht ergreifen, selbst vor Kinderwagen.

Ganswindt ist der Mensch, der sich in den Angeklagten Neubürger zum Schluss wohl am besten hineinversetzen konnte. Beide waren noch jung, als die Korruptionsvorwürfe aufkamen, beide wollten noch etwas werden. Also boten sie Siemens die Stirn und kämpften vor Gericht um ihre Rehabilitation. Ganswindt war vermutlich der Letzte, der mit Neubürger gesprochen hat. Er war es, der am Abend des Selbstmords gemeinsam mit ihm beim Italiener saß.

"Er hat für seine Arbeit gelebt, deshalb hat er so gelitten, als er kaltgestellt wurde", sagt Ganswindt. Ob Neubürger Hobbys hatte? Da muss er überlegen: "Indien vielleicht." Bevor Neubürger Finanzchef wurde, schickte ihn Siemens für eine Zeit lang nach Mumbai. Er kehrte als Fan des Landes zurück, später studierte er in London ein wenig indische Kunstgeschichte. "Aber eigentlich kannte er keine Freizeit", sagt Ganswindt. "Bei Siemens arbeitete er 200 Prozent, danach stürzte er sich in den Rechtsstreit." Neubürger wälzte Akten, vertiefte sich ins Prozessrecht. Sein großes Thema wurde die sogenannte D&O-Versicherung, das ist eine Art Haftpflichtversicherung, die Unternehmen für ihre Manager abschließen. In einer Rede auf dem Juristentag in Hannover prangerte Neubürger die Mängel dieser Managerhaftung an, in einem Gastbeitrag in der Börsen Zeitung forderte er Reformen. Er blieb ein manischer Arbeiter.